Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1879)
- Date
- 1879-07-15
- Page
- Seite 456 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227261--37303-3256701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
456 Nutzen. Haben wir daher aus dem specisischen Gesichtspunkte wenig zu fürchten, da wir ja seit längerer Zeit schon wissen woran wir sind, so ist uns doch das allgemeine Interesse zu wichtig, um nicht an dem Scheidewege, an welchen jetzt unser Staat und das ganze Reich versetzt ist, uns schmerzlich ergriffen zu fühlen. Berlin, d. 22. Juni. (Privatmitth.) Heute fand hier die erste General-Versammlung des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina statt und durften dessen Bestrebungen, durch bessere Erziehung des verwahrlosesten Theiles der jüdischen Jugend im gelobten Lande zur Hebung der so traurigen dortigen Zustände beizutragen, auch das Interesse vieler ihrer Leser beanspruchen können. Die Versammlung war der Mitgliederzahl entsprechend besucht und wurden die ausscheidenden provisorisch ernannt gewesenen Mitglieder des Verwaltungsraths : Herr M. I. Rodenstein, Commerzienrath Friedländer, Professor Dr. Graetz (Breslau,, A. H. Heymann, Commerzienrath Samuel Jaffe (Posen), Stadtrath O. Lachmann, Herrmann Landshoff, Ascher Levy (Solpin), Rechtsanwalt H. Levy, Dr. Lewy, G. Löwenberg, Jul. Szkolny, Rabbiner Dr. Ungerleider wieder gewählt, und neugewählt: Herr Jacob Hamburger, Louis Jaffe. Der Vorsitzende legte nunmehr Bericht über die bisherige Thätigkeit des Vereins und gab zu dem Zweck eine kurze Geschichte der Entstehung und Entwicklung desselben. Nach Rückkehr einiger Herren, welche jetzt der Verwaltung des Vereins angehören, von einer Reise nach Palästina im Jahre 1872, machten diese auf die traurigen Verhältnisse in Betreff der Jugenderziehung bei unfern Glaubensbrüdern daselbst aufmerksam und schlugen vor, zunächst für den verlassensten Theil, die Waisen, welche nicht selten den Verlockungen der Missionäre anheim fallen, Sorge zu tragen. Der Vorschlag fand Beifall und wurden Comitös zur Sammlung von Beiträgen zur Errichtung jüdischer Waisenhäuser in Palästina gebildet, deren Leitung das Local-Comit«; in Berlin übernahm. Mit den Verhältnissen Palästinas vertraute Autoritäten, wie der leider zu früh verstorbene Dr. Albert Cohn in Paris (welcher 7 mal in Jerusalem war und die Nothschild'schen Humanitären Anstalten dort gegründet), so wie der deutsche General-Consul Herr v. Alten, ebenso wie dessen Secretär der gelehrte Dr. Kersten, gaben in warmen Worten ihre Zustimmung zu erkennen. Ersterer erklärte das Unternehmen für das segensreichste von allen bis dahin für die Palästinensischen Juden errichteten Anstalten und das deutsche Consulat spricht geradezu die Erwartung aus, daß die wohlhabenden Israeliten Europas, welche ja der PIege der Künste und Wissenschaften wesentlich ihre einflußreiche Stellung verdanken, ihr Scherflein zu solch segensreichem Werke gern und als Tribut der Dankbarkeit darbringen werden. Der Vortragende widerlegte den oft gemachten Einwurf, daß es. im eigenen Lande genug der Noch gäbe, die zu stillen näher liege, als sich um entfernte Dinge zu bekümmern mit der sehr richtigen Bemerkung, daß die Bekenner des Judenthums, ohne die Pflichten gegen das Vaterland zu verletzen, doch nie vergessen können, daß sie Glieder der Familie Jacob's seien und für diese Sorge zu tragen hätten, soweit sie zerstreut sind. Das jüdische Herz sei aber auch groß genug und der jüdischen Wohlthätigkeit seien auch immer noch die Mittel zugefloffen, für die Nothleidenden in der Ferne Hülfe zu schaffen, ohne die Bedürftigen in der Nähe zu beeinträchtigen. Mehr aber als irgendwo verdienen die Glaubensgenoffen in dem Lande unsere Beachtung, welches die Wiege unseres Stammes gewesen, in welchem jeder Berg, jedes Thal) jeder Fluß, ja fast jeder Stein ein Zeuge unserer glorreichen wie unserer Leidensgeschichte ist. Auch könne uns der Culturzustand der Glaubensgenossen im heiligen Lande um unsrer selbst willen nicht gleichgültig sein; mehr als 10,000 Pilger, ein großer Theil den gebildeten Ständen angehörig, besuchen jährlich Palästina und machen ihre Schlüffe, von dem Zustande der dortigen Juden, auf das Judenthum selbst, welches ihnen als darnach eulturfeindlich erscheinen muß. Der Vortragende berichtete weiter, daß das Comile, nachdem die gesammelten Fonds zur Errichtung einer eigenen Anstalt nicht genügend erschienen, mit dem Central-Comite der Alliance israelite ein Abkommen getroffen habe, und soweit die Zinsen des gesammelten Capitals und die jährlichen Spenden ausreichen, in der Anstalt Mikweh Israel Waisen und verlassene Kinder (jetzt 6 Knaben) gegen mäßige Pension erziehen lasse. Zur Consolidirung des Unternehmens fand das Comite es für geeignet, einen Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina zu errichten, und wurde dieser durch Unterzeichnung des Statuts am 10. Decbr. 1878 iu's Leben gerufen. Derselbe findet rege Theilnahme und ist die Zahl der Mitglieder im steten Wachsen. Es wird dies besonders durch die vom Vorstande ernannten Delegirten in den verschiedenen Provinzen des deutschen Vaterlandes gefördert und wurde als besonders wirksam die Thätigkeit der Herren Rabbiner, Dr. Adler in. Cassel, Salvendy in Dürkheim, Dr. Cohn in Potsdam dankend hervorgehoben. Als die Nächstliegende Ausgabe für den Verein bezeichnete der Vorsitzende, 1) die Anstellung eines geeigneten Ehepaares zur Pflege, Erziehung und Ausbildung der Waisen den im Statute sestgesteüten Grundsätzen gemäß und 2) behufs Erlangung der zur Erreichung des eigentlichen Zieles, der Errichtung einer selbstständigen Erziehungsanstalt, erforderlichen Mittel: der Werbung von Mitgliedern resp. Erlangung von Spenden und bat die anwesenden Herren den Vorstand unterstützen zu wollen. Der Schriftführer theilte hierauf der Versa,nmlung die Namen der Herren mit, welche sich bereit erklärt haben als