Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1879)
- Date
- 1879-07-08
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
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435 einer Sache, die ihr nicht ganz in den Kram paßt, oder ihr auch nur nicht ganz gefügig erscheint, eine günstige Seite abzugetvinnen, ist ihr unmöglich. Sie zerrt daran herum, bis es verächtlich oder verhaßt wird nach ihrem Sinne. An einem Gegner nur das geringste Gute zu lassen, ist ihr noch weniger möglich. Jeder Gegner ist ihr ein Bube, ein Schurke oder wenigstens der eigennützigste Mensch, der seine Stellung und Geistesgaben nur zu seinem Vortheil ausbeutet. Jedes Streben ist ihr verdächtig, ja verwerflich, wenn und weil es nicht der Kirche zugewendet ist. Die äußerste Feindseligkeit, die äußerste Grobheit, die Behauptung und selbst Andichtung der extravagantesten Eigenschaften, die Jnsinuirung von Thatsachen, die niemals oder doch nicht so bestanden, erscheinen z. B. Herrn Veullot ganz natürlich. Diese Beschränktheit und deren ebengeschilderte Folgen sind es aber auch, welche die ultramontane Presse weniger gefährlich machen, als man glauben könnte. Die Menschheit ist denn doch auf einem Standpunkt angelangt, wo ihr ein solch' einseitiger Gesichtspunkt, eine so begrenzte Tendenz nicht mehr Zusagen kann, wo selbst die eigenen Anhänger ihrer Sache doch mit der Anschauungsweise der Wortführer nicht übcreinzustimmen vermögen. Wenn die ultramontane Presse die Freiheit für die Kirche fordert, die Wahrheit nur in der Kirche sinder und das Recht der Kirche beansprucht, so mag'sic in den Herzen der Katholiken einen lauten Anklang finden; wenn sie aber dann für „Freiheit, Wahrheit und Recht" zu streiten vorgiebt, wenn sie alle menschliche Freiheit auf die Freiheit, d. h. die Herrschaft der Kirche beschränkt, alle Wahrheit nur innerhalb der Kirchenlehre begrenzt und alles Recht, auch über das gesammte Staatsleben, allein der Kirche zuspricht: so findet sie selbst in zahllosen Katholiken Widerspruch und in der gesummten «katholischen Welt einen vollen Gegensatz. Und darum können ihre Bestrebungen nur zeitlich, örrlich und persönlich wirksam und erfolgreich sein. In ihrer Ucbertreibung, in ihrer Alles überschwemmenden Leidenschaftlichkeit und in ihrer Formlosigkeit liegt das Heilmittel, liegt die sich selbst zerstörende Waffe. Die ultramontane Presse mag sich rühmen, in vielen Geistern das kirchliche Interesse und Leben erhallen zu haben, aber ausgcbreitet und siegreich gemacht hat sie dies; nicht. Das muß sich selbst ein Veullot gestehen, wenn er aus die Wirksamkeit seines Lebens und seiner rastlosen X^citigfcil; zurückblickt. Daß aber die ultramontane Presse firr wahre Religion, für wahre Sittlichkeit und Gesittung, für humanes so jüdisch nennen, wie etwa das „Ausland" des Herrn von Hell-! Wald christlich, während cs den nackten Hacckclianismus, den osicnbarsten Materialismus lehrt. Andere können in dieser Lieblingsbezeichnunz der ultramontanen Presse eine absichtsvolle Gehässigkeit finden, wir erkennen darin eine Albernheit. Dagegen haben wir z. B. gar nichts einzuwenden, wenn die Blätter jener Partei diese Zeitung ein „Judenblatt" nennen, und werden sic dagegen damit einverstanden sein, wenn wir sie „Jesuitenblätter" nennen. und civilisatorisches Leben Nichts, sondern vielfach das Gegcntheil gethan, das wird sie natürlich als Aeußerung der Feindschaft ausgeben, aber — wahr ist es doch! Änaleklen. VI. Die Ausbreitung des Islam. Wir haben schon früher wiederholt bemerkt, daß gegenwärtig der Islam in einer außerordentlichen Ausbreitung begriffen sei. Wir wurden darüber einige Male um ausführlichere Angaben ersucht und nehmen daher Gelegenheit, einige weitere Mittheilungen zu machen. Die große Bedeutung dieser Erscheinung von politischem, religiösem und civilisatorischem Standpunkte ist nicht zu verkennen. Denn wenn einerseits der Islam in religiöser, sittlicher und socialer Beziehung gegen alle heidnischen Religionen, den Brahmanismus (mit seinen Kasten und Menschenopfern) und den Buddhismus nicht ausgenonnnen, ein bedeutender Fortschritt ist, was z. B. die christlichen Asrikareisenden nachdrücklich bekennen, so ist es andererseits, als ob die innere asiatische und afrikanische Welt gegen die von allen Seiten eindringende europäische Herrschaft sich durch den Islam zürn einstigen Widerstande, vielleicht zur dercinstigen Befreiung von dem ihnen verhaßten Fremdenjochc rüsten wollte. Am 28. März d. I. hielt der bekannte Probst I. v. Döllinger einen Vortrag in der k. bayer. Acadcmie der Wissenschaften über „Garcin de Tassy und Indien", und dieser Vortrag ist vollständig in den Beilagen zur A. A. Z. vom 6. April ff. erschienen. Garcin de Tassy war einer der bedeutendsten Kenner des Hindostanischen und gab jährlich Berichte über die Zustände Indiens nach allen Seitei->h::: heraus. Aus diesen durchaus glaubwürdigen und ofsiciell bestätigten Berichten sind auch folgende Angaben geschöpft, welche wir mit den Worten Döllinger's» wiederholen. Garcin giebt die Zahl der Mohamedaner in den britischen Besitzungen Ostindiens auf Ä) Millionen an. Es heißt nun: „Die Religion des arabischen Propheten zeigt uns in der Gegenwart ein seltsames Phänomen: sie entwickelt in ganz Asien und Afrika eine Kraft der Ausbreitung, eine Fruchtbarkeit des Proselytismus, womit sie die Christenheit weit übertrifft." „Blicken tvir", sagt Döllinger, „nun aber auf die gctvaltige Expansivkraft der arabischen Religion, die sich fast ebenso rasch und mächtig durch das friedliche Mittel der Ueberrcdung als vordem durch das Schwert verbreitet, so stehen wir vor einem historischen Räthsel. Sie greift in Afrika wie mit Stromesschnelle um sich; ganze Völkerschaften im Innern des Welttheils, die gestern noch Götzendiener oder Fetischanbeter waren, sind heute Korangläubige. Schon besteht in Sierra Leone, dem nord- 28*