Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1879)
- Date
- 1879-06-03
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227255--37192-3256584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
deren Führer Herr I. Bratiano ist, die öffentliche Aufmerksamkeit auf dieselbe ziehend." Was ist nun dieses Programm, dieser neue Standpunkt, diese neue Phase in unserer Frage? Herr Ministerpräsident Bratiano hebt in feierlichen pompösen Sentenzen mit der Erklärungen: „Die Judenfrage sei die wichtigste, die der Kammer je zur Erledigung Vorgelegen. — Sie ist „eine sociale, ökonomische, nationale, internationale und Sittenfrage". — Er will dieses letztere Epitheton mit besonderer Emphase hervorgehobcn wissen. „Denn", sagt er, „eine Nation, die in ihren Sitten bedroht ist, ist ganz besonders gefährdet." Gleich hier erlauben wir uns, dein Herrn Premier entgegen zu halten, daß dieser ganze Passus wohl sehr oratorisch, aber keineswegs faktisch zutreffend sei. Die Erklärung der Union der Moldau-Wallachei, die Emancipation von einer halben Million Zigeuner, von ferneren zwei Millionen Bauern, die Thronbcrufung des Fürsten Earl und die Unabhängigkeitserklärung des Landes waren wenigstens ebenso wichtige Fragen als die jetzt vorliegende. Es war ganz überflüssig, die Pharaonische Hebräerfurcht, die schon ohnehin intensiv, bis zur Fieberhitze zu steigern. Ebenso wenig sind die andern Epitheta zutreffend. „Social, ökonomisch und national" ist's, Pflichten und Rechte unter den Einwohnern eines Landes gleich zu machen. — Sehr schlagend hat Herr Bernescu dem Herrn Minister ins Gedächtniß gerufen, daß eben dessen Partei 1 b48 selber die Judenemancipation beantragt hatte. Seit ' 1.84-8 ist das Princip der Gleichberechtigung Aller doch nicht rückgängig gemacht worden? Nein, Herr Bratiano, die Welt und der Culturstaat sind nicht rückwärts geschritten, aber leider die sogenannte liberale Partei in Rum. hat den Krebsgang angenommen, weil, wie aus Herrn Vernescu's Rede hervorleuchtet, sie um jeden Preis die Macht behalten wollte und daher lieber mit den Wölfen heulen mußte. Noch possierlicher aber ist die Erklärung: „die Frage sei eine der Nationalsttten (moracnri)". Erlauben Sie, Herr Minister, folgende Erzählung unserer Weisen anzuführen, sie trifft den Nagel auf den Kopf. Nämlich: „Als Gott der Welt die zehn Gebote offenbaren wollte und Israel als sein Offenbarungs-Instrument sich auserkoren, da rotteten sich alle Völker neidisch zusammen. „Warum nicht uns, nicht uns hierzu berufen?" frug ein jedes. „Wohlan", sprach der Allvater, „bringt mir Eure Stammbäume und Moralitätszeugnisse her." Und die Völker traten von dem gefährlichen Concurs zurück — sje überließen den jüdischen Frauen den goldenen Preis." Befragen Sie die Geschichte, Herr Bratiano, und Sie werden sehen, wie sehr Sie sehlgegriffen, wenn Sie insinuiren: die alt-israelitischen Sitten bedrohen die der modernen Rumänen. Redner fährt fort: ,Famr Europa von uns verlangen. mit einem Federstrich solch' eine Frage zu lösen? Wie viele Jahrhunderte brauchte Europa nicht, um sie zu erledigen? Nach wie vielen Jahren des Fortschrittes? Und dies nur dann, nachdem daffelbe durch Feuer und Schwert sich eines großen Theiles der Hebräer entledigt hatte." Hierauf erwicdern wir: „Ist Rumänien nicht auch Europa, oder etwa die Tartarei? Warunr denn sollte es nicht mit prositircn von den Erfahrungen und dem Fortschritte der Jahrhunderte? Oder haben Sie des Exils, des Mordbrennens und Plünderns und Ruins nicht genug gehabt? Warum beliebt es Ihnen denn, zu vergessen, daß Oesterreich-Ungarn und Galizien mehr Juden als Ihr Ländchen besitzen und sie doch mit bestem Erfolge emancipirt haben, just vor Ihren Augen, vor Ihrer Thüre? Redner fährt fort: „Ihr könnt Euch daher nicht wundern, als ein Bevollmächtigter (?) des Congreffes eine Lösung vorgeschlagen , der Congreß dieselbe verworfen habe (?), und statt einer Lösung habe er blos ein Princip ausgesprochen '.?), bcntt hätte er die Frage lösen wollen, so würde die ganze rumänische Nation den Berliner Tractat verworfen haben —!!!" Das ist ungemein kühn! Der Artikel 44 des Berliner Traktats bestimmt mit aller möglichen Deutlichkeit und Ausführlichkeit, daß alle Glaubensbekenntnisse und Racen gleich sind im Staate und vor dem Gesetze, in jeder und jeglicher Beziehung und nur unter dieser Bedingung erklärt er die Donauländer selbstständig und unabhängig von den Türken. Nun kann nur eins von Zweien der Fall sein. Die Rumänen acceptiren diese Condition und die Israeliten sind gleichberechtigt; oder sie nehmen sie nicht an, dann ist Rumänien eine Vasallenprovmz der Türkei und die Juden, als Bürger derselben, sind gleichberechtigt in Folge des Fcrmans des Sultans; in beiden Fällen ist die Emancipation vollständig ausgesprochen und ein politisches, öffentliches Factum, und wenn Herr Bratiano es in Frage stellt, lehnt er sich gegen das höchste Machtgebot Europas auf. —Die erste Behauptung: Art. 44: des Berliner Traktats sei eine bloße Principserklärung und keine Lösung der Frage, ist eine Mystisication; und die andere, daß Rumänien die Lösung verwirft, ist eine Tollkühnheit! Herr Bratiano fährt fort, die Pegasusstügel abermals weit ausbreitend: „Wir waren der Vortrab Europas seit dem dreizehnten Jahrhundert . . . Wir das Bollwerk gegen alle asiatischen Invasionen. .. . Während deffen sich die europäischen Staaten entwickeln konnten ... da Andere sich opferten und sie deckten . . . Während wir kaum seit gestern den Weg der Civilisation betreten konnten." Nun wohl, Herr Bratiano, so lasset uns doch diesen Weg der ehrlichen und offenen Civilisation betreten! Friedliche Bürger aber ruiniren, chicaniren, exiliren, drücken, pressen und verhöhnen, unter dem altgläubigen Vorwände der Race und Secte und dem modernen der Nationalität, der Oekonomie,