Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1879)
- Date
- 1879-06-24
- Page
- Seite 408 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Einem gewöhnlichen Sterblichen, für den die Stunde blos 60 Minuten hat, wird dieses Kunststück nicht gelingen. Doch ich will mich den wichtigeren Momenten zuwenden. Zum Ruhme der Wiener Gemeinde wurde bis zum heurigen Schuljahre die Uebersetzung ausgewählter Capitel der Bibel im Urtexte gelehrt. Es wäre Täuschung, zu sagen, daß die Wiener Religionsschule große Hebräer oder etwa kundige Bibelexegeten herangebildet habe, dazu fehlte das nothwendige Maß von Zeit. Wohl aber erlernten die Schüler in jedem Semester eine größere oder geringere Anzahl von Capiteln aus der heiligen Schrift und in den letzten Jahren auch die wichtigsten Gebete übersetzen, und war Jenen, die Lust und Liebe zur Sache hatten, die Möglichkeit geboten, sich weiter auszubilden. Jedenfalls blieben zahlreiche Reminiscenzen den Heranwachsenden Männern zurück. Dieser Unterricht ist jetzt aufgegeben und man hat dafür die Sidurlectüre ohne Uebersetzung in den Volks- und Bürgerschulen und in den beiden untersten Elasten der Mittelschule eingeführt. Ich glaube nun, daß Schüler, die wöchentlich eine halbe oder auch eine ganze Stunde Uebung im Hebräisch-Lesen vornehmen, auch wenn sie Jahre lang die Schule besuchen, kaum in der Lage sein werden, geläufig lesen zu können, da sie eben von einer halben oder ganzen Stunde bis zur andern das ausschwitzen und vergessen, was sie in der vorigen gelernt haben. Es ist überdies zu beachten, daß da, wo die Elasten zahlreich besucht sind, ein Kind erst nach Wochen oder gar nach Monaten daran kommen kann, laut zu lesen. Da das mechanische Lesen wenig den Geist anregt, so ist nicht darauf zu rechnen, daß die Kinder, während die andern lesen, aufmerksam zuhören. Aber selbst angenommen, daß das Ziel erreicht wird und die Kinder wirklich werden fertig lesen können, dann erst wird man jenes Ziel erreicht haben, welches man bisher nicht genug verurtheilen konnte. Die Kinder werden nämlich lesen, ohne etwas zu verstehen. Kann das das Ideal sein, das dem erleuchteten Wiener Vorstande vorschwebt? Soll das das Ziel sein, dem ein Kind Jahre lang nachstrebt? — Da würden wir es doch für viel praktischer halten, das Hebräische in dem obligatorischen Unterrichte ganz auszumerzen. Jene Eltern, denen es darum zu thun ist, daß ihre Kinder in hergebrachter Weise beten sollen, werden die Mittel und Wege dazu finden, und jene, die sich nicht darum kümmern, deren Kinder werden auch nach der neuen Vorschrift die Vertrautheit mit dem Sidur nicht erlangen. Roch ein anderes Moment möchte ich hervorheben. Wie ich dem Programm entnahm, wird die biblische Geschichte aus der Bibel selbst in deutscher Uebersetzung gelehrt. Wir Aelteren haben Alle in solcher Weise die biblische Geschichte erlernt. Dabei ist jedoch nicht außer Acht zu lasten, daß wir nicht nur wöchentlich, sondern täglich mehrere Stunden dem Bibelstudium zuwendeten. Don Jahr zu Jahr haben wir ferner die Pentateuchleetüre mindestens an Sabbathen in der Synagoge mitgemacht und daran knüpften sich die Haftoroth. Ist es jedoch bei der jetzt dem Religionsunterricht spärlich zugemestenen Zeit möglich, daß die Schüler die vorgeschriebenen Pensa auch nur halbwegs gründlich durchlesen können? Ist es wirklich möglich, mit Kindern in einem Semester, das ist in l7 bis 18 Stunden, Genesis von C. 17, Exodus und Leviticus oder Numeri und Deuteronomium zu lesen? Daß dabei an ein näheres Eingehen auf biblischen Geist, biblische Darstellungsweise, biblischen Ton rc. nicht die Rede sein kann, begreift sich von selbst. Ich glaube jedoch, daß die Schüler unter diesen Verhältnissen kaum den Geschichtsstoff selbst bewältigen können, oder daß sie eben blos für den Moment präparirt sind und nach kürzester Frist ist wieder Alles vergessen. Hat man es übrigens je gehört, daß man griechische oder römische Geschichte aus Homer oder Virgil erlernt? Wird man sich nicht selbst täuschen wollen, so wird man bald einen anderen Weg einschlagen müssen. Schließlich möchte ich noch einige Worte über die hebräische Sprach- und Bibelschule sagen. Diese Schule wurde von allen Jenen, welche einen Werth auf die Kenntniß der hebräischen Sprache legen, mit Freuden begrüßt. Als es hieß, daß sofort bei der Eröffnung mehr als 300 Schüler sich einschreiben ließen, da wurden die Hoffnungen noch mehr gesteigert. Zu meinem Bedauern hörte ich jedoch, daß diese Hoffnungen in bedeutendem Grade zu Wasser wurden. Wie mir gesagt wurde, liegt nicht die Schuld an den Herren, die den Unterricht ertheilten, sondern DTJ DIpöH. Die Entfernungen sind in Wien oft sehr bedeutend und nicht selten tritt der Fall ein, daß eine Stunde in der Schule zwei Stunden kostet, da das Hin- und Hergehen viel Zeit in Anspruch nimmt. Zu dem kommen die allgemeinen Klagen über Ueberbürdung der Schüler u. s. w. u. s. w. Das Facit ist, daß die Pessimisten, welche im Vorhinein dieser Schule keine Lebensfähigkeit zugetraut haben. Recht behalten werden, was man nur im Interesse der Sache bedauern kann. Es war mir nicht möglich, über den Sabbath in Wien zu bleiben, da ich gern beim Jugendgottesdienst anwesend gewesen wäre. Was ich darüber hörte, war gerade nicht sehr erfreulicher Narur. Er wird mit großem Pomp abgehalten, der ganze Chor ist anwesend, die Herren Prediger Jellinek und Güdemann halten abwechselnd die Exhorte, aber die Jugend fehlt. Ich hätte noch Manches auf dem Herzen, doch will ich für heute abbrcchen. Vielleicht gestatten Sie mir ein anderes Mal auf das Thema zurückzukommen. Rumänien? Bukarest, 6. Juni. Obgleich der Zeitraum zwischen der Beendigung der Wahlen und dem Zusammentritt der Kammern