Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1879)
- Date
- 1879-06-24
- Page
- Seite 406 (sequence 9)
- Language
- German
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406 N 4) Gegen dieses übermäßige Zinsnehmen kämpften die späteren Rabbiner an, als in Folge der mittelalterlichen Zustände das absolute Zinsverbot des mosaisch-talmudischen Rechts unhaltbar geworden war. 5) Einen Unterschied zwischen Juden und Christen kennt auch das spätere Judenthum in Bezug auf das Zinsnehmen nicht. Das Letztere mußte in gewissen Grenzen gestattet werden; nicht gestattet aber, sondern verpönt war und blieb von der jüdischen Lehre das ausbeutende Zinsgeschäft, der Wucher, und zwar Christen wie Juden gegenüber. 6) Das Judenthum hat also dem Wucher keinen Vorschub geleistet; weit mehr haben dies die nichtjüdischen Gesetze und Einrichtungen im Mittelalter gethan, welche die Juden, ihrer Lehre zuwider, geradezu zum Wucher hindrängten. 7) Erst die neuere Gesetzgebung gestattete den Juden, die einseitig commercielle Richtung, die das Mittelalter ihrem Berufsleben aufgezwungen hatte, zu verlassen und sich ihrer Religion gemäß von Wucher- und ähnlichen Geschäften fern zu halten. Dieselben nehmen unter den Juden überall dort ab, wo die bürgerliche und sociale Gleichstellung der Confessionen durchgeführt ist; sie sind dort zu Hause, wo diese Gleichstellung noch aussteht. 8) Das Judenthum beklagt das Wucherunwefcn als eine ihm fremde und feindliche Erscheinung und kann Diejenigen, die — dem Wort und! Geist des Judenthums zuwider — sich unter den heutigen freieren und milderen Verhältnissen.mit solchen Geschäften abgcben, nicht als seine wahren Söhne^ anerkennen. | 0) Jede gesetzliche Maßregel, tvelche geeignet erscheint, j dem Wucher — unter Juden, wie unter Christen — das Handwerk zu legen, ist vom allgemein menschlichen, wie insbesondere auch vom jüdischen Standpunkte aus mit Freuden zu ' begrüßen." ■ Der Ausschuß ersucht Jedermann um Verbreitung des j Flugblattes und stellt jede erforderliche Anzahl von Exemplaren zum Kostenpreise von M. 2. 50 Pf. für 100 Exemplare zu Gebote, will auch event. einen Theil dieser Kosten tragen. Es tritt daher die Pflicht an Alle heran, diesem Bestreben zu Hülfe zu kommen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg, 9. Juni. Gestern fand hier ein von sämmtlichen Bezirken und Städten Ostgaliziens beschickter Delegirtentag statt. Derselbe ratisicirte auch die Abmachungen mit den Juden, denen für die Bctheiligung an der Wahlaction der Polen vier Abgeordnetensitze überlassen werden. Es sollen jedoch nur solche jüdische Candidaten vorgeschlagen werden, deren Eintritt in den reichsräthlichen Polenclub als gewiß gelten kann. Wird dies Alles pünktlich ausgeführt, so hatten sich die Juden Ostgaliziens vollständig mit den Polen vereinigt, womit sie freilich den verfassungstreuen Boden, auf welchem sie ihre politische Gleichberechtigung erhalten haben, verlassen. Bonn, 12. Juni. (Privatmitth.) Während wir oft über sehr nebensächliche Dinge die ausführlichsten Nachrichten aus Galizien empfangen, hören die jüdischen Stimmen regelmäßig auf sich vernehmen zu lassen, sobald wichtige politische Vorgänge sich vorbereiten oder eintreten. Es ist, als ob die galizischen Juden sich sehr ungewiß auf dem politischen Terrain fühlen, und daher nicht wiffen, sollen sie sich mit den Polen vereinigen, von denen sie betrogen zu werden fürchten, oder als Verfassungstreue gegen die Polen agiren, von denen sie mit Haß und Verfolgung bedroht werden, während der Schutz der Regierung sehr schwankend erscheint. Wir aus der Ferne getrauen uns nicht ein definitives Urtheil zu fällen, obgleich uns die einzige Sicherheit und Ehrenhaftigkeit in der Verfassungstreue zu liegen scheint. Da im Augenblick die Dinge für unsre jüdischen Glaubensgenossen uns einer gewissen Entscheidung entgegenzugehen scheinen, sammeln wir daher einige charakteristische Nachrichten. Die Wahlen zum Reichstage stehen also bevor. In einer Corr. der N. fr. Pr. heißt es: „Was die Städte betrifft, so werden die Juden den Ausschlag geben. Ob im Sinne des Polen-Clubs oder der Verfassungspartei, ist heute noch nicht vorauszusagen. Wahrscheinlich jedoch ist leider das Erftere. Die Auslieferung Galiziens an die Polen hat es glücklich zu Stande gebracht, daß die Partei der „jüdischen Polen", die noch 1873 sporadisch aufgetrctten, seither zu einer stattlichen erwachsen. Wir wollen nicht den Stab über die Entmuthigten brechen, umsomehr, da sie im Laufe der Zeiten sicherlich selbst erkennen werden, daß sie vergeblich Opfer ihrer Ueberzeugung gebracht. Aber neben diesen Israeliten, die ihren Candidaten den Eintritt in den Polen-Club zur Bedingung machen, steht auch die jüdische Verfaffungspartei in Galizien noch aufrecht, wenngleich ihre Reihen gelichtet sind. Mögen sie muthig bleiben und den Lohn ihres Muthes im Siege finden." Aus Lemberg telegraphirt man: Die Polen sind consternirt über den auffallend freundlichen Empfang, welcher gestern dem verfaffungstreuen Candidaten I)r. H önigsmann (Jsraelit)'von seinen Wählern in Kolomea bereitet wurde. Um die Wahl jüdischer Candidaten zu vereiteln, beabsichtigen die Polen, in Kolomea, Drohobycz und Zloczotv die Candidatur mehrerer Juden zu empfehlen. Aus der hierdurch entstehenden Stimmenzcrsplittenmg würden dann die Polnischen Mandatsbewerber prositiren.