Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1879)
- Date
- 1879-06-03
- Page
- Seite 358 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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358 und der Sitten . . . das eben ist Barbarei. Sie als Staats-! minister, als Liberaler, als Romane und nicht Slave — warum haben Sie den Muth nicht, der Barbarei zu steuern, anstatt ihr das Wort zu redend! „Europa kann das nicht von uns verlangen, was ein Selbstmord wäre! Wenn in den Parlamenten von Paris, Wien, Berlin, London und Rom Juden als Deputirte sitzen, so macht das keine Gefahr für jene Staaten aus — im Gegentheil, es ist ein Vortheil, denn jene erleuchteten Israeliten bieten ihre ganze Intelligenz und Tüchtigkeit im Dienste jener Staaten auf . . . Aber in Rumänien sind es lauter fremde Juden ... die weder Industrielle, noch Kapitalisten sind .. . In Oesterreich, England, Frankreich und Deutschland besonders da sind Juden Dichter, Musiker, Philosophen, Literaten ersten Ranges, Celebritäten in allen Fächern. . . Während bei uns — haben wir auch nur einen einzigen Dichter, oder Industriellen, Philosophen, Mann der Wissenschaft? Einen halten wir, den seligen Barasch, und diesen einen hatte Rumänien als einen seiner beliebtesten Söhne anerkannt." Aber wie viele solcher Barasche hat Eure Intoleranz nicht verstoßen, geknebelt, in den Staub getreten, in's Exil geschickt? Ja, wie viele Barasche habt Ihr nicht in der Wiege, wie die alten Egypter, erdrosselt, durch Verarmung der Eltern, durch beständige Unruhe und Besorgnisse, durch Mangel an Brod und Schule in der Knospe geknickt, sie zu Landstreichern und Vagabunden, zu Lastthieren herabgewürdigt . . . und Ihr habt noch den Muth, nach Barasche zu fragen? Wie, habt Ihr nicht erst eingestanden (abia di ieru amu intratu pi caba civilieatiunei moderui), daß Ihr kaum seit gestern die Bahn der Civilisation betreten; die mißhandelten Juden aber sollen schon am Ende derselben sein? Saget an, wo sind denn Eure vollblütigen rumänischen Kants, Darwins oder Racines? Wo sind Eure rumänischen christlichen Spinozas, Mendelssohns und Meyerbeers, da Ihr sie von den Juden dort erfragen wollet? Einen einzigen Dichter habt Ihr gehabt, den seligen Dimitri Bolinteanu, ein Mann von Gemüth, Geist und Talent, einer, der mit Prophetenblick Eure Laster sah und mit der Cässandra-Zunge deren Folgen verkündete; und der war — ein entschiedener Judenfreund, mein persönlicher Freund, und den habt Ihr Hungers sterben lassen! Di-. Varasch und Dimitri Bolinteanu, Euch Beide rufe ich als Zeugen aus wegen dieser schnöden Heuchelei! O, welche Ironie, Herr Minister, den gefeierten, verklärten Namen Barasch bei Gelegenheit der Judenfrage zu nennen! — Ihr brüstet Euch mit Eurer Toleranz gegen den Verblichenen, um Europa Sand in die Augen zu streuen. Wie aber wollt Ihr Eure Intoleranz, den schnöden Undank, die grausame Vernachlässigung gegenüber Bolinteanu erklären? Er, der allein über seine Generation hervorragte, er, der zwei Mal I Minister war und arm blieb — Ihr habt ihn verkümmern lassen! — Wem fallen hier nicht des Dichters Klagen bei, wer wird nicht das Epitaph anwenden: „Monument von unserer Zeiten Schande, Ewige Schmächschrift Deiner Mutterlande, Bolintineanu's Grab, gegrüßt seist Du mir! Friede und Ruhe wird grüner Lorbeer Dir. Sokrates ging unter durch Sophisten, Bolintineanu litt, fiel durch Christen, . Er, der für's Vaterland litt und starb. Er, der aus Rumänen Menschen warb!" Ihr Liberalen klaget: Ihr habt nur Einen Barasch gehabt; eben liegt mir eine Broschüre vor: „Einige Worte über die Judenfrage" in rumänischer Sprache, von einem Geistessohne Barasch's geschrieben. Warum verstoßt Ihr ihn? Warum 500 Andere seines Gleichen? Warum behandelt Ihr sie als Fremde, als Pariahs? Ich, dessen ztvei Linien nächster Vorfahren in rumänischem Boden ruhen, ich, der ich diese Zeilen in Amerika niederschreibe, das Herz vor Entrüstung geschwellt, warum weile ich nicht zu Hause? Warum war ich zu Hause ein Fremder? „Die Juden sind Pariahs, weil sie keine Erziehung haben." Und die Erziehung haben? Sind Pariahs, weil sie Juden sind! So dreht Ihr Euch in falschen Kreisen und ruft dazu die Verblichenen an. O, Manen von Barasch und Bolinteanu, bringet diese Heuchelei vor den Richterstuhl Gottes! __ Blrnrtschli. Das (Somit«; für Anerkennung der Gleichberechtigung der jüdischen mit den christlichen Rumänen hat sich an den berühmten Staatsrechtslehrer Bluntschli in Heidelberg um ein Gutachten über die Völker- und staatsrechtliche Stellung der Juden in Rumänien getvendet. Dieses Gutachten ist soeben erschienen und liegt uns heute vor.1 * 3) Wie nach der Sachlage zu erwarten war, spricht Bluntschli die Ueberzeugung aus, daß die Gleichberechtigung nicht verweigert werden könne, wenn Rumänien als civilisirter europäischer Staat volle Anerkennung finden will. - Das Gutachten selbst zerfällt in vier Abschnitte. In dem ersten werden die Rechtsverhältnisse der Juden, wie sie sich in Folge der Pariser Convention vom Jahre 1858 gestalteten, auseinandergesetzt. Während bis dahin die Fürstenthümer christliche Staaten in dem Sinne waren, daß den Türken als Mahomedanern dauerhafte Niederlassung und der Erwerb von Grundcigcnthum versagt war, und die Juden als solche nur geduldet touren, sind alle neueren europäischen Verträge und Congreßbeschlüsse, welche sich auf Rumänien und die rumänischen Juden beziehen, in dem Geiste der Befreiung 1) „Ter Staat Rumänien und das Rechtsverhältniß der Juden in Rumänien. Berlin, Löwentbal, 1879." Die obige Analyse ist der „R. Fr. Pr." entnommen. -