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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-06-24 · Heft 26 (24.6.1879) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 26 (24.6.1879)
Date
1879-06-24
Page
Seite 407 (sequence 10)
Language
German
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407 Ueber die Vorgänge im ostgalizischen Central- Wahlcomite telegraphirt man uns heute aus Stanislau folgendes interessante Detail: Der Delegat Menurowicz hatte den schriftlichen Antrag eingebracht, daß die Zuwendung von vier Wahlbezirken an die Juden Ostgaliziens gegen den Geist der constitutionellen Gleichberechtigung verstoße, weil die Juden das Recht haben, üb erall gewäh lt zu werden. Er beantrage daher die Suspension dieser Bestimmung, was Dobranzki unterstützte; dagegen sprachen vr. Zucker, Abrahamowicz, endlich Otto v. Hausner, der sich sehr warm der Juden annahm und erklärte, daß, indem er sehe, inan habe ihm deswegen die Candidatur in der Stadt Sambor angetragen, um dort die vom Central-Comitö bezweckte Wahl eines Juden zu hintertreiben, er sich nicht als Vogelscheuche gebrauchen lasse. Er erkläre daher, diese Wahl nicht annehmen zu können, ein Gleiches erkläre er auch im Namen seines Bruders Alfred, dem die Juden Brodys selbst das Mandat angetragen. Diese Erklärungen brachten eine große Bewegung im Wahlcomito hervor, in Folge dessen Merunowicz seinen Antrag zurückzog. Diese Vorgänge kennzeichnen so recht den Werth jenes Pactes, den die Juden Galiziens mit den clerical-feudalen Polen geschlossen haben. Heute schon, wo man noch ihre Dienste zur Unterdrückung der Nuthenen recht gut zu verwerthen weiß, beginnt man an dem ihnen gegebenen Versprechen zu rütteln und mit jenem .ironischen Tone, der demjenigen, der die Macht in der Hand hat und sie egoistisch zu seinem Vortheile ausbeutet, so wohl ansteht, sie auf die constitutionelle Gleichberechtigung zu verweisen, die ihnen das Recht gibt, zu candidiren, wo sie wollen — geradezu eine offene Verhöhnung jener jüdischen Eandidaten in Galizien, die dem Central-Comitö gegenüber zu Kreuze kriechen, um die vier Sitze, die eigentlich den Juden vermöge ihrer localen Präponderanz gehören, zu erbetteln. Geschieht dies beute, wo die Polen noch die Dienste der Juden brauchen, was wird erst dann geschehen, wenn sie mit ihrer Hülfe sich die volle Alleinherrschaft in Galizien verschafft haben werden? Wir würden die Juden Galiziens bedauern, wenn sie auf die constitutionelle Gleichberechtigung, wie sie die polnischen Matadore ihnen gegenüber verstehen, angewiesen waren. AuS Mähren. Anfang Juni. (Privatmitth.) Während des Pfingstfestes fand der allgemeine österreichische Lehrertag in Wien statt und da ich selbst Lehrer bin, so war ich bei demselben anwesend. Ich will es auch nicht verhehlen, daß es mich lockte, wieder einmal nach Wien zu.kommen. Es ist selbstverständlich, daß mich die jüdischen Schulzustände insbesondere interessirten. Wir in der Provinz sind gewohnt, demuthsvoll auf diese mustergültige, tonangebende Gemeinde, die so viele Capacitäten in sich faßt, hinaufzublicken. Zu meinem großen Leidtvesen muß ich sagen, daß ich die Dinge nicht so fand, wie ich gehofft hatte. Es ist die Munificenz der Juden in Wien bekannt; eigenthümlich genug hat jedoch die Volksschule Thalmud Thora, welche der Erlernung der hebräischen Sprache nach Thunlichkeit Rechnung trägt, schwer zu kämpfen, um sich zu erhalten. Wenig erquickt hat mich das Vet-humidra^l,. Was könnte aus einem Institute werden, an welchem Männer wie Jellinek, M. Friedmann und I. H. Weiß wirken? und doch nimmt es nicht jene Stellung ein, die es einnehmen müßte. Am meisten verändert, und zwar nicht zum Vortbeile, fand ich die Religionsschule, respective den Religionsunterricht. Wenn ich daran denke, daß bis auf die neueste Zeit Männer von Namen und Ruf als Neligionslehrer an ihr wirkten, ich erinnere nur an Mannheimer, Saalschütz rc, so ist man erstaunt, wenn man hört, wer Alles jetzt als Religionslehrer fungirt. Personen, die mit den Verhältnissen vertraut sind, erklärten mir diese Thatsache, indem sie mir Folgendes mittheilten. In früheren Zeiten hatte die Gemeinde blos die Centralreligionsschule und sie bestellte für dieselbe die besten und tüchtigsten Kräfte. In Folge der Zunahme der jüdischen Bevölkerung war sie genöthigt, Religionslehrer an zahlreichen Volks- und Mittelschulen anzustellen. Die Religionslehrer in den Volksschulen bezahlt sie> nach den bestehenden Gesetzen, aus eigenem Säckel; jene in den Mittelschulen werden vom Staate bezahlt. Da wie dort jedoch ist die Bezahlung eine herzlich schlechte, und halb!vegs gute Lehrer werden in Privathäusern weit besser bezahlt. Es ist daher begreiflich, daß sich um diese Stellen nur Jene bewerben, die in gedrückten Verhältnissen leben, und sei es noch gewissermaßen als Glück f zu betrachten, daß sich unter denselben auch tüchtige Männer,;n>ic der ehemalige Rabbiner 1)r. Müller, befinden.- Diese Darstellung erklärt die betrübende Erscheinung; nach wie vor . bleibt sie jedoch betrübend. Ich habe auch mit eifrigem Bemühen das neue Religionsschulprogramm studirt und da drängt cs mich auszurufen: , Mrn. Ich will nicht auf Einzelnes eingehen j und die „historischen Psalmen", welche lis inter judiccs sind, I in Behandlung ziehen;- ich will nicht fragen, wie es möglich war, daß man für Classen, die wöchentlich blos Eine Stunde! Religionsunterricht haben, drei Lehrgegenstände feststellen konnte rc. Wie jedoch hervorgehoben werden muß, ist die Aufgabe des Lehrers nicht blos zu unterrichten, er muß auch ’ die Schüler prüfen und zwar zunächst aus pädagogischen Gründen — die ich wohl nicht weiter zu erörtern brauche — und weil die Schüler Noten, respective am Ende des Semesters ein Zcugniß erhalten müssen. Wie das bei der Kürze der Zeit, auch wenn nur 30 oder 40 Schüler in einer Classe sind, und häufig ist die Zahk^der^Schüler iX) und 60, ja .manchmal sogar 70, möglich ist, begreife, wer hexen kann.

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