Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1879)
- Date
- 1879-06-17
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
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Viehhändlern in manchen Kreisen der größte Theil, ja manche ganze jüdische Gemeinden dem Bettelstab entgegengehen, und zwar gerade solche Gemeinden, die sich früher gewisiermaffen wohlhabend dünkten! Es geht das ganz natürlich zu! Der Werth von Grund und Boden ist gefallen und der Bauer kann kaum die Zinsen für die Aecker, die er in besieren Zeiten — 1850—1870 — auf langjährigen Credit angeschafft hat, erschwingen. Die neuen Schulden, die auf dem kleinen Gute hasten, verschlingen den Ertrag des ererbten Ackers. Der arme Jude, der dem Bauer die Kuh und das Pferd — auch etwas Geld — geliehen, hat das Nachsehen. Er hat. „gewuchert" sagt man, d. h. sich viel schreiben und versprechen lassen und erhält dafür nun gar Nichts! Man schreibt über Wucher, Betrug, Uebervortheilung; aber man berechnet nicht das Risiko und die mühsame Art dieses armseligen Erwerbs, die winzigen Raten, in welchen der Bauer besten Falles für das Dich und dgl. zu zahlen pflegt, wenn er überhaupt zahlt. Der Jude mußte aber, um leihen zu können, selbst erst borgen und er entnimmt zu diesem Zwecke bei vermögenderen Bauern kleine Summen. Jetzt soll er bezahlen und cs geht nichts ein. Er wird verfolgt, verklagt, gepfändet, von Haus und Hof gejagt. Fällt in solcher Weise ein Jude, so geht das Geschrei sogleich über alle Handelsjuden los, alle die kleinen Capitalien werden ihnen gekündigt. Alles Vertrauen ist mit einem Schlage verloren; alle Juden der ganzen Umgegend leiden mit; das Rischus hat Oberwasser. Ich kann verbürgen, daß in solcher Lage sich mehrere mir bekannte Orte befinden, die ganz weit auseinanderliegen und deren jüdische Bewohner man früher für sehr wohlhabend gehaltenhat. Solche Fälle kommen vor am Main wie an der Mosel, am Hunsrück wie im Spessart und Odenwald. Die Zukunft wird da den größeren jüdischen Gemeinden, die die Kräfte der kleinen eingesogen haben, eine Aufgabe stellen, an welcher sich erproben muß, ob wir aus dem Schiffbruch so vieler jüdischer Tugenden die edelsten gerettet haben: Wohlthätigkeitssinn und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Zur Zeit aber liegt uns die Verpflichtung auf, der Verarmung, wo es möglich ist, in einzelnen Fällen vorzubeugen, alsbald beim ersten Fall einzutreten, um das Verderben nicht weiter um sich greifen zu lassen. Fällt der Eine und der Andere, manchmal gerade die, die man für die Ehrlichsten und Sichersten gehalten hat, so ziehen sie ganze Kreise mit in ihr Verderben. Das Nebel verbreitet sich, wie eine ansteckende Krankheit. Danun ist Vorkehr heilige Pflicht.') Klingenstein. Brannschweig, 5. Juni. (Privatmitth.) In diesen Tagen fand, wie bekannt, die 23. allgemeine deutsche Lehrer- Versammlung unter Vetheiligung von mehr als 1000 Mitgliedern statt. Den Hauptgegenstand bildete der Religionsunterricht und wurden namentlich in der zweiten Hauptver- 1) Auf einen solchen Fall bezieht sich der Aufruf im Jnseraten- Iheil dieser Zeitschrift. sammlung hierüber Reden gehalten und Thesen angenommen. Wir halten es allerdings für wichtig, daß dem Religionsunterricht von Seiten der Schule die größte Bedeutung und Pflege beigelegt werde. Zu bedauern ist nur, daß sich die angenommenen Thesen so im Allgemeinen bewegen, daß irgend welche praktische Verwerthung nicht daraus zu ersehen ist. Praktischer war jedenfalls, was der jüdische Lehrer Auerbach von Hildesheim in einer Rede am zweiten Tage zum Ausdruck brachte. Er sagte ungefähr: Als Mitglied der deutschen Lehrcrversammlung nehme ich mir die Freiheit, das hier behandelte Thema vom jüdischen Standpunct zu beleuchten. Ich glaube im Namen der übergroßen Mehrheit der jüdischen Lehrer Deutschlands zu sprechen, wenn ich erkläre, daß die jüdischen Lehrer dem Religionsunterricht nicht aus der Hand geben wollen, ja ihn nicht aus der Hand geben können. Wir fordern sogar einen streng confessionellen Religionsunterricht, und zwar nicht bloß für uns, sondern auch für jede andere Religion. Wir fordern jedoch allen Religionen gegenüber vollständige Toleranz. Es widerspricht einer auf Nächstenliebe basirten Religion, wenn man in dem Religionsunterricht über andere Confessionen den Stab bricht, ihre Lehren als Irrlehren bezeichnet, oder gar mit Verachtung von Angehörigen anderer Religionen spricht und sie beschimpft?) Der oberste Grundsatz jeden Religionsunterrichtes sei deshalb Toleranz, und zwar zunächst Toleranz gegen Andersgläubige. — Der Rede folgte ein lebhaftes Bravo; aber es wäre doch wohl angezeigt gewesen, eine These dieses Inhalts zu beantragen. Dies geschah zu unserm Bedauern nicht. Linz a. Rhein, 8. Juni. lPrivatmitth.) Die Leser Ivcrden sich der Berichte von hier in Nr. 3 und 4, sowie des Leitartikels in Nr. 5 erinnern, und daß der Vorsteher der hiesigen Svnagogen-Gemeinde gegen die abschlägige Entscheidung der k. Negierung auf das Gesuch, aus den zukünftigen Auflagen der „Biblischen Geschichte für katholische Volksschulen von Dr. Schuster", S. 7 den Passus: „Abel war ein Vorbild des von seinen Brüdern unschuldig getödtcten Jesus, Kain tvar ein Vorbild der über die ganze Erde zerstreuten Juden", zu entfernen, Recurs bei dem Unterrichtsministerium ergriffen hat. Jetzt ist nunmehr auch von dieser Stelle ein abschlägiger Bescheid verfügt worden. Die Verfügung lautet: A. IV2 3 J. Nr. 3014. Co blenz, den 4. Juni 1879. Der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten hat über den Recurs des Vorstands der Synagogengemeinde vom 22. Januar d. I. gegen unsere 2) An dieser Stelle schattet der Berichterstatter der „Germania" in Parenthese ein: „Und der Talmud'?!" Allerdings enthält der Tal,und neben den höchsten Vorschriften der Toleranz einige wenige intolerante Aussprüche, die jedoch zu allen Zeiten erne sehr zweifele hafte, zu untrer Zeit gar keine Autorität besitzen. Wie aber steht es nni den Beschlüßen zahlreicher Concilien'? mit gewissen päpst« lichen Bullen? und endlich mit dem Syllabus?!