Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-06-03 · Heft 23 (3.6.1879) · p. Seite 364

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 23 (3.6.1879)
Date
1879-06-03
Page
Seite 364 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227231-3227255--37199-3256591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

364 1. und 7. Tage des Peßachfestes zu Göppingen vom Rabb. Herz." (Eßlinger, Harzburger 1879.) Der treffliche Redner macht Front gegen die äußeren wie die inneren Feinde, die Israel bedrohen; er spricht mit männlicher Offenheit nicht nur von den schlechten Quellen, aus welchen die Feindschaft gegen uns fließt, sondern auch von den Fehlern, die in unsrer Mitte angetroffen werden, und die hinderlich sind, das bürgerliche und religiös-sittliche Ideal zu erreichen. — „Zwei strahlende Vorbilder. Festpredigt zur Jubelfeier der silbernen Hochzeit des österreichischen Kaiserpaares, gehalten von Dr. I. Jacob Unger, Rabbiner." (Jglau, Rippel, 1879.) In würdiger Weise rühmt der Redner das Kaiserpaar als Vorbilder der Menschenfreundlichkeit und Gerechtigkeit, und ruft dazu auf, ihm darin nachzueifern. — „Der Mosaismus und das Aegypterthum in religiöser und politisch-socialer Beziehung. Von M. Mannheimer, emer. Rabbinatsverweser zu Darmstadt." (Magdeburg, 1878, im Selbstverläge des Verfaffers). Der Verf. hat sich den Zweck gesetzt, die oft gehörte Behauptung, daß der Mosaismus ein Ausfluß des Aegypterthums sei, zu widerlegen und zeichnet daher in allgemeinen Umriffen die Verschiedenheit, ja den Contrast, der zwischen jenen beiden Erscheinungen vorhanden war. Er behandelt nach dieser Richtung hin den Gottesbegriff, die Gottesverchrung (Cultus) und die allgemeinen socialen Principien. Er steht dabei ganz auf den Anschauungendie wir seit so vielen Jahrzehnten in d. Bl« Ieu i l Lin Li!d ans dem Mittelalter. Es ist jetzt zu einem Brauche geworden, aus der Zeit des Mittelalters nur die blutigen Verfolgungen, die grausame Behandlung der Juden hervorzuheben. Jüdische Geschichtsschreiber entwerfen solche Schilderungen mit besonderem Nachdruck und setzen dabei die dunkelsten Tinten auf. Selbst jüdische Kanzelredncr ergeben sich der Geschmacklosigkeit, häufig ihren Zuhörern das Mißgeschick ihrer Väter in bitterster Weise zum Bewußtsein zu bringen, während doch von der Kanzel nur Erhebung, Belehrung und Versöhnung ausgehen soll. Folgt man allen diesen Jeremiaden, so begreift man kaum, wie unsre Väter athmen und bestehen bleiben konnten. Sieht man jedoch von diesen an Zeit und Oertlichkeiten gebundenen Explosionen des Fanatismus und der Raubgier ab — letztere gab am öftersten den Anstoß und bediente sich des Fanatismus als Mitte! und Maske — erinnert man sich, daß in jenen Zeiten der Feudalherrschaft und des Faustrechts überhaupt keine Klaffe der Bevölkerung auf Rosen gebettet war, sondern alle unter den beständigen barbarischen Fehden schwer litten; erwägt man ferner, daß die mittelalterliche Tendenz das Volk in zahlreiche abgegrenzte Glieder theilte, und jedem derselben einen bestimmten ausgesprochen und vertheidigt haben. Die Bibelkritik kann hiergegen nichts einwenden, da jedenfalls die Momente, auf welche es hier ankommt, in der heiligen Schrift wirklich vorliegen, so daß es gar nicht darauf ankommt, ob man eine kürzere oder längere Entwicklungszeit annimmt. Der Verfaffer hat sich daher durch die klare und einfache Auseinandersetzung ein Verdienst erworben. Wir hätten allerdings gewünscht, daß der Verfasser die Quellen, aus denen er schöpfte, angegeben hätte, damit der Leser gewahren konnte, daß die Darstellung eine begründete sei; noch dazu, da gerade über die Religionsvorstellungen der Aegypter, die sich sehr chaotisch darstellen, die Controverse über esoterische und exoterische Vorstellungen noch lange nicht zu Ende geführt ist, und deshalb die Annahme widerlegt werden muß, als ob der Mosaismus aus der esoterischen Lehre der ägyptischen Priester gefloffen sei. Eben darum wäre ein Eingehen in die Details rathsam gewesen. Immerhin aber hat der Verfasser einen abermaligen Anstoß gegeben, um die richtige Erkenntniß zu fördern. — W. Marr hat unter dem Titel: „Marr der Zweite" ein Heftchen Carrikaturen und schlechter Verse: „Jeiteles Teutonicus“ herausgegeben , von welchem selbst die „Germania" sagt, daß „der Sache damit wenig gedient sei". — Der jüdische Bildhauer Ezechiel findet in seinem jetzigen Vaterlande, Amerika, so großen Anklang, daß die Stadt Baltimore bei ihm ein Werk für 15,000 Dollars bestellt hat. l e t o n. Kreis von Rechten und Pflichten zuwies, die Niemand überschreiten durfte, und in die sich zu schicken Jeder gewohnt war: so fehlte es auch unsren Vorfahren nicht an Ruhepunkten und an der Möglichkeit, kürzere oder längere Zeiträume hindurch sicher und selbst behaglich zu leben. Mehrere jüdische Autoren haben cs bereits versucht, Sittenschildcrungen aus dem jüdischen Mittelalter zusammenzustellen und uns durch gesammelte Notizen Blicke in das häusliche und gemeindliche Leben der Juden werfen zu lassen. Da hat sich denn nicht wenig Erfreuliches eröffnet, und es zeigte sich, daß es unsren Voreltern auch nicht an Lustbarkeiten, selbst. Freudengelagen, an heiteren Scenen und munteren Spielen fehlte. Neben diesen ging die lebhafteste Geistesthätigkeit einher, welche zwar innerhalb gewiffer Schranken sich bewegte, aber an Energie und selbst Vertiefung nichts zu wünschen übrig ließ. Vor Allem heben wir hervor, daß recht bald, obschon das germanische Recht ursprünglich alle Fremden für rechtsunfähig, also rechtslos hielt, die Juden als rechtsfähig betrachtet und behandelt und deshalb sehr zahlreiche Rechtsbestimmungen über und für sie erlaffen wurden. Lag es nun auch in Geiste jener Zeiten, daß die Gewalt sich immer wieder über das Recht wegsetzte, und waren hiergegen die Juden wehrlos: so kehrte man doch schon des Bedürfnisses wegen immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.