Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1879)
- Date
- 1879-06-03
- Page
- Seite 360 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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äeö 2r>eü)iuicj 6U/<xcßttcßlcm. Deutschland. Berlin, 22. Mai. (Privatmitth.) Man hat seit langer Zeit der französischen Nation nachsagen muffen, daß sie üon vielen unversöhnlichen .Parteien durch- und unterwühlt sei. Wirft man einen vergleichenden Blick auf England, das doch auch seine mehrfachen Parteien hat, die sich befehden, ohne jedoch irgend welche Umwälzung öder nur einen principiellen Umschwung im Staats- und Volksleben zu beabsichtigen, so muß man die Nichtigkeit jenes Vorwurfs eingestehen. Um so betrübender ist es, daß das junge deutsche Reich immer mehr in dieselben Zustände der Zerrissenheit und der Parteiwuth hineingeräth, wie sie in Frankreich seit so langer Zeit vorhanden sind. Denn hieraus sind wir zu dem Schluffe genöthigt, daß ein heraufbeschworener derartiger Kampf einer langen Andauer entgegengehe. Hierzu kommt aber für Deutschland der Nachtheil, daß die Idee einer einigen deutschen Nation in ihr noch lange nicht so entschieden entwickelt ist, wie bei den Franzosen, was die Geschichte Deutschlands hinlänglich erklärt. Zuerst war es der sog. Culturkampf, der die deutsche Nation in zwei hartnäckig mit einander ringenden Parteien spaltete. Dann trat der Jntereffenkampf ein, der bereits zu einer großen Heftigkeit gediehen ist. Und in den letzten Tagen begann eine Parteibildung, welche die städtische und die ländliche Bevölkerung gegen einander in den Kampf zu führen zum Inhalte, und bereits bedeutende und einflußreiche Führer gefunden hat, wie die gestrige Sitzung des Reichstages vollständig bekundete. Rechnet man nun den Claffenkampf hinzu, der in Deutschland seit alten Zeiten besteht, und den noch nicht erloschenen Partikularismus, und man hat ein Bild vor sich, das auf eine düstere Zukunft hinweist. Daß dieser Streit nicht etwa blos auf speciellen Gebieten, sondern auch in der ganzen Fronte des politischen Lebens geführt werden!vird, dafür spricht schon der Umstand, daß die liberale Partei vollständig zurückgedrängt worden und die vereinigten conservativcn und Centrums-Parteien die Steuer des Reiches ergriffen haben. Wenn nun auch bis jetzt kaum zu besorgen ist, daß die staatsbürgerliche Stellung der Juden principiell in den Streit hineingezogen werde — wovor schon die bestimmten Aeußeruügen des.Reichskanzlers auf dem Berliner Congreß über die Gleichstellung aller Confessionen uns schützen müffen — so weiß man doch, was eine conservative Verwaltung im Einzelnen für uns zu bedeuten hat. Hierin leider bestätigen unsere Befürchtungen die Parteien, welche gegenwärtig tvenigstensimRelchstagedie Obherrschaft besitzen, das Centrum und die Agrarier. Aus dem Schoße dieser beiden Parteien gehen seit Jahren die heftigsten Jnvcktiven gegen die Juden hervor, und sie werden darin nicht müde. So liegt uns ein Artikel der „deutschen volkswirthschaftlichen Correspondenz" vor, dieses Hauptorgans der Schutzzöllner, der zwar persönlich gegen Lasker gerichtet ist, dann aber gegen die Juden überhaupt sich wendet, insbesondere gegen ihre Gleichstellung, und die „Judenhetze" provocirt. Wir begreifen nur das Eine nicht, daß sich gerade die Blätter der Herren Sonnemann und Bernstein veranlaßt fühlen, den Artikel dieser obskuren Correspondenz durch Wiedergabe die weiteste Verbreitung zu verschaffen. Wir können uns denken, daß diese Zeitungen von dem Gedanken ausgehen, durch die Darlegung, wie weit diese Schutzzöllner in ihren Angriffen gegen jene liberale Richtung gehen, den Gegensatz energisch hervorzurufen. Aber bei Angriffen auf die Juden verhält es sich doch anders. In Deutschland giebt es keine Partei, die nicht aus alter Zeit das Vorurtheil gegen die Juden im Herzen zahlloser Anhänger hegt, so daß durch alle diese Kundgebungen dieses Vorurtheil nur genährt wird. Die Gegner des Liberalismus haben stets den Kunstgriff geübt, denselben dem deutschen Volke dadurch verdächtig zu machen, daß sie ihn mit den Juden identificiren, Diesem Kunstgriffe muß man von liberaler Seite nicht noch zu Hülfe kommen. Hamburg, 18. Mai. (Privatmitth.) Wir erhielten diese Tage ein Heftchen zugesandt, welches den Titel führt: „Constitution der Loge Gabriel Riesser l des U. O. Z. Hamburg Wir halten uns daher für berechtigt, einige Worte darüber auszusprechen. Durchmustern wir nämlich die Statuten, so gewahren wir, daß es sich um nichts weiter handelt, als um einen Verein zu gegenseitiger Unterstützung in Krankheits¬ und Unglückssällen. „Politische oder religiöse Diskussionen sind strengstens untersagt", lautet eine ausdrückliche Bestimmung. Nun sind solche Vereine im Schoße der jüdischen Gemeinden seit urältester Zeit etwas ganz Gewöhnliches und in allen Gemeinden vorhanden. Wozu demnach der Apparat einer „Loge"? Wozu das mysteriöse Gewand, das mit dem Begriff einer „Loge" verbunden wird? Ich weiß sehr wohl, daß dieses Aushängeschild in dem logenreichen Nordamerika — es bestehen dort über 9000 Logen — sehr anziehend ist, und deshalb für solche jüdische Vereine eine gewiffe Anziehungskraft besitzt, die dort unter dem Namen Limo Berith blühen. Von da ist eine derartige Logeneinrichtung durch Herrn Peixötto nach Rumänien verpflanzt worden, wo sie besonders für Schulzwecke segensreich wirkt. In Deutschland ist aber eine solche Verkleidung wohlthätiger Zwecke unnöthig, da, wie gesagt, die Herstellung von wohlthätigen Vereinen hier genügend verbreitet ist. Sie ist aber auch schädlich, weil die Judenfeinde schon an und für sich bei allen jüdischen Vereinen etwas Besonderes wittern.