Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1879)
- Date
- 1879-06-24
- Page
- Seite 409 (sequence 12)
- Language
- German
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409 nur sechs Tage betrug, waren doch sowohl Senat als Abgeordnetenhaus schon am ersten Tage der Session beschlußfähig, ein Fall, welcher, so weit meine Erinnerung reicht, sich bisher in Rumänien bei Einberufung der Legislative noch niemals ereignet hat. Beide Häuser konnten deshalb auch schon am Dienstag mit der Verification der Wahliriandate beginnen. Der Senat hat diese Arbeit gestern beendet; in der Kammer ist nur die achte Section mit der Prüfung der Mandate nicht fertig geworden. Die Zahl der beanstandeten Wahlen ist nicht groß; nur von dem bäuerlichen Wahlcollegium werden mehrere Abgeordneten-Mandate für ungiltig erklärt, weil das Bureau des Gemeinde-Primars (Bürgermeisters) an denselben theilgenommen hatte. Die öffentlichen Sitzungen sollen heute beginnen. Wenn man aus den Privatäußerungen der Senatoren und Abgeordneten der Opposition — bestehend aus der Bojaren-Partei und der liberalen Fraction — einen Schluß ziehen darf, so sind die Gegner der Negierung entschlossen, sich der Juden- Emancipation aus allen Kräften zu widersetzen. Ihr Zweck ist vor allen Dingen, das Ministerium Bratiano zu stürzen und für sich selbst auf billigem Wege Popularität zu gewinnen. Das Wohl des Landes und seine Stellung zu den europäischen Großmächten scheinen gerade diejenigen Politiker am wenigsten zu berücksichtigen, welche gegentvärtig das Wort „Patriotismus" am häufigsten im Munde führen. Hoffentlich wird indessen eine „Vaterlandsliebe" nicht durchdringen, welche Rumänien der Gefahr aussetzen würde, seine schwer erkämpfte Unabhängigkeit wieder zu verlieren, bevor dieselbe allgemein anerkannt worden ist. Bukarest, 11. Juni. Die beiden Kammern beendeten heute die Wahlprüfungen. Zum Präsidenten des Senats wurde Voziano und zum Präs, der Kammer Rosetti gewählt. Bulgarien. Widdltt, 7. Juni. Bisher habe ich das Verhältniß der Israeliten zu den Bulgaren nicht berührt; allein es ereignete sich heute ein Vorfall, der cs verdient, veröffentlicht zu tverden. Der hiesige Gouverneur ließ Freitag Nachts dem Vorstande der israelitischen Gemeinde sagen, er solle alle jungen Leute, die fremde Unterthanen sind und das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben, in seine Wohnung bringen. Da es schon spät war, so bat der Vorstand, der Gouverneur mögen ihm erlauben, 'die jungen Leute Samstag Vormittags in seine Amtskanzlei zu bestellen. Er müßte sie jetzt einzeln aufsuchen, morgen aber finde er sie beim Gottesdienste alle versammelt. Dagegen ivurde auch nichts eingewendet. Am Sainstag Früh umringen plötzlich Polizei-Soldaten zu Fuß nnd zu Pferde, mit dem Polizcimeister an der Spitze, den Tempel, dringen in denselben während des Gottesdienstes ein und insultiren diejenigen, die sich in ihrer Andacht nicht stören lassen. Sie begehen den ftivolen Scherz, alte Leute an den Bärten zu zupfen. Diesen Beleidigungen auszuweichen, wollen Einige den Tempel verlassen, werden aber von den Policisten zurückgestoßcn. Nun verliest man die Namen der Gesuchten, sie sind da, kein Einziger fehlt. Trotzdem werden sie theils bei den Ohren, bei den Haaren fortgezogen, theils durch Rippenstöße zum Fortgehen ermuntert. Am schlechtesten wurde der Dragoman des österreichisch-ungarischen Consulates behandelt. Man mißhandelte ihn im buchstäblichen Sinne des Wortes. Die jungen Leute wurden auf das Stadthaus gebracht und dort gleich Verbrechern in einem feuchten, finsteren Loche untergebracht. Es!vird Niemand zu ihnen gelassen. Was mit ihnen geschehen wird, das wird die Zukunft lehren. Zur Zeit der Türken war der Handel mit Droguen, wodurch sich viele israelitische Familien ernährten, erlaubt. Anstatt die Leute aufmerksam zu machen, daß dieser Handel nicht mehr gestattet ist, und ihnen zu bedeuten, sie mögen sich einen andern Erwerbszweig suchen, wurden sie eines Tages durch Polizei-Organe überfallen, welche die Droguen in Säcke füllten und in die Donau schütteten. Manche hatten ihr ganzes kleines Vermögen, 30 bis 40 Napoleonsd'or, in dem DroguMhandel stecken. Sie wurden zu Bettlern. — Die Maßregel wurde übrigens nur getroffen, um den ganzen Droguenhandel den Bulgaren in die Hände zu spielen. Es kommen nirgends so viele verschiedenartige Geldsorlen vor als im Oriente, die Zahl der jüdischen Geldwechsler, Saraf genannt, ist daher auch sehr groß. Diese Leute leben von der Hand in den Mund, sie wechseln ein Goldstück mit einem halben Kreuzer Differenz um. Seit zehn Tagen wurden 37 solche Geschäfte gesperrt. Die bulgarischen Behörden verlangen von ihnen eine jährliche Steuer von 200 Francs. Rechnet man noch die anderen Steuern dazu, so müßten diese Kausleute jährlich 2000 Piaster an Steuern bezahlen. Das können sie nicht erschwingen, da ihr ganzer Verdienst jährlich nur 3000 Piaster beträgt. Die Armen sind beinahe ruiuirt. Zur Zeit der Türken betrug ihre Steuer 75 Piaster. Die Erhöhung dieser Steuer findet indeß nur bei den jüdischen Geschäftsleuten Anwendung. Die bulgarischen Wechsler bezahlen die frühere Steuer, und hat man ihnen auch ihre Geschäfte nicht gesperrt. Nur ein einziger . Israelit, ein französischer Unterthan, hat sein Gewölbe offen. ^Der fränzösische Vicc-Consul sagt ihm, er solle sein Geschäft j nicht sperren, er als Eonsul werde ihn schon;u schützen wissen. ] Dieser französische Kaufmann wird auch in Folge dessen von den bulgarischen Behörden nicht belästigt. — Jene Juden, ' welche Wein ausschenken, müssen für das Cchankrecht 100 Francs, die Bulgaren dagegen nur 30 Francs jährlich bezahlen. So fassen die Vulgaren die Gleichberechtigung auf. . Die Israeliten sagen: „Wir geben gerne, was wir können, wir sind auch gerne bereit, unsere Kinder in die bulgarische Miliz einreihen ju lassen. Verlangt man von uns jedoch Opfer, so gebe man 26