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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-06-17 · Heft 25 (17.6.1879) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 25 (17.6.1879)
Date
1879-06-17
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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390 ihrer vom Staate ihnen anvertrautcn Amtsgewalt zurückzuschrecken? Die neuere Strafkunst kennt überhaupt nur Geld- und Freiheitsstrafe. Die Geldstrafe hat für den Reichen keine schwere Bedeutung, für den Armen ist sie nicht vorhanden; und wer mit der Freiheitsstrafe bereits einige. Male Bekanntschaft gemacht, verliert die Scheu vor ihr so sehr, daß er sich am liebsten vom Staate für immer beköstigen läßt. Dies letztere Uebel wird voraussichtlich immer mehr anwachsew — Recht possierlich ist gegenwärtig die Stellung, welche die „Germania" annimmt. Es ist, wie wenn ein feistes Männlein sich vor Behagen das Bäuchlein streichelt in dem Bewußtsein neuer Wohl erworbener Vorrechte. Aus allen Blättern, am liebsten aus denen, welchen sie sonst spinnefeind, sammelt sie die Aeußerungen über die nunmehrige Wichtigkeit des Centrums, über dessen Einfluß, besonders seines Führers, der kleinen Excellenz. Ja, in ihrem Bewußtsein einer günstigen Situation sicht sichre Gegner mit einer gewissen Milde und Versöhnlichkeit an und schimpft auf den „Liberalismus" und die „Judenprefle" lange nicht mehr so heftig wie noch vor Kurzem. Vielleicht meint sie, daß, wer die Entscheidung in Händen hat, staatsmännisch handeln müsse. — Als eigenthümlich will ich hier bemerken, daß im vor. Jahre der Finanzminister Herr Hob recht Mitglied der (jüdischen) „Gesellschaft der Freunde", dieses jetzt 87 Jahre bestehenden, von Joseph Mendelssohn gegründeten Vereins zu gegenseitiger Unterstützung geworden ist. Aus dem Kreist Kosten «Posen";, 30. Mai läßt sich' die „Germania" schreiben: „Wochenmarkt und jüdischer Feiertag sind Dinge, die nicht zusammen existiren können. Fällt da in dem Städtchen Kriew en, wo vor nicht zu langer Zeit gar kein Jude existirte und auch heute nicht viele Söhne Abrahams leben, auf den verflossenen Mittwoch ein Wochenmarkt und zufällig auch ein hebräischer Feiertag. Die Folge hiervon war nicht etwa die, daß die Bauern die Producte ihrer Arbeit ohne die Kinder Israels verkauften, sondern daß der Wochenmarkt amtlich revocirt ward und die Bauern mit ihren: Getreide und den Vierfüßlern, die sie zum Verkaufe herbeigegebracht hatten, den Heimweg antreten mußten. Nun fällt aber der Buß- und Betlag, bei uns nur ein amtliches Fest, auch auf den Mittwoch und doch durften die mit dem Wochenmarkt verbundenen Geschäfte bis 10 Uhr abgewickelt werden. Wie es mit der Ruhe an katholischen Feiertagen steht, darüber vielleicht einmal später. - Wenn die wenigen Juden es durchsetzen, das an ihren Feiertagen die Märkte nicht abgehalten werden dürfen, so muß die ungeheure Majorität der katholischen Bevölkerung darauf dringen, daß dieses Princip stets festgehalten werde. Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter." (Wir haben nichts dagegen, wollen aber zu bemerken nicht unterlaffen, daß cs ebenso sehr im Interesse der Bauern wie der Juden liegt, den Conflict der Feiertage und Wochenmärkte zu vermeiden. Uebrigens pflegen doch solche Verlegungen bekannt gemacht zu werden.) Aus Württemberg, 2. Juni. (Privatmitth.) Nach den officiellen Mittheilungen hat in Württemberg die Zahl der Sträflinge im Jahre 1878 bei den Evangelischen um 60, bei den Katholischen um 33 Personen zugenommen, während die Zahl der Juden dieselbe geblieben, nämlich überhaupt 16.— Aus Rhtinhesscn, 2. Juni. (Privatmitth.) Dem jetzt wieder so laut gewordenen Geschrei über Wucher gegenüber den man natürlich den Juden insinuirt, ist es wohl an der Zeit, auch einmal eine Kehrseite herauszuwenden, von welcher man selbst in jüdischen Kreisen nichts weiß. Mögen viele Klagen über Wucher leider auch wohlbegründet und Agitationen gegen jüdische Wucherer von unserer Seite zuweilen wohl am Platze sein, so ist doch dem gegenüber zu constatiren, daß in den Landorten einiger Gegenden Süd- und West-Deutschlands ein jüdischer Pauperismus sich herausbildet, der immer weiter um sich greift. Die Armuth verbreit r. sich nach einer langen Periode scheinbarer Opulenz in immer weiteren Kreisen und diese Erscheinung ist um so schreckenerrcgender, weil nicht abzusehen ist, wie da geholfen werden kann. Der Jude eignet sich nicht zum Tag- oder Fabrikarbeiter, so lange er noch einige Anhänglichkeit am Judenthum hat. Mag sich der „gebildete Kaufmann" immerhin leicht über Sabbath und Festtage hinwegsetzen; wer wird es für möglich halten, oder gar wünschen, daß auch der arme Landbewohner am Sabbath und Pesach, am Rösch haschana und Sukkoth gräbt und pflügt, in der Fabrik oder Mühle arbeitet? Und doch könnte er, wenn cr in den. äußersten Fällen zu diesen kümmerlich nährenden Beschäftigungen greifen wollte, diese Tage nicht auch noch neben den Sonntagen entbehren, tvenn er von der Hände Arbeit leben, eine Familie ernähren will. Dabei muß der Jude als solcher noch manches herbeischaffen, was der Christ nicht uothwendig hat. Beiträge zur Cultus-Gcmeinde z. B., die durchaus nicht unbedeutend sind. Würde endlich der christliche Fabrik- oder Gutsherr jüdische Arbeiter überhaupt nehmen, so lange er christliche bekommen kann? — Das Handwerk, auf welches man vor 30—10 Jahren die Juden hinwies, hat auch seinen goldenen Boden längst eingebüßt. Es unterlag der Fabrik. Die socialen Verhältnisse haben in dieser Hinsicht einen totalen Umschwung erlitten, der cs vielen Handwerkern — auch nichtjüdischen — fast unmöglich macht, zu existiren. Jüdische Handwerker nun gar haben, wie ich aus vielen Beispielen Nachweisen kann, mit fast unbesiegbaren Hindcrniffen zu kämpfen. Was blieb also dem unvermöglichen Theil der ländlichen jüdischen Bevölkerung übrig, — der vermögendere zog in die Städte — als der leidige Handel, der Viehhandel insbesondere, der die Großväter, die weit bescheidenere Bedürfnisse und andere Verhältnisse vor sich hatten, kümmerlich genug ernährte? Ich kann nun die geehrten Leser dieser Zeitung versichern, daß von diesen

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