Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1879)
- Date
- 1879-06-24
- Page
- Seite 403 (sequence 6)
- Language
- German
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403 des Alten Testaments ganz bestimmt das im Voraus angedeutet und verkündet sei, was später mit Jesu und der Kirche vorgegangen. Den Anstoß hierzu gaben die Schriftsteller des Neuen Testamentes selbst. Um ihren Berichten und Lehren eine größere Glaubwürdigkeit zu geben, berufen sie sich vielfach aus Aussprüche des Alten Testaments und wollen diese in der Geschichte Jesu verwirklicht finden. Die christlichen Dogmatiker gingen nun weiter und suchten „Vorbilder", wo fie dieselben irgend aufspüren zu können meinten. So sollte denn auch Kain's Brudermord die Hinrichtung Jesu bedeuten und seine Flucht die Zerstreuung der Juden. Da nun diese christlichen Dogmatiker derartige alttestamentarischen Berichte zugleich als Erzählung wirklicher geschichtlicher Ereignisse ansehen, was folgte hieraus? Die Lehre von der Prädestination, von der unbedingten Vorausbestnnmung alles Geschehenden, so daß also zu Kain's Zeit die Juden der Zeit Jesu schon bestimmt waren, Jesus zu tödten; denn sonst hätte dies ja nicht schon in der That Kain's mit allen Folgen „vorbildlich" angegeben werden können. Den Juden war gar keine Wahl gelassen; es war das Geschick, wozu sie geschaffen und bestimmt, also gar nicht verantwortlich waren. Wir wollen uns nun auf diese christliche Lehre von der Prädestination hier nicht weitereinlassen: wir muffen sie jedoch als antijüdisch constatiren, indem das Alte Testament und das 'Judenthum überhaupt die volle Willensfreiheit und damit auch die Verantwortlichkeit des Menschen anerkennen. — Wichtiger aber ist uns noch der zweite Unterschied: die Zerstreuung der Juden soll ein göttlicher Fluch, eine göttliche Strafe sein, welche bis auf heute und für immer die Juden für den Tod Jesu getroffen hat und trifft. Wir sehen hier davon ab, daß ebenso christliche wie jüdische Forscher die Berichte der neutestamentlichen Autoren über den Tod Jesu und die Schuld der Juden an demselben als durchaus ungeschichtlich nachgewiesen haben. Aber der Gott der Gerechtigkeit und der Liebe soll eine Frevelthat, die vor zwei Jahrtausenden von einem aufgeregten Pöbel, der in seinen Glaubenslehren sich tief verletzt meinte, vollbracht worden, noch heute an deren Nachkommen, die doch längst daran unschuldig, strafen und sie verfluchen!!! Lehrer des Christenthums lieben den Gott des Alten Testamentes als einen „Gott des Zornes", dagegen den christlichen Gott als einen. „Gott der Liebe" zu bezeichnen. Das Alte Testament, selbst wenn wir seine Ausdrücke wörtlich nehmen. sagt aber nur, daß Gott die Schuld der Väter an den Kindern „bis ins dritte und vierte Geschlecht ahndet — der christliche Gott der Liebe dehnt aber seine Ahndung bereits über das sechszigste Geschlecht aus und ist nach der christlichen Anschauung noch heute nicht befriedigt und von seinem Fluche zurückgekommen!!! — Die geschichtliche Anschauung lehrt uns, daß das jüdische Volk seine nationale Existenz gerade so verloren hat, wie alle Völker des '.Alterthums und viele des Mittelalters, durch das Schwert stärkerer Eroberer. Kein einziger alter Staat,, kein einziges altes Volk ist bestehen geblieben. Selbst die Griechen und Römer haben in denen, welche sich jetzt noch ihre Abkömmlinge nennen, nur geringe nachweisliche Elemente. Daß also das kleine Volk der Juden' sich vor den Medern und Affyrern, Aegyptern, Persern und Syrern fünfzehn Jahrhunderte erhielt, ist zu verwundern, aber durchaus nicht zu verwundern, daß es endlich vor den welterobernden Römern fiel und bei seinem hartnäckigen Widerstande aus seinem Lande gejagt wurde. Warum nun, zerstreut über die Erde, sind die Juden nicht wie die anderen Völker unter- und in die herrschenden Nationen aufgegangen? Weil sie treu an ihrem Glauben, unerschütterlich an der Religion des einzigen Gottes und an ihre» geschichtlichen Erinnerungen hielten. Darum blieben fie bestehen und unvermischt; darum wurden sie aber auch von den Völkern, welche keine Religion außer der ihrigen dulden wollten, den christlichen und islamitischen, ausgeschloffen, verfolgt, unterdrückt. Es war dies ein Martyrium für ihre religiöse Ueberzeugung, aber keine göttliche Strafe; cs war dies ein fortgesetztes Unrecht fanatischer Völker, nicht aber ein göttlicher Fluch. Den Beweis für die Richtigkeit dieser jüdischen Geschichtsanschauung bietet die neuere Geschichte. Sobald der Fanatismus geschwunden und der Rechtsstaat errichtet worden, hat die Ausschließung und Verfolgung der Juden aufgehört, hat der Staat sie als seine vollberechtigten Angehörigen in sich ausgenommen. Die vermeintliche göttliche Strafe, der vermeintliche göttliche Fluch eristirt nur noch in den Anhängern der alten starre» Gläubigkeit. Ein Beweis liegt selbst darin, das; wir unsre Beschwerde einem erleuchteten Unterrichts minister vortragen durften, der uns auf eine Zeit hinweist, wo die Verhältnisse auf diesem Gebiete wieder klarer und bestimmter geworden sein werden, 1 als sie in diesem Augenblicke sind. Sbettiui cj 6 ttae&U/cßfceti/. Deutschland. Berlin, 10. Juni. (Privatmitth.) Mit Recht haben Centrumspartei mit de» Conservativen im Reichstage als das wesentlichste politische Moment im Augenblicke bezeichnet. In der gestrigen Reichstagssitzung hat sich dies klarer als bisher, wenn auch beiläufig bei der Frage der Schaiikwirthschaften^ ausgesprochen. Sie jüngst die sich immer mehr vorbereitende Verbindung der. Der Abg. Windthorst erklärte, daß das Centrum nicht eher SO*