Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1879)
- Date
- 1879-07-01
- Page
- Seite 426 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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426 zum Präsidenten gewählten C. A. Nosetti hat ihre Bedeutung. Dieser bekannte Führer der nationalliberalen Partei konstatirte nämlich in erster Reihe, daß im Orient noch eine gar gewaltige Gährung herrsche und die Grundlagen noch nicht gefunden worden seien, welche die Sicherung einer längeren Ruhe, eines andauernden Friedens versprechen würden. Europa befinde sich noch in einem Gährungsprozesse, hervorgerufen durch die verschiedenartigsten, mit einander kollidircnden Interessen; es sei daher gebieterisch nothwendig, daß alle Parteien in der schweren, von außen her noch schwieriger gemachten Judenfrage einig seien, damit die Frage in einer Weise gelöst werde, tvelche uns „abermals und auch aus politischen Felde die Bewunderung Europas" erwerben soll. Seit gestern halten die Revisions-Kanunern keine öffentlichen Sitzungen mehr ab, sondern berathen in considentietlen Versammlungen die schwere Frage des Tages. Die Negierung hat den Kammern versprochen, alle aus die Frage Bezug nehmenden diplonmtischcn Actenstücke vorzulcgen und denselben Alles mitzutheilen, tvas ihr über die Stimmung der Mächte in dieser Richtung bisher bekannt geworden ist. Die National- Bcrtretung soll sodann die Initiative ergreifen, unr die Lösung in einer practischen, die Forderungen des Auslandes mit den eigenen nationalen Interessen versöhnenden Weise herbcizuführen. Uebrigens!vird die Judenfrage wohl erst in einiger Zeit zur Verhandlung gelangen, nachdem bei Wiedereröffnung der öffentlichen Sitzungen zuerst die Adreß-Debatte in Beantwortung der Thronrede stattsinden und — nach der momentanen Stimmung der Opposition, namentlich im Senate, zu uriheilen — sehr lange dauern dürfte, es wäre denn, daß bei den obangedeuteten, im Zuge befindlichen considentiellen Berathungcn ein Modus vivendi zwischen der Opposition und dem Eabinet Vratiano — freilich nur speciell in der Judenfrage — gefunden werden sollte. Bukarest, 21. Juni. Der Senat genehmigte mit 39 gegen 3 Stinunen den Adreßentwurf der Mehrheit, der Minderheitsentwurf wurde mit 35» gegen 17 Stimmen abgelchnt. Bonn, 18. Juni. Wir erhielten von Herrn Adolf Wahr mann in Bottusch an eine ausführliche Widerlegung einer in der N. fr. Pr. enthalten gewesenen Correspondenz. Jetzt, wo die Entscheidung im Gange ist, kann diese Widerlegung eine Wirkung nicht mehr haben. Wir heben nur hervor, daß Herr Adolph Wahrmann constatirt, wie bisher die fremden Juden, namentlich die österreichischen, nach dem bez. Handelsverträge mehr Rechte in Rumänien genossen, als die einheimischen. Tunis. Paris, im Juni. Das soeben erschienene Maibulletin der All. isr. univ. enthält folgenden Bericht aus Tunis: Ein Israelit, italienischer Unterthan, der mit einem tunesischen Gendarmen in Streit gerathen war, hatte das Unglück, denselben mit einem Messerstich zu treffen und zu tödtcn, und meldete sich sofort als Gefangener in dem italienischen Consulat. Dieser Vorfall hatte eine große Aufregung bei den Arabern hervorgerufen, die bald die Israeliten in den Straßen mißhandelten und sich in einer Anzahl von 500 Personen nach dem Bardo begaben, um vom Vey die Hinrichtung des Mörders zu fordern, während der italienische Consul seinen Gefangenen, für dessen Sicherheit er fürchtete, an den Bord eines Aviso schickte und nach Italien reisen ließ. Die Wuth schien sich gelegt zu haben, als in der Nacht vom 21. zum 22. April ein Israelit, Namens Joseph Schemla, ein Greis von 82 Jahren, vor der Wache, wenige Schritte von seiner Wohnung, ermordet wurde; man stellte fest, daß er einen Kolbenschlag am Kopfe und mehrere Säbelstiche in der Herzgegend erhalten hatte, also mit Waffen ermordet worden war, wie sie die tunesische Nachtwache trägt, auf die auch der Thatort hinwies. Am 22. April gegen 4 Uhr Nachmittags erwies eine große Menge dem unglücklichen Schemla die letzte Ehre, als der Zug von den Arabern mit Stcinwürfcn angefallen wurde, von denen eine große Anzahl Israeliten getroffen und Einige verwundet wurden; die Intervention der öffentlichen Macht stellte die Ordnung wieder her und 27 Unruhestister verbrachten die Nacht im Gefängniß. Bon n, 22. Juni. (N o t i z e n.) Nach dem ,Berl. Tagebl/ ist der vor einiger Zeit vom hiesigen Stadtgericht verurtheilte nihilistische Student Moses Aronson nach Abbüßung seiner Strafe doch an Rußland ausgeliefert worden. Wie die hier anwesenden Angehörigen des jungen Mannes jetzt festgestellt hätten, sei derselbe nach Alexandrowo (jenseitige Grenzstation der Linie nach Warschau) durch zwei hiesige Criminalbeamte transportirt und den rusischen Behörden dort überliefert worden. — Aus Ungarn wird Folgendes berichtet: Dem „Pesti Hirlap" wird folgender Fall mitgetheilt: Ein Rumäne aus Szaploncza (Marmaros) wurde tvegen Ermordung eines Juden zur Einkerkerung verurtheilt, gegen Bürgschaft aber für die Zeit der Sommerarbeiten nach Hause entlassen. Hiermit waren die Szaplonczer Juden nicht zufrieden, und sie beschlossen, den Rumänen selbst zu bestrafen. Sie schlugen den Mörder todt, und damit ihr Verbrechen nicht an's Tageslicht komme, banden sie an die Leiche einen mit Steinen gefüllten Sack und warfen dieselbe in die Theiß. Die Fluthen warfen indeß die Leiche aus, die Sache wurde bekannt und die Thäter werden nun zur Rechenschaft gezogen. — Die Synagoge in Felsö- Jregh war vor einiger Zeit der Schauplatz eines argen Exzesses. Den Anlaß dazu bot die Wahl eines Cantors, den die Juden von Szemere-Csehi nicht wollten. Diese stürmten während des Probevortrages des Cantors mit einem Panduren ins Vethaus, machten einen^ Skandal und ließen ein betagtes