Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1879)
- Date
- 1879-06-10
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
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374 rathen der Westmächte der Congreß die Anerkennung der bisherigen Vasallenstaaten der Türkei der Emancipation der Israeliten untergeordnet habe, und seinen Einfluß verwenden, daß Rußland keine Anleihe erhalte, so lange es nicht den Berliner Frieden ausgeführt habe. Man wollte das damals halb scherzhaft behandeln. Thatsächlich aber ist es seitdem so gekommen und hat wenigstens mittelbar auf die Räumung Ostrumeliens eingewirkt." — Es kann dies Alles noch heute nur als Scherz angesehen werden. Die Finanzwelt und ganz besonders das Haus Rothschild ist völlig interconfesstonell, und ihre Operationen werden gänzlich allein von den finanziellen Interessen beherrscht. Dazu ist die Concurrenz zu groß, um nicht alsbald Anleihen zu Stande zu bringen, wenn Bürgschaft dafür vorhanden ist. Für die Juden sind aber solche „Scherze" zu ernsthaft in ihren Folgen, als daß wir sie nicht nachdrücklich zurückweisen müßten! Berlin, 1. Juni. (Privatmitth.) Sie haben bereits eine Analyse des Rechtsgutachtens von Bluntschli: „Der Staat Rumänien und das Rechtsverhältniß der Juden in Rumänien" gebracht. Es ist wohl am Platze, hier das kurze Vorwort wiederzugeben, welches der Verfasser dem Rechtsgutachten voranschickt, um den unparteiischen Standpunkt desselben zu kennzeichnen. Es lautet: Heidelberg, 8. Mai 1879. An das Comitv für Anerkennung der Gleichberechtigung der jüdischen mit den christlichen Rumänen. Hochgeehrte Herren! Ich beehre mich. Ihnen anmit das gewünschte Gutachten über die Völker- und staatsrechtliche Stellung der rumänischen Juden zu übersenden. Das Studium der Verträge und Gesetze hat mich in der schon durch den allgemeinen Entwicklungsgang der europäischen Rechtsverhältnisse als nothwendig begründeten Ueberzeugung bestärkt, daß die Gleichberechtigung, welche Sie anstreben, rechtlich nicht verweigert werden könne, wenn Rumänien als civilisirter europäischer Staatvolle Anerkennung finden will. Die Uebelstände, die Viele von dieser Reform besorgen, werden meines Erachtens nicht dadurch richtig bekämpft, daß man den Juden das natürliche und von Europa gebilligte Recht versagt, sondern nur dadurch vermieden, daß in dem eröffneten Wettbewerbe Jeder seine Pflicht thut. Ihr hochachtungsvoll ergebener Bluntschli.^ Uebrigens wollen wir hinzufügend nur bemerken, daß Bluntschli sich bei Gelegenheit nicht immer judenfreundlich geäußert hat, so daß also seine Unparteilichkeit in dieser Schrift in keiner Weise bekrittelt werden könnte. — Gestalten Sie mir, Ihre Leser auf eine Schrift des Professors der katholischen Theologie, vr. Reusch, aufmerksam zu machen: „Die deutschen Bischöfe und der Aberglaube." Den Pamphleten Rohling's und Genossen gegenüber möchte der Inhalt dieser Schrift doch sehr bezeichnend sein. — In der jüngsten Zeit haben einige jüngere jüdische Schreiber das Losungswort „der Befreiung des Judenthums" in Umlauf zu setzen versucht. Richtiger müßte es lauten: „Befreiung vom Judenthume" — denn dahin laufen doch ihre Bestrebungen hinaus. Die Bücher der heiligen Schrift in Stücke zu zerreißen und zu einem Chaos zu machen, aus dem nur noch einige „prophetische Reden und poetische Sentenzen" hervorragen, die mosaischen wie die talmudischen Gesetze für „Absurditäten", die Beschneidung für eine „Barbarei" zu erklären die ganze geschichtliche Entwicklung des Judenthums mit Staub zu bewerfen und darum einige Phrasen von „Monotheismus" und „Mission Israels" zu drehen.— das nennen sie „jüdische Theologie treiben und „das Judenthum befreien." Glücklicher Weise hat der jüdische Stamm in seiner Ganzheit zu aller Zeit die Triebe der Entwicklung in ihrem richtigen Gange und in ihrem positiven Gehalte gehabt, um sich von dergleichen Richtungen afficiren zu lassen. Bonn, 27. Mai. (Privatmitth.) Wir haben in vor. Nr. eine Stelle aus einem Artikel der „Germania" über die Frequenz der höheren Lehranstalten seitens der jüdischen Jugend citirt, eine Stelle, welche noch mehr zwischen den Zeilen lesen läßt, als sie ausspricht. In der Nr. vom 26. d. kommt das ultramontane Blatt auf den Gegenstand zurück und nachdem es einen Jrrthum in der Gruppirung der Zahlen berichtigt hat, fährt es fort: „DieZunahme des jüdischen Elementes ist — relativ wie absolut genommen — rapid, und die Zeit rückt immer näher heran, die vor einigen Jahren der Rabbiner vr. Philippson in Bonn ankündigte, daß ,cin großer Theil der Juden zu den höheren Culturschichten des preußischen Volkes gehören, und was an Geistesanlage in ihm ist, eine offene Bahn finden und zur Verwerthung für die Gesellschaft kommen wird^. Das wird eine reizende Zeit werden! Denn wo es aufs ,Verw erthew ankommt, pflegen ja die Specialintereffen der Juden nicht zu kurz zu kommen!" Es versteht sich von selbst, daß wir die von uns angeführten Worte noch heute aufrechterhalten, und es ist ja nicht unsre Schuld, wenn die katholische Jugend im Besuche der höheren Lehranstalten statt 33 Procent nur 16'/., stellt, während doch die protestantische statt 65'/., Procent 73'/# beträgt, also nicht blos die Juden, sondern auch die Protestanten gegen die Katholiken weit voranstehen. Es wäre Sache der ultramontanen Partei, hierin Abhülfe zu treffen und die katholische Jugend zum Besuche der höheren Lehranstalten anzufeuern. Wenn die von uns besprochene Zeit den Wortführern der „Germania" „reizend" erscheint, so glauben wir daß sie jedenfalls reizender sein würde, als wenn jene Herren den Staat wieder für sich in Besitz nähmen, wo dann der ganze Apparat der mittelalterlichen Machtmittel, die wir nicht näher zu bezeichnen brauchen, wieder in Verwendung kommen würde. Was das „Verwerthen zu Specialinteressen der Juden" betrifft, so gehen darin die Ultramontanen den Juden mit dem nachdrücklichsten Beispiele