Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1879)
- Date
- 1879-07-15
- Page
- Seite 453 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Gärtner, der an einem alten Baume viele Zweige, die sonst reiche Früchte trugen, absterben und abfallen steht, ja oft selbst abbrechen muß, ohne daß er neue Zweige in frischer Kraft hervorbrechend, gewahrt, die ihrerseits die Hoffnung auf gute Ernte erwecken. In dieser Anschauung fühlt der Redner eine tiefe Unzufriedenheit mit der Entwicklung der neuen Zeit, in die er doch selbst hineingehört, und eine Schwermuth bemächtigt sich seiner, die er überall bewußt und unbewußt zum Ausdruck bringt. Die Farben sind düster, die er auf seiner Palette mischt, und er ringt selbst nach dem Lichte, das er seinen Bildern geben möchte. Der Zwiespalt zwischen seinem Ideal und der Wirklichkeit, deren er doch nicht Herr werden kann, und welcher er gewiffe Berechtigung nicht abzustreiten vermag, ist in seinem eigenen Geiste zu stark, als daß die Klage darüber nicht stets aus seinem Munde kommen sollte- Solche Stimmungen sind aber nicht vornehm abzuweisen, und stehen den vielen hohlen Phrasen weit an Werth voran, mit welchen jüngere Kanzelrcdner oft die religiösen und sittlichen Schäden unsrer Zeit zu verdecken suchen. Pest, im Juli. Man ist längst zu der Ueberzeugung gelangt, daß es noch vieler special-geschichtlicher Vorarbeiten bedarf, bevor eine vollständige Geschichte der Juden geschrieben werden kann, darum ist jede Monographie, jeder noch so schwache Versuch auf diesem Gebiete ein tvillkommener Beitrag zur Gesammtgeschichte. Mit Freuden begrüßen wir daher auch die beiden in jüngster Zeit erschienenen historischen Arbeiten: „Memorie .Sloriche sulia eoimmita i.srariitica Ferrarense di Abramo Pesaro“ (Ferrara 1878), und „Geschichte der Juden am Bodensee und Umgebung: Nach gedruckten und u.igedruckten Quellen dargestellt von Dr. L. Lö wen stein- 1. Theil. (1879, Selbstverlag des Verfassers." Herr Pesaro liefert eine Geschichte der alten Gemeinde Ferrara, welche, soweit die Quellen reichen, in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts entstand und welche den aus anderen Staaten vertriebenen Juden häufig Schutz und Asyl geboten hat. Die Geschichte der Juden in Ferrara zerfällt in dre Perioden: die Juden unter der Herrschaft des Hauses Este, das sich immer tvohlwollend gegen sie gezeigt hat; die Juden unter päpstlicher Herrschaft (1589—1879) und unter italienischer Herrschaft, oder die neueste Zeit. Der Verfasser, welcher die einschlägigen Arbeiten von Frizzo, Ascoli, auch eine im Archiv der genannten israelrtischen Gemeinde befindliche handschriftliche Sammlung, die C'ollexione Alincrbi, sorgfältig benutzt hat, beschränkt sich nicht blos auf das Politische, sondern behandelt auch mehr oder weniger ausführlich die jüdischen Gelehrten, welche in Ferrara längere oder kürzere Zeit gelebt haben, wie Abraham. Farissol, den portugiesischen Arzt Amato Lusitano, den berühmten Asaria de Rossi, Jsaaco Lampronti, der Verfasser des pns* ins, über den von Herrn Bened. Levi, Rabbiner in Ferrara, eine besondere auch hier benutzte Monographie erschienen ist, die Familie Alatino u. A. Ungern vermiflen tvir die jüdischen Dichter Ferraras, die diesbezügliche Arbeit tten. Levi (TUT 'N21 in der hebräischen Zeitschrift pain TC2 X, 4) scheint dem Verfasser nicht bekannt zu sein. Von besonderem Interesse ist die neueste Geschichte der jüdischen Gemeinde Ferrara, dieselbe beweist, wie schnell die Emancipation eine vollendete Thatsache geworden ist. Herr Pesaro hat sich durch sein Memorie den Dank aller Freunde der jüdischen Geschichte und Literatur erworben. An die herrlichen User des Bodcnfees versetzt uns die ztveite rubricirte Schrift. Herr Dr. Löwenstern, Bezirksrabbiner in Gailingen (Baden), liefert weniger eine Geschichte der Juden am Bodensee, als vielmehr die Geschichte der Juden in den am Bodensee gelegenen Orten Ucberlingen und Constanz und die Geschichte der Juden in Schaffhausen und Dießenhofen; er hat diese Plätze auch aus dem Grunde zunächst in's Auge gefaßt, „tveil gemeinsame Vorgänge der Darstellung ein einheitliches Gepräge aufdrücken" (S. XII.), warum hat er aber dann die Geschichte dieser vier Orte nicht auch einheitlich dargestellt? Die Geschichte der Juden am Bodensee unterscheidet sich tvenig von der der Juden in Deutschland im Allgemeinen, > dieselben Beschuldigungen, dieselben Leiden. Bald wurden sie! angeklagt, Christenkinder getödtet, Brunnen vergiftet zu haben,! bald wurden sie gemordet oder vertrieben, bald wurden sie wieder zugelassen, um nach einigen Jahrzehnten wieder den Wanderstab zu ergreifen. Der Verfasser hat das Material zu seiner Schrift aus vielen gedruckten Quellenschriften und, wie es in der Einladung zur.Subscription heißt, aus „zahlreichen handschriftlichen Quellen" nicht ohne Mühe und Anstrengung zusammengctragen und verdient sein Streben umsomehr Anerkennung, als derselbe auf einem Torfe wohnt. Der Verfasser hat auch „verschiedene Urkunden wörtlich nach den Originalien; wiedergegeben", nur hätten tvir gewünscht, daß er auch an- : gezeigt, welche von seinen Urkunden bereits früher gedruckt! und tvelche von ihm zum ersten Male „wörtlich nach den Originalien" veröffentlicht sind. So heißt es S. 143 „Orig.- j Uff. im Cantons-Archiv", welcher Canton hier gemeint ist, j erfahren tvir nicht. Nun ist aber diese Urkunde von Kirch- I Hofer in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Juden in delc; Schtveiz" vor nahezu 00 Jahren im „Schweizerischen Geschichtsforscher VI." bereits veröffentlicht. S. 125 ff. wird ohne Angabe der Quelle eine Urkunde mitgetheilt, welche in dieser Zig. Jahrg. 184i nach Angabe des Verfassers „sehr sehler- ' hast" abgedruckt ist; nun aber stimmt dieselbe mit der in der - Ztg. abgedruckten bis auf wenige Druckfehler genau überein,! Herr Dr. Lötvensiein hat sie auch nicht wörtlich nach dem j Original, sondern aus Chmel's Kcgusta Kuperti copirt.! Ueberhaupt wirft der Verfasser zu viel mit Originalurkunden und Handschriften um sich; so verweist er S. -50 ff. auf das!„Rathsbuch", „das alte Bürgerbuch", auf eine „Urkunde im