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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-08 · Heft 28 (8.7.1879) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 28 (8.7.1879)
Date
1879-07-08
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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436 westlichen Küstenlande von Guinea, eine moslemische Hochschule mit tausend Zöglingen. In "China sind die Moslems bereits so zahlreich geworden, daß sie jüngst einen Aufstand wagen konnten. In Tunkin sind ihrer schon fünfzigtausend. Unter den Matayen auf den Inseln des indischen Archipels haben sie, auch erst in unsren Tagen, Schaaren von Proselyten gemacht. Von Sumatra aus hat sich der Islam nach Java verbreitet, und nun ist — und zwar erst unter holländischer Herrschaft — die ganze Bevölkerung Javas (gegen achtzehn Millionen) mohammedanisch geworden. Sumatra ist gewonnen. Wo immer im indischen Archipel eine bisher heidnische Bevölkerung unter niederländischer Botmäßigkeit steht, macht der Islam reißende Fortschritte, das Christenthum dagegen, trotz der Missionäre und Missionsgesellschaften, nur sehr geringe oder selbst Rückschritte. Auch in Brittisch-Jndien haben, wie Garcin berichtet, erst vor Kurzem zahlreiche Uebertritte, besonders in den nordwestlichen Provinzen, stattgefunden, und sie ereignen sich täglich um so leichter, als brahmanische Vorstellungen und Gebräuche vielfach in das moslemische Religions- Wesen dort eingedrungen sind. Dagegen kommen Uebertritte von Muselmanen zum Christenthum fast nie vor." Als Ursache dieses außerordentlichen Wachsthums giebt Döllinger zunächst, nach der allgemeinen Ansicht die durch Dampfschifffahrt so sehr erleichterte Wallfahrt nach Mekka an, weil die zahlreichen Pilger als die eifrigsten Sendboten des Islam zurückkehren; überhaupt aber, daß dem letzteren der Unterschied zwischen Clerus und Laien fehle, so daß jeder Korangläubige sich verpflichtet fühle, so viel wie möglich Propaganda zu machen, während bei den Christen dies den Geistlichen überlaffen bleibt. Dies ist aber wohl nicht geradezu so anzunehmen. Denn auch der Islam hat seinen geistlichen, wenn auch mehr theologisch-gelehrten Stand, welchem die Laien den Proselytismus ebenso überlaffen könnten. Wir müssen vielmehr sagen, daß die Bekenner des Islam allesammt von einen: Feuer des religiösen Fanatismus durchglüht sind, das jeden Einzelnen zu einer eifrigen Propaganda antreibt. Später giebt Döllinger selbst zu, daß die Dogmen des Christenthums, namentlich die Dreieinigkeit, die Menschwerdung und die Erlösung durch den Tod Jesu und den Glauben daran nicht geeignet sind, den asiatischen und afrikanischen Völkern so einzuleuchten, wie es die einfachen Glaubenslehren des Islam vermögen. Hierzu kommt nun auch die größere Verschiedenheit der Sitten zwischen den Christen und Asiaten und Afrikanern. Nicht wenig endlich trägt zu dem geringen Fortgang des Christenthums in jenen beiden Welttheilen eingestandener Maßen der Umstand bei, daß die Lehrer des Christenthums die höchsten Vorschriften der Moral predigen, während die Christen im Gesichtskreise jener rohen Völkerschaften gerade das Gegentheil von Dem zu thun pflegen, was ihre Sittengesetze verlangen. Kurz, was sich durch die ganze Geschichte bewährt hat, bethätigt sich noch heute, nämlich daß das Christenthum die Religion der abendländischen, der Islam der morgcnländischen Nationen ist, was im Grundcharakter dieser Religionen und dieser Völker liegen muß. Um so mehr erstaunten wir, von Döllinger gleich hinier der oben; citirten Stelle die Phrase zu hören, daß der Islam „im Grunde doch nur eine Secte und judaisirende Pseudoformation des Christenthums sei." Wir wurden dabei lebhaft an Döllinger als den Präsidenten jenes Congreffes erinnert, auf welchem er versuchte, die sämmtlichen christlichen Kirchen und Secten zu einer Unisication zu bringen, und zwar durch Eingliederung, Abschleifung, Verkürzung und Verlängerung einiger dogmatischen Formeln, in die das mächtige Leben dieser überaus verschiedenen religiösen und kirchlichen Erscheinungen auf scholastischem Wege wie in eine Flasche einfiltrirt, bestöpselt und besieg>'lt werden sollte. Eine Religion, welche alle Glaubenslehren des Christenthums vermeint, sich dagegen ein selbstständiges religiöses System aufgebaut hat und in ihren sactischen Einrichtungen einen durchaus verschiedenen Charakter besitzt, für eine Secte oder Pseudoformation des Christenthums auszugeben, dies kann nur aus der kleinlichsten und engsten Auffassung hervorgehen. Gemeinschaftlich haben beide Religionen nur die Schöpfung der Welt durch Gott, von hier ab weichen sie gänzlich auseinander — diese Lehre von der Schöpfung der Welt durch Gott haben beide Religionen vom Judenthume. Ueberhaupt, wollte man den Islam als eine Secte oder Pseudoformation ansehen, so könnte er nur als eine des Judenthums bezeichnet werden. Denn von diesem hat er den strengen Monotheismus, die Veschneidung, einen Theil der Speise- und Reinigkeitsgesetze, seine Rechts- und Agrargesetze u. s. w. Mohammed gründete seine Religion mit breiter Basis auf das Judenthum, das er kannte und dessen Bekenner er an sich zu ziehen so lange suchte, bis er dies Bestreben für vergeblich erkannte; da er aber seinen Glauben für die Krönung des ganzen positivreligiösen Aufbau» angesehen wissen wollte, blickte er auch auf das Christenthum zurück und bediente sich dessen als eines geschichtlichen Stützmittels. Jndeß achtete er mehr Jesus und die Apostel als das Christenthum, das er für verfälscht erklärte. Er polemisirte oft und stark gegen das Christenthum, auch gegen die Inden, aber niemals gegen das Judenthum. Indern also das Wachsthum, die große Expansivkraft des Islam in unseren Tagen constatirt ist, darf jedoch nicht übersehen werden, wie zu gleicher Zeit die Unfähigkeit der Moslemen, einen Staat zu erhalten, immer mehr wächst. Es giebt jetzt keinen islamitischen Herrscher mehr, der nicht in die volle Abhängigkeit von den europäischen Mächten gerathen wäre. Der türkische Sultan, der Schah von Persien, der Khedive von Aegypten und der Bey von Tunis sind die lebendigen Beweise. Der Sultan von Marokko ist noch der Einzige, der sich noch einiger Unabhängigkeit erfreut, aber

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