Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1879)
- Date
- 1879-07-01
- Page
- Seite 419 (sequence 4)
- Language
- German
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419 der einzelnen Kritiker und durch die sich selbst überstürzende Hypothesenfucht, welche in dieser Methode ihre Nahrung findet, genügend erweist. Wir glauben daher, daß die biblische Kritik noch einmal von vorne ansangen müsse, und zwar auf dem Boden, den wir hierzu ebnen und anzubauen streben, ausgehend nämlich vom Geiste, von der Anschauung, von den Ideen und erst von diesen aus die formalen Schwierigkeiten beurtheilend. Wir wissen sehr wohl, daß wir hiermit vielen Gelehrten unsrer Zeit kein Wohlgefallen abgcwinnen, auch jüdischen, welche sich kopfüber in diese modeme Kritik gestürzt haben, wo man nicht allzu schwer Lorbeeren zu pflücken glaubt und sich das Ansehen der Freisinnigkeit zu verschaffen meint. Ueber den Zwiespalt, in welchen sie hierdurch mit ihren theologischen Functionen und Reden gerathen, schlüpfen sie leichten Gewissens hinweg. Aber vor der wissenschaftlichen Wahrheit, vor der echt wissenschaftlichen, gilt das Vorurtheil des Freisinns ebenso wenig wie das Vorurtheil der Orthodoxie. Wir für unsre Person können uns darauf berufen, daß wir von Beginn unsrer biblischen Arbeiten an denselben Weg beschritten und consequent verfolgt haben. Indem wir nun die Institution des Opfercultus in unsre gegenwärtige Betrachtung hereinziehen, ist es unsre Absicht, von zwei Fragen abzusehen, die sonst mit ihm verbunden sind. Nämlich zuerst von der Symbolik des mosaischen Opfercultus, deren Verständniß und allmäligcm Erlöschen, da wir außer in unsrem Bibelwerke erst im Jahrgang 1875 S. 167 ff. über dieselbe ausführlich gehandelt haben. Alsdann übergehen wir auch die jetzt so häufig ventilirtc Frage über das Alter des Priester- und Opfercodex, wie man auch seit Alters das dritte Buch Moses Z'2rc min und min nennt. Vielmehr sind es zwei eigenthümliche Erscheinungen, die uns beschäftigen sollen, weil sie auch ihrerseits den einheitlichen Charakter, die einheitliche Anschauung aller biblischen Schriften so recht markiren. Die eine ist: die völlige Abwesenheit des Gcbetcultus, wie sie während des ganzen Zeitraums, den die biblischen Bücher bespannen, sich kundgiebi. Dies ist von verschiedenen Seiten her merkwürdig und sehr bezeichnend. Tenn vor Allem wurde gerade vom israelitischen Volke und seinen Schriftstellern das Gebet und die Hymnologic in vorzüglicher Fülle und Herrlichkeit entfaltet und gepflegt, so daß das biblische Gcbetwort zur Gebetsprache der ganzen Menschheit geworden, und für alle Zeiten dem menschlichen Herzen zum Ausdruck dessen dient, was es vor seinem Gotte auszusprechen sich gedrungen fühlt. Wir brauchen hierbei nicht erst auf die Psalmen hinzutveisen, tvie sie in dem Psalmbuch zusammengestellt sind, und die gewiß nur eine Auslese aus einer großen Masse vorhandener darstellen. Hymnen und Gebete finden wir seit ältester Zeit angeführt oder angedeutet; schon die Erzväter „rufen den Namen Gottes an"; Jakob's Gebet tvird wörtlich angeführt, so auch Moses' (4 Mos. 12, 13); das Lied am Ufer des Rothen Meeres, der Gesang Moses', das Sicgeslied der Dcborah, der Dankpsalm David's (1 Sam. 22), das Gebet Hiskia's in seiner Krankheit (2 Kön. 20, 3 ff.) werden auch von den historischen Schriften wiedergegeben und die Autoren, wie Esra, Nehemia, Daniel lieben cs, Gebete einzustreuen. Auch die Propheten schließen bisweilen ihre Reden mit einem Hymnus (Jesaias 12). Aber auch im Tempel selbst wurde gebetet. Dafür zeugt z. B. das Beten Hanna's (1 Sam. 1, 10 ff.; 2, 1 ff.); vor Allem das Gebet Salomo's 1 Kön. 8, 22. Wenn auch die Kritik dieses Gebet dem Salomo abspreche» tvill, so bezeugt es doch, daß es in Israel zum Brauche getvorden, in den Tempel zu gehen und daselbst zu beten, sei es in allgemeinen Nöthen, z. B. bei Niederlagen, Dürre u. s. w., sei es „ein Jeglicher mit der Plage seines Herzens" (V. 38); wird doch selbst der „Fremde" in dieses Haus kommen und in ihm beten (V. 41 ff.). So geht auch der König Hiskia in seiner Bedrängniß in den Tempel und betet daselbst (2 Kön. 19, 15 ff.). Ja, einige Stellen bezeugen sogar, daß man „viel betete", so Jes. 1,15; Koh. 5, 1. Demungcachtet stimmen alle biblischen Schriftsteller darin überein, daß sie einen wirklichen und regelmäßigen Gcbetcultus nicht kennen. In dem mosaischen Gesetze wird dein Opfercultus nur die Formel des Priestersegcns und des bei Darbringung der Erstlinge und Zehnten zu recitirenden Bckenntnißspruches eingefügt. Die im siebenten Abschnitt der Mischna Thamid gegebene Anführung des Psalms, welchen die Leviten an jedem Tage der Woche nach Darbringung des Opfers sangen, tviderspricht in ihrer Dürftigkeit dem nicht, sondern bestätigt erst recht unsre Wahrnehmung. Die einzige Stelle, die von einer regelmäßigen Verrichtung von Gebeten in der biblischen Zeit spricht, ist Daniel 6, 11. Es ist jedoch aus derselben nicht ersichtlich, daß damit mehr als ein Persönlicher Brauch Daniel's bezeichnet werde, und bezieht sich jedenfalls auf eine Zeit, während derer der Tempel und der Opfercultus in ihm nicht bestand, nämlich auf das babylonische Exil. Daß während der letzten Periode des zweiten Tempels sich die Anfänge eines regelmäßigen Gcbetcultus entwickelten, ist bekannt; aber man schuf hierzu neben dem Tempel eine besondere Betstätte, die Synagoge, und lag dieser Einrichtung zunächst das Bedürfnis; der Lehrvorträgc zu Grunde. Als nun der Tempel in Trümmer gefallen, hielt man fest an der alten Vorstellung, daß der Opfercultus nur an dieser Stätte vorgcnommen tverdcn dürfe, wies einige schwache Versuche, ihn anderweitig zu erhalten, entschieden ab, gab ihn vielmehr gänzlich auf, indem man seine Wiederherstellung auf die Zeit des Messias verlegte, setzte an seine Stelle den Gcbetcultus, indem man sogar bald zu der Ansicht kam, daß das Gebet noch größeren Werth als das Opfer habe. Dieser merktoürdige Vorgang, aus welchem der Gebetcultus als Vorbild für alle anderen Religionen hervorging, erweist erst recht, daß in der