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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-22 · Heft 30 (22.7.1879) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 30 (22.7.1879)
Date
1879-07-22
Page
Seite 466 (sequence 2)
Language
German
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föimen h~v a^cr Achtung vor Herrn Astruc und bei voller w>crlennung der ausgezeichneten Sprache, die ihm zu Gebote steht, nicht verhehlen, daß die Abhandlung durchaus ungenügend und so oberflächlich ist, daß die Darstellung der mosaischen Moral nur darunter leiden konnte. Die ganze Frage ist so wichtig und durch ihre öffentliche Behandlung so brennend, daß wir uns in längerer Ausführung mit ihr beschäftigen muffen. Das „Journal de Bruxelles“ greift Astruc an, weil er über die mosaische Moral in einer, allen positiven Religionen feindlichen Revue geschrieben habe. Run-, wenn man für die positive Religion eintritt, ist es ja am lobenswerthesten, mitten in das feindliche Lager einzudringen. Aber es fetzt auch dem Verfasser die Pistole auf die Brust. Es sucht in der Arbeit des Großrabbinen vergebens die Antwort auf die Fundamentalfrage: ist die mosaische Moral das Resultat einer übernatürlichen Offenbarung oder nicht? „Wenn ja, so ist das Judenthum ein positiver Cultus, und wir begreifen die priesterlichen Functionen des Herrn Astruc, jedoch nicht seine Verbindung mit den Liberalen (Freidenkern). Wenn nicht, so unterscheidet sich die Lehre des Herrn Astruc in nichts von der des Herrn Janson oder Van Humbeeck und alsdann sind die priesterlichen Functionen des Großrabbinen vollkonnnen unnütz." Das clcrikale Journal erweist hier seine Unkenntniß des Judenthums. Der Rabbiner hat keine „priesterlichen Functionen", er ist Religionsgelehrter und Religionslchrer, nichts Anderes. Hat ihm die Gemeinde einige ceremonielle Functionen übertragen, z. B. die Trauung, so könnte jedes andere jüdische Individuum, das einige Sachkenntniß besitzt, dieselben auch ausüben. Der clcrikale Gegner hat also in dieser Antithese sein Ziel verfehlt. Dagegen vertheidigt La Flandre Liberale Herrn Astruc damit, daß dieser allerdings die göttliche Offenbarung der mosaischen Moral verneint habe, indem er sage, daß die Moral Mosis „unabhängig von jedem Dogma sei und daß sie ihre ewige Basis in den Tiefen des menschlichen Gewissens habe." Ist dies aber der Fall und sind die Vorschriften Mosis die natürliche und nothwendige Frucht der Vernunft, wozu wäre dann eine göttliche Offenbarung nothwendig für sie gewesen? Gerade ebenso wie eine übernatürliche Mittheilung der Gottheit nothwendig gewesen, um dem Menschen zu lehren, daß die gerade Linie die kürzeste und daß die Winkel eines Dreiecks gleich zwei rechten seien, da schließlich die Moral Mosis gleich sei der des Sokrates und des Plato, des Cicero und des Marc-Aurel. Fragen wir zuerst, ob Astruc wirklich gesagt, was sein Vertheidiger vorbringt. In der That sagt er, daß er die theologische Frage, d. h. über die Offenbarung, nicht berühren wolle, da sie im Grunde sehr gleichgültig sei (bien tju’cu sonimo trcs-indillercnte au fond des cliosos). Run, wir werden hierauf gegen Ende unsrer Besprechung zurückkonnnen. Der Verfaffer sagt weiter, daß aus seiner einfachen und getreuen Darstellung „für jeden unbefangenen Geist resultiren werde, daß die Moral von Moses, ihrer Zeit voranschreitend, nicht unwürdig der unsrigen sei." Ein schwächeres Zeugniß kann wohl kein Jude für die Moral der heiligen Sd)rift ab legen, und eine stärkere Liebedienerei gegen die Gegenwart kann auch nicht geübt tverden! Welches Moralsystem hält denn der Verfaffer für das „unsrer Zeit"? Das Moralsystem Kant's, Fichte's, Hcgel's, oder das System des Materialismus, Positivismus, Pessimismus, Darwinismus rc., oder das Moralsystem des Jesuitismus, welchem gegenwärtig der gesammte Ultramontanismus in allen Ländern beistimmt? Wir können diese Frage Herrn Astruc nicht ersparen. Er fährt fort: „Vielleicht gelingt es uns, zu zeigen, daß diese große Moral von jedem ausschließlichen Dogmatismus frei ist und ihre ewige Basis in den Tiefen des menschlichen Gewissens findet." Diese Aussprüche müffen wir entschieden zurückweisen. Sie können nur aus der oberflächlichsten und willkürlichsten Behandlung des Gegenstandes erftießen. Die mosaische Moral hat ihre Basis in dem Ausspruch: „Ihr sollt Euch heiligen, denn ich der Ewige, Euer Gott, bin heilig." Aus dieser einen Ouelle fließen alle Strömungen des mosaischen Gesetzes, das allerdings nicht auf die Paar Moralsprüche beschränkt ist, welche der Verfasser aus dem Pentateuch herausholt. Auck) hierüber tverden wir weiter unten ausführlich handeln. Astruc erkennt dies auch an, indem er „die Heiligkeit" als Ouelle der mosaischen Moral bezeichnet. Wie vermag er dann aber zu sagen, daß die mosaische Moral nicht in einem ausschließlichen Dogma wurzele? Der Glaube an Gott, der Glaube an einen einzigen Gott, der Glaube an die Allheiligkeit Gottes, Glaubenslehren, welche der ganzen heidnischen Welt cntgcgentraten, noch mehr, der Glaube an die Gottebenbildlichkeit der Seele und daß diese den Menschen Gott nachzueifern befähige und verpflichte, ebenfalls Glaubenslehren, welche ausschließlich dem Mosaismus angehörten, sind in jenem Fundamentalsatze enthalten, und das ganze mosaische Gesetz, einschließlich dessen, was Astruc mosaische Moral nennt, ist abhängig von diesem Grundsätze und kann ohne denselben nicht verstanden werden x). Gehen wir weiter. Sind diese Zehnacbote wirklich ohne Dogma? Spricht nicht das erste Wort den Glaubenssatz an den ewigen Gott aus, und in seinem Zusatz in national-geschichtlichem Gewände die Lehre von der göttlichen Vorsehung, der Befreierin aus dem „Hause der Knechte"? Spricht nicht das zweite Wort die Verwerflichkeit alles Götzendienstes und alles Bilderdienstes aus, also die Lehre von der Einzigkeit und der Unkörperlichkeit Gottes, und in feinem Zusatze von der göttlichen Vergeltung in Bestrafung und Belohnung? Kann man also von den Zehnworten sprechen, 1) 3 Mos. 19, 20 zeigt dies auf's Deutlichste. Es kommt hierbei daraus an, in systematischer Darstellung das ganze Gesetz folge-! richtig aus diesem obersten Sittengesetz abzuteiten. Wir haben dies ui unsrer ausführlichen Religionslehre Band Hl. gethan. Ein! Blick auf die Inhaltsübersicht S. XL belehrt darüber.

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