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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-15 · Heft 29 (15.7.1879) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 29 (15.7.1879)
Date
1879-07-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Cm unparteiisches Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung ersLeint wöchentlich ein ma l in 2 bi« 2'/, Bogen. Prei» Vierteljährig 3Mark. Inserate werden mir 20 Pf. für die Peiirzeile oder deren Raum berechnet. Alle Postämter und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Phllippson tu Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet.! In redaktionellen Angelegenheiten . :rende man sich an I>r. e. Phllippson in ' Bonn: hinsichtlich der Inserate an A. , Woss, in vcivns und dcffcn Filialen , in Berlin. Breslau :c. Jrlseralr, u clche bi» vonnktilaeingehen, 1 finden in der daraussolgenden Nummer! . Berücksichtigung. 43. Jahrgang. Leipzig, den 15. Juli 1879. M 29. Inhalt. Leitende Artikel: Ueber die Humanität im Strafrecht (Schluß). — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnackinchten: Deutschland: Berlin, Hannover. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Lemberg. — Rumänien: Bukarest, Wien, Jassv, Bukarest, Jassy, Bukarest. -Cetleucye (fXthlicf. Bonn, 9. Juli. Weber die Humanität im Strafrecht. (Schluß.) Sie appelliren, werther Freund, an meine persönlichen Erfahrungen, und da muß ich mir Wohl gestatten, mich etwas in die Vergangenheit zu versetzen. Ich bin durchaus kein „Lobredner früherer Zeiten"; ich weiß die großen Errungenschaften unserer Zeit zu würdigen und habe an fcciit Kampfe um dieselben nach meinen Kräften und Verhältnissen einen regen Antheil genommen. Aber Geschichte und Erfahrung haben mich gelehrt, daß jede Epoche bei allen Schwächen, Verirrungen und Schäden, an denen sie leidet und mit welchen sie späterer Entwicklung nachsteht, doch auch gewisse Vorzüge, besondere Eigenschaften besitzt, die ihre Zustände leidlicher machten. Ich habe meine erste Jugend in jener Residenz eines kleinen Staates verbracht, welche in cultnrhistorischer Beziehung in Deutschland und in der die jüdische Gemeinde innerhalb des deutschen Judenthums einen Ehrenplatz einninnnt. Nun, damals gingen in diesem Lande Jahrzehnte vorüber, ohne daß auch nur. eine Mordthat oder lebensgefährliche Körperverletzung oder ein Selbstmord vorkam. Aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts und der Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Säcnlums drangen die schreckenerregenden Erzählungen über den Mord eines reichen Prinzen in einen, entlegenen Dorfe und eines wandernden Juden in einer entlegenen Waldgegend tvie Legenden in unsre Kinderstuben ein, und man zeigte mit Grausen die Stätte, wo die Verbrecher hingerichtet wurden. Auch eines einzigen Selbstmordes und zwar einer betrogenen alten Jungfer erinnere ich mich, sotvie der schmählichen Art, tvie deren Leiche nach dem Friedhofe gebracht und in einem Winkel unter einem Pflaumenbaume verscharrt wurde, von dessen reichen Früchten seitdem Niemand mehr essen wollte. Selbst von Raufereien hörte man nur selten, getvöhnlich nur an den Zunfttagen der Maurer und Zimmerlente. Dabei, wie gesagt, gehörte dieses Ländchen zu den geistig belebtesten Deutschlands und tvar mit vielen trefflichen Einrichtungen, selbstverständlich auf patriarchalischem Fuße, versehen. Blicken tvir von hier aus auf die gegentvärtigen Zustände, so kann inan sich der schwersten Bedenken und eines tiefgehenden Schmerzes nicht erwehren. Raubmord, Tvdtschlag, schwere Verletzungen durch Messer und Revolver und besonders Selbstmord sind an der Tagesordnung und werden in erschreckendster Weise von allen Orten her täglich gemeldet. In der Stadt, in welcher ich dies schreibe, einer Stadt von noch nicht o0,000 Einwohnern, sind jüngst in einer Woche drei Selbstmorde vorgekommen! Das steigende Anschwellen der groben Verbrechen, namentlich auch gegen die Sittlichkeit, erweist die Statistik, besonders in erschreckendem Maße seit den letzten drei bis vier Jahrzehnten. Unwillkürlich fragt man, woher kommt dies? — Zunächst wird man entwenden, daß gegentvärtig die Zeitungen alle diese Fälle von weit und breit her täglich vermelden, so daß sie gegen frühere Zeit viel häufiger

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