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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-08 · Heft 28 (8.7.1879) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 28 (8.7.1879)
Date
1879-07-08
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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434 rings umher sind, und findet da die Gegenstände des leidenschaftlichen Hasses nicht, die ihm jene Scribenten als solche insinuircn wollen. Merkwürdig ist es, daß ein wesentlicher Factor dieser Wortführer in der „Germania"— die Furcht vor den Minoritäten ist. Dies beweisen sie nicht blos durch die Furcht vor den Juden. Wir haben jüngst eine Stelle aus jenem Blatte citirt, in welcher es aus dem Besuche der höheren Lehranstalten die Folgerung zieht, daß die Christen.zu Parias vor den Juden werden und diese Zeit bald kommen werde. Ueberhaupt ist es ein Lieblingsthema desselben, die Juden als Beherrscher aller Zweige des öffentlichen Lebens darzustellen: die 42 Millionen deutscher Christen sind tief gebeugt vor der halben Million deutscher Juden . . . Daß diese Furcht nicht ganz sinrulirt ist, erweist sich aus dem Umstande, daß die „Germania" dieselbe Furcht vor den Protestanten in Frankreich hegt. Auch da erscheinen ihr die 37 Millionen französischer Katholiken in der größten Gefahr vor der halben Million französischer Protestanten. Man lese nur in ihrer Nummer 139 vvm 21. Juni c. einen Artikel: „Zur protestantischen Propaganda in Frankreich". Die Religion von 1,.s<)0,000 Katholiken in Paris ist von 3i>,000 Protestanten außerordentlich bedroht, besonders da die 40 protestantischen Prediger nichts' weiter zu thun hätten, als Propaganda zu treiben. Am meist«'!, fürchtet sie die protestantischen Schulen, welche auch von SOOÜ katholischen Kindern besucht sein sollen. Daß sie die Protestanten nicht anders behandelt, als sie mit den Juden umzugehen pflegt, ersieht man aus ihrer Behauptung, das; „die ärgsten Coinmunards durch die protestantischen Schulen gegangen seien!" Um dieser Furcht einigen Hi:?tcrgrund zu geben, läßt sie die französischen Protestanten in früherer Zeit „die schlimmsten Gewaltthätigkeiten gegen die Katholiken" verübt und „die älteren Kirchen verbrannt, abgerissen und zerstört haben, wobei zahllose Priester und Ordensleute ihr Leben verloren haben". Sollte man nicht glauben, daß die Bartholomäusnacht von den Protestanten gegen die Katholiken bewerkstelligt worden? daß die Dragonaden, Metzeleien und Austreibungen nicht jene, sondern diese, die Katholiken, betroffen hätten? Sicherlich lag auch all' den Ausschreitungen in der Vergangenheit dieselbe Furcht vor den Minoritäten und deren Einwirkungen zu Grunde, welche, wie wir gesehen, die Vertreter der katholischen Kirche noch heute beherrscht. Und doch hat es sich geschichtlich bewährt, daß der Protestantismus bei allen romanischen Völkern keinen umfänglichen Boden einzunehmen geeignet ist. Bei den romanischen Nationen gilt das Wort, das die Wirthin zu Calvi (Corsica) jüngst Herrn Karl Braun erwiederte: „Entweder mutz man Alles glauben, oder NichtsDaher in Italien, Frankreich, Belgien nur zwei Parteien: strengste katholische Kirchlichkeit oder Freidenkerei, entweder Glaube bis zum Aberglauben oder extremer Unglaube. In diese zwei Parteien spaltet sich das ganze Volk — und dies erscheint uns vom Uebel, von weit größerem Uebel, als der Bestand einiger Minoritäten neben einer überwiegenden Majorität bietet. Was die bewunderungswürdige Seite der ultramontanen Presse ausmacht, ist die strenge Eonsequenz in ihren Anschauungen, in der Art, wie sie jedes Ding ansieht und behandelt. Es waltet darin eine Logik vor, die im Voraus berechnen läßt, wie jene sich über irgend einen Vorgang äußern werde. Sie hält ihren Gesichtspunkt unveränderlich fest und es giebt kein Motiv außerhalb desselben, das sie von ihrem vorgeschriebenen Wege ableiten könnte. Allerdings ist es die Logik der Geistesbeschränktheit und der einseitigste Gesichtspunkt von der Welt. Ihr einziger Grund nämlich ist — der kirchenpolitischc. Insoweit nämlich die Kirche zu ihrem Hauptelemente die Religion hat, kann man nicht sagen, daß die Tendenz der ultramontanen Presse eine kirchliche sei. Vielmehr füllt das Dasein der letzteren nur die unbedingte Herrschaft, die nach außen gehende Macht der Kirche, d. i. der Hierarchie über die Laienwelt aus. Diese Tendenz ist also eine politische, jedoch nur eine kirchlich-politische. Von irgend einer anderen Regung, irgend einem anderen Motiv keine Ahnung. Nicht die Religion an sich, nicht die Politik an sich, nicht Civilisation, nicht Humanität oder dergleichen sind Elemente ihres Denkens und Fühlens. Sie kennt keine Religion, keine Rcligiositär außerhalb der engsten Grenzen des katholischen Kirchenthums. Im Gegentheit ist ihr jede Religiosität, die nicht innerhalb dieser Schranken steht, mehr verhaßt, als der entschiedenste Atheismus; ja sie leugnet die Möglichkeit der Existenz eines solchen religiösen Geistes. Als jüngst in der deutschen Lehrerversammlung in der erhebendsten Weise, mit wahrhafter Begeisterung über den Religionsunterricht in den Schulen gesprochen wurde, ohne daß dabei von der Uebung der kirchlichen Formen die Rede war, wüthete die „Germania" gegen diese Männer und sprach von Maske, die abgerissen, von Heuchelei, die aufgcdeckt werden müsse. Daß auf dem politischen Gebiete Alles und Jedes mit ihrem eigenen kirchenpolitischen Maßstabe von ihr gemessen wird, brauchen wir nicht erst zu erweisen. — Diese Consequenz, bewunderungswürdig an sich, führt aber auch nothwendiger Weise die Schwächen dieser Presse mit sich. Sie macht sie völlig rücksichtslos, auf's Aeußerste parteiisch, kleinlich, geschmacklos und bei Gelegenheit albern *). Irgend l) Oder ift es nicht albern, alle „liberalen" Blätter, von denen euuge sogar grundsätzlich Juden zu Mitarbeitern nickt zulaffen oder nur m äußersten Fällen, alle sog. „liberalen" Blätter ' Judenblätter" zu nennen? oder die „Neue freie Presse" „Juden,noniteur"» Nun mögen immerhin neben den vielen Christen, die an der N fr Pr arbeiten, auch einige Juden daran thätig sein; auch ist rs rühmend anerkennen, daß die N. fr. Pr. sich der bürgerlichen Gleichstelluna der Juden immerfort wacker angenommen hat. Aber dies hindert u'ch.t das Blatt in Wahrheit recht antijüdifch zu sein, noch mehr antljudffch als anüchnstlich, blasphemisch gegen alle positive Religion, gegen allen Gottglauben. Man kann die „N. fr. Pr." gerade

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