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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-15 · Heft 29 (15.7.1879) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 29 (15.7.1879)
Date
1879-07-15
Page
Seite 450 (sequence 2)
Language
German
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450 scheinen. Ich gestehe offen, daß ich dringend wünsche, die Zeitungen unterließen dies. Ich sehe kein öffentliches Interesse in der Verbreitung solcher traurigen Nachrichten, glaube vielmehr, daß das allgemeine stttliche Bewußtsein des Volkes durch die Gewöhnung an solche Vorgänge abgestumpft wird. Schlimm genug, daß die Nedacteure durch solche Pikanterien das große Lesepublicum zu reizen glauben. Allein die Thatsache bleibt dieselbe, und wir brauchen nur einen Blick auf die Rollen der Quartalsitzungen des Schwurgerichts auch 'des kleinsten Gerichtsbezirkes zu werfen, um jene in ihrem ganzen düsteren Umfange zu erkennen. Und um so auffälliger ist uns diese Vermehrung der Verbrechen, als die außerordentlichen Fortschritte des politischen und socialen Lebens, die Herrschaft des Rechtes, der Gleichheit vor dem Gesetze, der gesetzlichen Freiheiten, der Humanität namentlich in allen Wohlthätigkeitsanstalten und Einrichtungen und endlich in dem Volksunterrichte und der Volksbildung in den letzten Jahrzehnten offenbar sind, und z. B. für den Volksunterricht von Staat und Gemeinde jetzt mindestens das Fünffache verausgabt wird als früher. Von den kirchlichen Wortführern hört man täglich, daß diese Verwilderung des Volkes, namentlich auch der Jugend, von dem wachsenden Mangel an kirchlichem Sinne und kirchlichem Leben herrühre, und daß mit der Abnahme der kirchlichen Autorität auch der Verfall des sittlichen Zustandes des Volkes Hand in Hand gehe. Ohne diese Behauptung ganz und gar verneinen zu wollen, muß ich doch den Umstand dagegen geltend machen, daß in denjenigen Gegenden, in welchen die Kirchlichkeit noch in großem Maße obwaltet, die Zahl der groben Verbrechen nicht geringer ist, als in anderen. Ich kann dies aus eigenster Beobachtung erhärten. Im katholischen Rheinlande hat der Eulturkampf die unbedingte Autorität der Kirche und die Anhänglichkeit aller Schichten des Volkes an ihr erwiesen, der Kirchenbesuch, sowie das ganze kirchliche Leben ist stark, und doch zeigt die Criminalstatistik hier keine schwächeren Resultate als in den Provinzen, wo die Zunahme der ungetauften Kinder und der kirchlich nicht eingesegneten Ehen, sowie der äußerst schwache Kirchenbesuch den Mangel an allem kirchlichen Sinn und Leben in selbst unerwartetem Umfange darthut. Dahingegen ist es nicht zu verkennen, daß hinsichtlich des Selbstmordes, der verhältnißmäßig in den sogenannten gebildeten Schichten viel mehr grassirt, als in den unteren, die zersetzenden Doctrinen des Atheismus, Materialismus, Pessimismus, Darwinismus ff. den traurigsten Einfluß geübt haben. In der Tagesliteratur, besonders auch in^einem Theile der Tagespresse macht sich die Gottesleugnung und die Verneinung der Unsterblichkeit der Seele in der ungezwungensten, frechsten Weise breit; der Glaube an Gott und Unsterblichkeit wird verhöhnt und als veraltetes Vorurtheil behandelt. Was Wunder, daß in den davon angesteckten Geistern, wo jede Ehrfurcht vor Gott und die Furcht vor der göttlichen Vergeltung, die über das Grab hinausreicht, geschwunden ist und der Mangel an jeder Ueberzeugung entnervend gewirkt hat, so daß die. Widerstandskraft fehlt und die Feigheit Platz genommen, jede irgend verzweifelte Lage den Gedanken an den Selbstmord herbeiführt und zur That macht? Eine solche geistige Atmosphäre breitet sich auch nach unten aus, mögen daselbst jene Doctrinen auch nicht zu Kenntniß und Bewußtsein kommen. Hier ist es, we wir auf einen Grund des Wachsthmns der Verbrechen kommen, von welchem ich mich loszumachen nicht vermag: die Abschreckung. Denn am Ende wirkt die Furcht vor Gott und die Furcht vor dem menschlichen Richter und seiner Strafe psychologisch in gleicher Weise, wenigstens bei der Masse der Menschen. Man hat nun die Wirksamkeit der Abschreckung durch Strafe geleugnet, und als Beweis dafür angeführt, daß diese Abschreckung die Verbrechen nicht gehindert habe, und man erzählte von Vergehen, die bei den öffentlichen und recht grausamen Hinrichtungen vorgekommen seien. Der letztere Umstand will nichts beweisen. Denn überall, wo große Volksmaffen zusammenströmen, stellen sich auch Uebelthäter aller Art ein, um im Gedränge ihre Künste zu üben. Die Beseitigung solcher Hinrichtungsschauspiele ist auch aus ganz anderen Motiven geboten. Daß die Furcht vor der Strafe allen Verbrechen ein Ende machen könne, hat noch Niemand behauptet. Aber wenn seit der Abschaffung der Todesstrafe —' wenn auch nicht immer durch das Gesetz selbst — die Zahl der Mordthaten und gefährlichen Körperverletzungen außerordentlich gewachsen, seit der Abschaffung der Prügelstrafe jeder Art die Frechheit der Jugend und der Verbrecher überaus zugenommen hat: so kann vor dieser Thatsache der Zusammenhang beider Erscheinungen nicht durch bloßes Verneinen widerlegt werden. Jede unbefangene psychologische Beobachtung lehrt uns, daß die Furcht vor üblen Folgen in des Menschen Seele ein wirksamer Factor für dessen Thun und Lassen ist. Diese Furcht vor schädlichen Einflüssen und Wirkungen wird nicht alle leichtsinnigen und böswilligen Handlungen verhindern, aber sie thut es doch in unzähligen Fällen. Kein Pädagoge wird leugnen, daß die Furcht vor Strafe ein Erziehmittel sei, nicht blos um das Kino von einer augenblicklichen bösen Handlung zurückzuhalten, sondern auch um es allmälig an das Bessere zu gewöhnen, bis dieses in der Kindesseele die Oberhand gewonnen. In den Grundzügen der Seele bleibt sich aber der Mensch durch das ganze Leben hindurch gleich. Der Tod verliert — wenigstens in der Ueberzahl der Menschen — seine Schrecken in keinem Stadium des Menschenlebens, und ich habe Leute gekannt, die Zeit ihres Lebens über Tod und Todesfurcht spöttelten, als der Tod ihnen nahte, in unsägliche Angst geriethen. Es ist also gar nicht abzusehen, wie. die Todesstrafe, selbstverständlich auf die bestimmtesten Fälle begrenzt, nicht abschreckend auf die Menschen wirken

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