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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-08 · Heft 28 (8.7.1879) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 28 (8.7.1879)
Date
1879-07-08
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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443 gebildete Männer, Aerzte, Juristen u s. w. in dieser Beziehung sich in einem Zustand der Wehrlosigkeit befänden. Einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Aber solle man die Zweifel in das Gemüth der Jugend tragen? Solle schon die Schule zum Schlachtfelde der Meinungen werden, die sich in der wissenschaftlichen Welt bekämpfen? Keiner, der nur einen Funken pädagogischen Tact besitze, werde dieses wollen. Jndeß die Zweifel, die der Lehrer der Jugend nicht sagt, soll er selbst nennen, er lehre positiv, aber so, daß er künftigen Zweifeln begegne, künftige Einwürfe abstumpfe. Die Frage sei nicht so wichtig, als sie scheine, ob der Lehrer freisinnig oderorthodox sei — dieses letztere Wort habe überhaupt auf jüdischem Boden keinen Sinn — jedoch von entscheidender Wichtigkeit sei es, das; er warm für seine Religion sei. Wenn auch nur in einem verborgenen Winkel im Geiste des Lehrers ein Rest von Earl Vogt oder Büchner stecke, so sei er verderblich. Es nützt nichts, wenn der Lehrer eine Art von doppelter Buchführung einsühre und sein privates Denken von Dem trennen will, was er öffentlich lehrt. Niemand sei so scharfsichtig wie die Jugend. Darum gilt es: „Ihr Lehrer, seid achtsam auf Eure Worte!" Der Lehrer müsse vertraut sein mit dem wiffenschaftlichen Geiste der Gegenwart, wenn auch keine speciellen Studien von ihm gefordert werden könnten. Nicht Alles, was sich Wissenschaft nenne, sei es darum wirklich. Der Materialismus z. B. sei wissenschaftlich völlig überwunden. Kein ernster Mann rede heute von Vogt und Büchner als von philosophischen Köpfen. Aber der Vorzug der Deutschen, ihre Fähigkeit, sich zu vertiefen, habe auch Schattenseiten. Der Deutsche verfällt leicht in Mystik und fühlt sich wohl in einer Art von Denknebel. In Deutschland allein könne es Vorkommen, daß ein sonst ganz gescheidter Mann sagt: er glaube nicht an einen persönlichen Gott, aber er glaube an das Ideal, er habe eine begeisterte Hingebung an das All. Diese schönen Worte haben alle nur einen Sinn, wenn wir den Glauben an Gott voraussetzen. Wer in Frankreich und England so redete, der würde sich dem allgemeinen Gelächter preisgebcn. Darum komme die jüdische Klarheit und beleuchte die deutsche Tiefe und leite die Jugend so, daß sic sich in diesen Nebeln nicht verliere. Der Redner beschränkte sich nicht aus allgemeine Bemerkungen, sondern wies an einzelnen Beispielen nach, wie der Lehrer positiv unterrichten und dennoch Zweifeln Vorbeugen, sie im Voraus entkräften könne. Wir können die Fülle der geistvollen und anregenden Betrachtungen nicht erschöpfen. Wie einst Mose — so schloß der Redner — Holz in die bitteren Waffer geworfen habe, daß sie süß wurden, so könne der Lehrer, wenn er anders vom rechten Holze sei, schon durch seinen Unterricht die bitteren Einflüsse materialistischer Ideen aufheben'). 1) Indem wir den Ansichten des .Herrn Dr. Joel den vollen Beifall schenken, gestatten wir uns eine Bemerkung. Auch an uns Rauschender Beifall lohnte dem Redner, der durch diese Ansprache, obgleich er nicht in Talar und Baret dastand, dennoch der Versammlung die priesterliche Weihe gegeben hat. Bei der nunmehr vorgenommenen Neuwahl des Vorstandes erhielten Dr. Brann-Breslau 43, I)r. Badt-Breslau und Dr. Cohn-Oels je 42, Dr. Samuclsohn-Breslau 41, Herbst - Lissa (Posen) 37, Wassertri Hing-Bojanowo 31, Blumenfeld-Schweidnitz 30 Stimmen.- Die übrigen zersplitterten sich. Der Vorstand des vorigen Jahres ist fomtt wieder gewählt und nahm dankend die Wahl an. Durch Acclamation wurden die bisherigen Vertrauens»,änner von den aus den einzelnen Negienmgsbezirken erschienenen Mitgliedern tviedcr ernannt. Es folgte die Berathung des Statuts der Unterstützungscasse. Beim Eintritt in die Generaldebatte machte Dr. B adt- Breslau darauf ausinerksam, daß der vorliegende Entwurf das Ergebniß langwieriger und anstrengender Arbeit sei. Erst nach eingehendem Studium der Statuten der bereits bestehenden Lehrerunterstützungscaffen und nach reiflicher Erwägung der in den Provinzen Schlesien und Posen obwaltenden und in manchen Stücken abweichenden Verhältniffe seien die einzelnen Bestinm,ungen festgesetzt worden, Nachdem die Vorstandsmitglieder unter einander eine Verständigung gesunden, habe Herr Dr. Honigmann-Breslau, welchem der Vorstand zu besonderem Dank verpflichtet sei, sich der Mühe unterzogen, das ganze Werk einer nochmaligen Prüfung zu unterwerfen. Dieser umgeänderte Entwurf sei dann in einer gemeinsamen Vorstandssitzung, an welcher auch Herr Dr. Honig»,ann theilzunehmen die Freundlichkeit hatte, mit unwesentlichen Modificationen gebilligt und als Vorlage für die heutige Versammlung zum Druck befördert worden. I», Anschluß daran ersucht Dr. Honig,,,ann, mit.Abänderungsvorschlägen, so einleuchtend sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, äußerst vorsichtig zu sein. Die Vorlage stelle ein festes Gefüge dar, dessen einzelne Theile genau in einander passen. Unscheinbare Aenderungen, deren Tragweite inan im Augenblick gar nicht ermessen könne, könnten das ganze mühsam zu Stande gebrachte Werk wieder in Frage stellen. Dazu koimne, daß bis zum Beginn der Berathung schriftlich formulirte Anträge nicht sind schon ähnliche Fragen und Bitten, jüngst erst von einigen stu» dirende'n Jünglingen aus Hamburg, gerichtet worden. Gerade aus dem Gesichtspunkte des Redners ist aber nicht zu verkennen, daß eine große Anzahl jüdischer Religionslehrer sich selbst zu.wenig in ihre Lehrgegenstände vertiefen, sondern mit dem Oberflächlichsten sich begnügen, und eben so wenig die vorhandenen Hülfsmittel, auf die Jugend zu wirken, zu benutzen sich beeifern. Gerade für die Gymnasial- und studirende Jugend haben wir unser „Lehrbuch der israelitischen Religion (Wien, holder, 1878)" herauSgegeben, und Autoritäten, amtliche und nichtamtliche, haben sich über den Werth dieses Buches ausgesprochen. Aber wie wenige Lehrer fühlen sich gedrungen, das Werk in die Hände der Jugend zu bringen, für welche es unentbehrlich sein müßte!! Man klagt so viel über den Jndisserentismus in der Laienwelt — ist er allem > in dieser grassirend? Redaction. 28*

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