Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1879)
- Date
- 1879-06-17
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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allem auf eine momentane Herrschaft hinaus, sondern darauf,! gründlich die Principien des Mittelalters, wenn auch inr modernen Gewände, wieder zur Geltung zu bringen. Die' vereinigte Herrschaft der Hierarchie und des großen Grundbesitzes, die Zurückdrängung der Industrie und der Städte! überhaupt, die Bevorrechtung der „höheren Stände" und: Niederdrückung des Bürgerthums, dies, und was weiter daraus ( erfolgt, also auch die Mancipation der Juden bildet die Ziele dieser Parteien. Es kann sein, daß wir solche Ansichten in zu allgemeiner Art aus der Beobachtung dessen, was in den gesammten europäischen Staaten vorgeht, schöpfen, und weil^ eben das deutsche Reich sich jetzt in den Gegensatz wirft, uns dies so prägnant erscheint. Jndeß steht doch in unserer Zeit kein Staat so isolirt, als daß nicht, wenn auch stellenweise etwas anders gefärbt, dieselben Fäden sich durch alle hindurchziehen sollten. Sicher aber ist es, und das ist das traurigste an der Sache, daß Deutschland in einen inneren dreißigjährigen Krieg hineingetrieben wird, der geistig und materiell die größten Schäden verursachen muß. Die Etappen hierzu sind seit sieben Jahren recht deutlich markirt. In einem Volke wechselt zwar leicht die augenblickliche Stimmung nach unerwarteten Ereignissen des Tages; aber seine Grundanschauung wechselt nicht jo leicht wie eine Majorität in einem Parlament auf gewisse Einflüsse hin, und nicht allein die Grundanschauung, sondern auch die Bedürfnisse und die Mittel der Befriedigung haben einen constanten Charakter. Wenn eine Nation seit Jahrzehnten die Wege des Liberalismus gegangen, kann sie über Nacht einmal eine dunkle Anwandlung bekommen, aber — am nächsten Tage wird ihr der Schaden doch sichtbar, der ihr zugcfügt worden. Aber auch Diejenigen, welche momentan zur Macht gelangten, sind nicht so schnell wieder verdrängt. Der Kampf ist somit entbrannt. Wie wird er sich weiter entwickeln? Welche Lösung und wann wird er sie finden? — - Nun, wir muffen die nächste Zeit noch abwarten, denn noch ist die Stellung der neuen Majorität weder klar, noch sicher. Das Verhältniß des Centrums bildet den Mittelpunkt der ganzen Frage. Bonn, 11. Juni. Die Einheit der Ideen in der heiligen Schrift Israels X. 13) Die Verantwortlichkeit des Menschen. In den Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Divan sagt Goethe, nachdem er über die vielen Versuche, aus dem Hohenlieds ein geordnetes Drama zu machen oder die Geschichte Ruth's zu paraphrasiren, gesprochen hatte: „Und so dürfte Buch für Buch das Buch aller Bücher darthun, daß es uns deshalb gegeben sei, damit wir uns daran, wie an einer zweiten Welt, versuchen, uns daran verirren, aufklären und ausbilden mögen." Dem tiefblickenden Dichter ist es gegeben, über die Flucht der Zeiten und den Wechsel der Ansichten in ihnen hinwegzusehen und das Gemeinsame aus ihnen herauszusinden. Diejenigen aber, die in einer bestimmten Richtung des Forschens und Suchens befangen sind, halten diese ihre Richtung für die allein gültige, in lvelche alle früheren Bestrebungen münden, und die daher für alle Zukunft die Urtheilsmeinung feststellt. Nachgerade zeigt es sich aber dann, daß dies nicht der Fall sei, sondern daß sich wieder eine ganze Reihenfolge verschiedenartiger, ja entgegengesetzter Betrachtungsweisen eröffnet itnb Raum gewinnt. In diesem Sinne halten wir uns überzeugt, daß Diejenigen, welche unbefangen und ernstlich die Reihe unserer Abhandlungen unter obigem Titel prüfen, den Irrt hum Derer erkennen werden, lvelche die Bücher der heiligen Schrift aus Stücken und Stückchen zufällig zusammengelescn und zusannnengesetzt erachten, mit dem Aufwands großen Scharfsinns die Nähte aufsuchen und dabei das Alter jedes einzelnen Flickens erkennen wollen. Bei aller Geistesschärfe ist diesen Männern der Geist abhanden gekommen; denn über die Betrachtung aller Unebenheiten, die sich nach unserem heutigen literarischen Geschmack und Gewissen an den alten Schriftwerken entdecken laffen, haben sie den Blick in das Innere verloren, das Verständniß für den Geist, der diese Schriften geschaffen, der sie erfüllt und durch sie zum Ausdruck kommt, solvie die Erkenntniß, daß, wenn dieser Geist, diese einheitliche Anschauung, diese charakteristische Gedankenfolge in ihren Wurzeln, ihrem Stamm und ihren Aesten sich als unverändert, inmitten ihrer Entwicklung als immer dieselbigen erweisen, es auf Aeußerlichkeiten nicht ankommen könne, welche während des langen Bestandes theils zufällig, theils absichtlich an dem alten Schriftdenkmal zu scheinbaren Auffälligkeiten und Widersprüchen geworden sind. Die Zeit, in lvelcher die Arbeit der kritischen Auflösung und Zersetzung vor sich ging und die Pfade der.Wissenschaft beherrschte, dürfte wohl, nach der Goethe'schen Ansicht, wieder abgelöst werden durch die eifrige Betrachtung dessen, was den geistigen Inhalt der heiligen Schrift ausmacht, inwielveit es sich in den verschiedenen Büchern ausprägt und wie es diese ein jedes nach seiner Weise charakterisirt. Daß auf diesem Wege die kritischen Erörterungen zunächst nur einen secundären Platz erhalten, dann aber durch das Gewicht der geistigen Momente in eine ganz andere Bahn gelenkt werden mögen, ist einsichtlich. Wir haben uns deshalb nicht auf die allgemeinen Ideen beschränkt; wir haben diese in den realen Institutionen, von denen die Bücher der Schrift sprechen, wiedergefunden; wir sind selbst einzelnen Bezeichnungen und Worten nachgegangen, um uns von dem einheitlichen^ Charakter dieser-Ideen, des ganzen Gedankeninhalts der Schrift zu überzeugen und allmälig, aber sicher, den Weg zu finden, auf welchem die Entwicklung innerhalb dieses Schrift-