Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1879)
- Date
- 1879-06-10
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227256--37206-3256599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m Zeit gar keinen Anhaltspunkt findet. Allerdings wird es diesem nachfolgenden Geschlechts, über diese Sache hinwegzukommen, schwer gemacht: denn auch von Seiten der liberalen Presse und der liberalen Parteien sieht sie diese verhättnißmäßig geringe Masse der Juden überall auf's Tapet gebracht, in alle Streitfragen hereingezogen, bald gelobt, bald carrikirt, immer aber auf die Bildfläche gesetzt, so daß jener eine Wichtigkeit beigelegt wird, die sie nach einfachem Maßstabe und Urtheil nicht besitzen kann. Nun würden wir hierüber gar nicht böse zu sein brauchen; im Gegentheil könnten wir uns dieser Anerkennung, welche dem Iudenthum einen so hohen Gehalt und den Juden so viel Intelligenz und sittliche Kraft zutheilt, herzlich freuen, und jedenfalls voraussetzen, daß doch wohl ein gut Theil davon wahr sein, müßte — wenn man nicht eben die Absicht merkte und dadurch verstimmt würde. Man will den Liberalismus als Judenthum dem Volke verdächtigen und zu gleicher Zeit die Juden als wirkliche Stützen des Liberalismus verhaßt machen , isoliren und möglicherweise wieder beschränken und ausschließen. Wie dem aber auch sei, eines Momentes können wir uns freuen: daß man das Judenthum nicht als ein reactionäres System, als eine rückläufige Lehre, als eine der Entwicklung und dem Fortschritt feindliche Religion auszuschreien vermag, sondern als das Gegentheil, als eine positive Religion, die trotz der 3*/., Jahrtausende, die sie zählt, auch der modernsten Entwicklung der Gesellschaft einen geeigneten und vorbereiteten Boden . bietet. Und weiterhin dienen diese ewigen Angriffe dazu, in den Juden selbst das Bewußtsein ihrer selbst, ihrer Stellung, ihres Berufes immer wieder zu wecken und zu stärken, was den zersetzenden und nivellirenden Elementen unsrer Zeit gegenüber von Bedeutung ist. Darin liegt etwas Providentielles. Die Einheit der Ideen in der heiligen Zchrift Israels. IX. 12) Die Vergeltung im Diesseits. Der Gegenstand unsres vorhergehenden Artikels (Nr. 21), die demokratische Anschauung in den biblischen Büchern, steht, wie wir sehen werden, mit der Vorstellung, die wir heute behandeln wollen, in innerem Zusammenhänge. Wir haben'7K dem fünften Artikel dieser Abhandlung (Nr. 4) den Begriff der göttlichen Vergeltung, wie er von der ersten bis zur letzten Seite der heiligen Schrift ausgeprägt ist. und diese charakterisirt, und in welchem die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes harmoniren, behandelt. Dies fordert jedoch eine Ergänzung, die gerade für den Zweck, den wir gegenwärtig verfolgen, ganz besonders ergiebig ist. Es betrifft dies die eigenthümliche Erscheinung, daß in sämmtlichen biblischen Schriften diese göttliche Vergeltung als im diesseitigen Leben des Menschen vor sich gehend, ausgesprochen wird. Wenn wir erwägen, daß nicht blos die beiden Töchterreligionen des Judenthums das Dogma von der Bestrafung und Belohnung im Jenseits zu einer ihrer wesentlichsten Grundlagen, ja ihre ganze Religions- und Sittenlehre davon abhängig machten, sondern daß auch die ganze jüdische Tradition mit ihren Anfängen, die geschichtlich erwiesen in das vierte Jahrhundert vor dem Christenthume hinaufreichen, die Lehre von dem göttlichen Gerichte nach dem Tode und nach der Auferstehung der Todten hegte und von ihr durchdrungen ist, und daß wir sie in den meisten Apokryphen und namentlich auch bei Josephus ausgesprochen finden; wenn wir endlich bemerken, daß in dem späteren Buche Kohelet und in dem älteren Buche Hiob dieser Glaubenssatz in leisen Andeutungen anklingt *): so tritt es um so nachdrücklicher und prägnanter hervor, daß in allen biblischen Büchern nur von der Vergeltung im diesseitigen Leben die Rede ist. Bildet dies ein ganz besonderes Charakteristicum für die biblischen Schriften, für den einheitlichen Geist, der in ihnen lebendig war, für die einheitliche Anschauung, die sie beherrschte und beseelte : so zwingt es uns auch, die Abfassüngszeit derselben in ein höheres Alterthum hinauszurücken, wo die Vorstellung der göttlichen Vergeltung im Jenseits der Volksseele noch fremder war. Wir haben in einer früheren Abhandlung über „die Unsterblichkeitslehre im Judenthume" nachgewiesen, daß der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, der sich ja selbst bei den rohesten Menschenstämmen vorgefunden, - wie uns z. B. Cook von den Südseeinsulanern berichtet, und-der bei den Aegyptern in ausnehmender Weise entwickelt war, auch im israelitischen Volke vorhanden und lebendig war, wie sich dies aus dem in der ganzen heiligen Schrift gelehrten dualistischen Princip von Seele und Körper und deren Verbindung im Menschen von selbst versteht, daß aber dennoch dieser Glaube in den biblischen Schriften nur Andeutungen und erst spät bei Koheleth einen formulirten Ausdruck fand. Die Verwendung dieses Glaubens aber in Lehre und Gesetz fehlt gänzlich. Der Grund hierfür ist geschichtlich erklärlich. Bei den Aegyptern war die Lehre von der Unsterblichkeit und der Vergeltung nach dem Tode zur Knechtung des Volkes unter dem Doppeljoche der Priester und des Despotismus des Königs, der göttlich verehrt wurde, auf's Nachhaltigste verwendet, ja auch zur materiellen Ausbeutung, da der Schweiß des Volkes in einem umfassenden Ahnencultus zu ausgiebigen Todtenopfern für das Seelenheil der Verstorbenen eonsumirt ward, Opfer, mit denen sich die hoch- 1) Hiob 14, 14; 19, 25—27. S. die Auseinandersetzung in unsrem Aibelwerke Bd. 111. S. 536 und in unsrer „Ausführlichen Neligionslehre" Bd. II. S. 238 ff.; Koh. II, 9 und I2^^i»r-ihrer, Verbindung. 2) In unserer „ausführlichen Religionslehce" Ad. IT. S. 231 bi- 270.