Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1879)
- Date
- 1879-07-01
- Page
- Seite 427 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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427 Gemeinde-Mitglied fortschleppen. Die Untersuchung über diesen Skandal ist im Züge. (Lynchjustiz.) Bonn, 22. Juni. (Literarische Notizen.) Der Herr W. M arr (beinahe hätten wir uns versucht gefühlt, den Namen mit einem anderen Buchstaben anzufangcn!) will durchaus an den Juden ein, wenn auch nicht berühmter, wenigstens bekannter Mann werden. Kaum hat ein gewisser „Perinhart" sich das zweifelhafte Verdienst erworben, eine Broschüre gegen das Marr'sche Pamphlet loszulasien, als Marr die heißersehnte Gelegenheit wahrnimmt und eine Antwort giebt: „Vom jüdischen Kriegsschauplatz. Eine Streitschrift." (Bern, Eostenoble 1879.) Da wir von aufgewärmtem Kohle kein Freund sind, überlassen wir diese neue Broschüre Jedem, der sie lesen und besprechen will. Der kluge Verfasser giebt wiederholt zu erkennen, daß der Grund seines Hasies darin zu suchen, daß er durch Juden aus seiner journalistischen Earriere hinausgedrängt sei. Einen solchen vermeintlichen oder begründeten Verdruß kann man Niemandem nehmen, wenn man ihm seinen verlorenen Posten nicht wieder anzuweisen vermag. Marr hatte in seiner ersten Broschüre ausgefordert, man solle ihm zur Gründung einer antijttdischcn Wochenschrift ein größeres Capital zu Gebote stellen. Er berichtet nun, daß ihm 8000 Thaler angeboten wurden, jedoch mit so verschiedenen Angaben über Form und Richtung, daß er es vorziehe, an das .Unternehmen nicht zu gehen. Ist denn aber jetzt, wo eine Caution nicht mehr erforderlich, eine Wochenschrift ein so ungeheures Unternehmen, daß ein großes Capital dazu nöthig wäre, wenn nicht die Nedaction selbst zu große Forderungen für sich stellt. Wir bemerken dies zur Charakterisirung des Mannes. Im Uebrigen enthält das Schriftchen nichts Neues, sondern nur Variationen dessen, was schon im ersten gesagt worden. All' sein Witz geht darauf hinaus: man solle Juden nicht in die Parlamente wählen und Palästina für sie erobern! Herr Marr wird langweilig werden und hieran wird seine Schriststellerci scheitern. — Arbeit und Handwerk im Talmud von Dr. S. M eher (Berlin, Benzian 1878). Der Verfasser bemüht sich nach den vorhergcgangenen Arbeiten über diesen Gegenstand eine erschöpfende Darstellung zu geben und dies ist ihrn materiell gelungen. Wir hätten nur gewünscht, daß auch die allgemeinen Beziehungen hervorgehoben und vergleichende Blicke auf die damaligen Zustände der nichtjüdischen Welt geworfen worden wären. Der Verfasser giebt zuerst Sentenzen und Sprüche über Handwerk und Arbeit, bespricht dann das Verhältniß der Frauen und der Gelehrten zu Arbeit imb Handwerk und endlich die höhere oder niedere Stellung der verschiedenen Handwerke und Arbeiten in der Volksmeinung, sowie daß eine zunftartige Organisation der Gewerke bestanden habe. — Die Neligionsphilosophie des Abraham ibn Daud aus Toledo. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Religions- Philosophie und der Philosophie der Araber. Von Dr. I. Guttmann, Landrabbiner zu Hildesheim. Göttingen, Vandenhoek und Ruprecht, 1879. Langsam, denn der Mittel sind nur wenige, aber sicher, geht die Erforschung der Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie vorwärts, und die letzten Jahrzehnte haben sehr förderliche Arbeiten auf diesem Felde gebracht. Den interessanteren, aber bis jetzt dunkleren Thcil bildet die Epoche zwischen Saadja und Maimonides. Denn da der Letztere den Höhepunkt der jüdischen Neligionsphilosophie im Mittelalter bezeichnet, und die sich an ihn anknüpfende, theils polemische, theils weiter entwickelnde Literatur offener zu Tage liegt, ist die Frage nach den Vorgängern des Moreh um so tvichtiger, da weder Saadja noch Gabirol, noch Juda Halevy direct auf Maimonides und dessen aristotelisches System hinführen. Diese empfindliche Lücke wird durch die vorliegende Arbeit über Abraham ibn Daud wesentlich ausgefüllt, da die 1850 erschienene Schrift Gugenheimer s über denselben Gegenstand ungenügend war und erst zwei Jahre später das philosophische Werk Daud's, die Emunah Ramah, herausgegeben wurde. Wußte doch Fürst (Bill. jud.) noch nichts von dessen Existenz. Die Emunah Ramah lehnt sich durchaus inhaltlich und formal an Aristoteles an, in der Ethik.vielfach an Plato und erweist eine genaue Kenntniß der arabischen Philosophie. Ohne die Genialität des Maimonides zu besitzen, bietet er uns doch die wesentlichsten Anhaltpunkte, ja geradezu ein' Vorbild für denselben, und wenn ihn Maimonides nicht namhaft macht, so geschah dies nach der Weise, die in damaliger Zeit gebräuchlich war, die Vorgänger zu benutzen, ohne sie zu nennen. Daß Maimonides den Abraham ibn Daud gekannt und benutzt hat, weist der Verfasser der vorliegenden Schrift nach. Es ist demnach das generelle Verdienst des Verfassers, die vormaimonidische Zeit für die jüdische Neligionsphilosophie bedeutend klarer gemacht zu haben, was schon aus dein Gesichtspunkte wichtig ist, daß dadurch die jüdische Neligionsphilosophie nicht als das besondere Gut einzelner Geister, sondern als eine fortlaufende Geistesarbeit, also als eine continuirliche Wissenschaft markirt wird. Im Besonderen nun hat der Verfasser die Ideen Daud's ebenso klar wie gründlich an's Licht gestellt und uns seine metaphysischen, psychologischen und ethischen Gedanken zur Erkenntnis; gebracht, was um so schwieriger war, da die Sprache Daud's knapp und selbst bisweilen dunkel ist, und die Edition seines Werkes sehr mangelhaft geblieben. Scharfsinn, Umsicht und Sachkenntniß standen dabei dem Verfasser zur Seite. 27*