Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1879)
- Date
- 1879-07-08
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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441 druckten und ungedruckten Quellen dargestellt von l>i. L. Löwcnstein. Th. I. (Selbstverlag des Verf. 1879. Der Ort ist nur aus der Unterschrift des Vorworts zu ersehen, nämlich Gailingen in Baden, wo der Vers. Bczirksrabbiner ist.) Es ist eine sehr gute und empfehlenswerthe Arbeit, die uns hier vorliegt. Der Vers, hat mit großem Fleiße aus den archivalischen Quellen und den ihm zu Gebote stehenden Bibliotheken geschöpft, und seine Darstellung ist anziehend. Anziehend? Darf man dieses Wort mit Recht anwenden, wo die Bilder neben den dunkelen Schatten der Bedrückung noch so viele Blutlachen der scheußlichsten Mordthaten aufweisen? Die sittliche Entrüstung, die jeden jüdischen wie christlichen Menschenfreund ergreift, treibt den Leser an, die düsteren Gemälde weiter zu beschauen, und von ihnen erst mit dem Ende des Buches zu scheiden. Das Anziehende in der Darstellung liegt gerade in der Einfachheit der Sprache, die nicht darauf ausgeht, durch Pathos und Aufreizung der Gefühle die Erschütterung des Gemüthes zu verstärken, sondern Licht und Schatten nur nach der geschichtlichen Wahrheit zu vertheilen, und uns daher vergewissert, daß wir lediglich Wirkliches vor uns haben. Der Verf. giebt in diesem ersten Theile die Geschichte der Juden in Ueberlingen, Constanz, Schaffhausen und Dießenhoscn. Dies sind kleine Städte und kleine Gemeinden. Der Lauf der Dinge wird hier durch nichts Außergewöhnliches unterbrochen und von der geistigen Arbeit der Zeiten ist keine Spur vorhanden. Aber gerade darum geben diese Monographien ein zusammengedrängtes Bild der Motive und Ereignisse, wie sie seit dem Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts bis zum heutigen Tage in der Behandlung der Juden überall vorwalteten. Deshalb ist denjenigen, Juden und Christen, welche eine umfassende Geschichte der Juden durchzulescn nicht Zeit und Lust haben, dieses Büchlein zu empfehlen: sie finden hier Alles in Kleinen, was auf diesem Gebiete im Großen und Weiten überall geschehen ist. In den gedachten Ortschaften siedeln sich im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts besonders in Folge der Vertreibung aus Frankreich, Juden altmalig an ' und bilden kleine Gemeinden mit Synagoge und Friedhof. Nicht bloß durch ihren Fleiß und ihre Geschäftsgewandtheit, sondern besonders auch durch ihre Mäßigkeit und Sparsamkeit, die ihnen zum Theil auch durch ihre Ausstoßung vom gemeinen Leben auferlcgt ist, werden sie wohlhabend und die in Böllerci vielfach versunkenen Bürger gerathen bei ihnen in Schulden. Man denkt daher daran von ihnen frei zu werden. Dazu verwendet man eines der allgemein üblichen Vorwände: Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Kindermord und der Fanatismus giebt dem beutegierigen Pöbel den Vorwand ab, die Juden zu morden und zu plündern., Jndcß kann dies auch ohne solchen Vorwand geschehen, und man stürmt ohne Weiteres aus die Wehrlosen los. Rach einiger Zeit lassen sich gegen hohen Preis und schwere Steuern wieder einige Juden trotz der! blutigen Spuren ihrer gemordeten Väter an diesen Plätzen! nieder, um späterhin ein gleiches Schicksal zu erfahren, bis ihnen die neuere Zeit endlich Sicherheit des Lebens und Eigenthunrs gewährte und vor ungefähr zwei Jahrzehnden die völlige Gleichberechtigung verschaffte. Bei allen diesen früheren Händeln hatten Kaiser und Fürsten ihren Theil insofern, als sie sich die geschehenen „Frevel" durch einen Theil der Beute abkaufen ließen. Dies ist in Kurzem die ganze Geschichte. Was aber die Vorgänge in diesen Städten am Bodensee' besonders bemerklich macht, ist die scheußliche Brutalität der Bewohner. Sie vertreiben die Juden nicht, sie wählen nicht einzelne Opfer ans, sie nehmen sie allesammt gefangen, sperren sie in ein Gebäude, zünden dies an, oder schlagen sic mit Axt oder Schwerdt todt. Was jedoch aus allen diesen Monographien quellenmäßig sich erweist, ist, daß die Juden niemals eine wirkliche Schuld begangen, die zu diesen Unthaten auch nur die geringfügigste Berechtigung oder auch nur Veranlassung gegeben hätte! . . . Wir wünschen aufrichtig, daß die vorliegende Schrift soviel Verbreitung und Förderung finde, daß der Verf. in einem zweiten Theile die Geschichte der Juden in den übrigen Städten, unter denen recht wichtige, herauszugeben vermag. — Rede zur Feier der goldenen Hochzeit des Herrn und der Frau Josef Ritter von Wertheimer gehalten von Dr. Adolf Iellinek. (Wien, Schloßberg 1879.) Selten ist wohl einem so würdigen und verdienten Manne die vollste Anerkennung und der herzlichste Glückwunsch in einer anziehenderen, geist- und gemüthvolleren Form und Sprache dargebracht worden, als in dieser Rede. — Zur silbernen Hochzeit des österreichischen Kaiserpaars erhalten wir nachträglich noch: „Widerspruch und Versöhnung, Festrede von Wilhelm Ochs, Bezirksrabbiner zu Thurocz- St. Mnton." (Preßburg- Verf. 1879.) Homiletisch und ästhetisch wäre wohl Manches gegen diese Rede einzuwendcn. Dennoch steckt in derselben so viel kernige Beredsamkeit uiib theologisches Wissen, daß man von ihr gefesselt wird. — Zur Feier der goldenen Hochzeit des deutschen Kaiserpaares gingen zwei Festreden ein: von Rabbiner lw. D. Leimdörfer (Rvrdhausen, Selbstverlag 1879) und I. Oppenheim, Religionslehrer (Marienwerder, Rar 1879.) Tie letztere wendet in passender Weise das Schriftwort: „Ihr sollt heiligen das fünfzigste Jahr" auf ihren Gegenstand an. — Es. liegen uns aber auch zwei Predigtsammlungen vor: „Sabbath-Predigten zu den Wochenabschnitten des zweiten Buches Moses von Iw. Adolf Schwarz, Stadt- und Conferenz-Rabbiner zu Karlsruhe.", (Karlsruhe, Bielefeld, 1879.) Wir nahmen mit Vergnügen das vorliegende Heft Predigten entgegen, welches den 11. Theil der 1878 erschienenen Predigten zum I . B. Mosis ausmacht, und verweisen aus unser Referat in Nr. 6 des vor. I. Was wir dort über die erste Sammlung gesagt, bethätigt sich auch in.der vorliegenden. Der Verf. versteht es, die Geschichte und 28