Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1879)
- Date
- 1879-06-03
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
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356 legt, daß alle die genannten zahlreichen Creditinstitute weder solche Erfahrungen irgendwie gemacht haben, noch irgendwie vom ferneren Ausleihen ihrer Capitalien abfehen. Bis zu der Grenze, wo sie sich sicher halten — diese Grenze ist theils durch die betheiligten Grundbesitzer selbst, theils durch die Behörde, theils durch beide zusammen gezogen — ist also der jüdische Wucherer ausgeschlossen, wenn er nicht etwa das Geld billiger hergeben will, als, die genannten Institute, wo er dann doch nicht mehr zu dem genannten Stande gezählt werden kann. Jenseits dieser Grenze ist die Sicherheit des Capitals nach Ansicht der obigen kompetenten Factoren nicht nrehr eine unbedingte; im langen Laufe der Zeit wird ein gewiffcr Theil der hier dargeliehenen Gelder verloren gehen; auch die Zinsen werden von bereits bis zu obiger Grenze belasteten Grundbesitzern oft nur mit Zwang zu erhalten sein. Vor diesen Gefahren und Unannehmlichkeiten zieht sich der größte Theil der Capitalisten zurück; nur wenige sind bereit, ihre Gelder herzugeben und diese verlangen und müssen verlangen, um selbst existiren zu können, l) Zinsen, 2) ein Acqmvalent für die Gefährdung des Capitals und für die Zeit und Arbeitskraft, welche ihnen durch vermehrte Sorge und Mühe verloren geht. Auch die Unannehmlichkeiten lassen sie sich bezahlen und den extra Nutzen, den ihnen die verminderte Concurrenz zu nehmen gestattet, beanspruchen sie wie jeder Geschäftsmann. Alles dies wird in die einheitliche Form des Zinsfußes zusammengedrängt, der also in Wirklichkeit aus einer Menge verschiedener Elemente zusammengesetzt ist. Während innerhalb der anerkannten Sicherheitsgrenzen das Angebot des Capitals oft überwiegt, ist dies jenseits derselben selten der Fall. Der Anleiher sucht hier, trotz des höheren Zinsfußes, oft mit Mühe und Bitten nach einem Darlehen. Wer es ihm gewährt, befriedigt offenbar ein Bedürsniß und es ist selbstverständlich, daß ihm dafür eine angemessene Vergütung gebührt. Das ist noch kein Wucher. Die größten vom Staate zur Beförderung des Volkswohls gegründeten Banken nehmen 6—8% Zinsen und mehr fiir Darlehen, die auf unbedingten Sicherheiten beruhen, sobald ihr Geldvorrath im Vcrhältniß zu dem Verlangen nach Vorschüssen klein ist; und macht die Bewachung der Sicherheiten, wie bei Lombardgeschäften, einige Mühe, so lassen sie sich diese durch ein extra Procent bezahlen. An unbarmherziger Strenge in der Beitreibung der Vorschüsse bei Verfall derselben werden sie von Niemandem übertroffen. Die ländlichen Creditinstitute zeigen die gleiche Strenge. Die Strenge ist also auch kein Merkmal des Wuchers. Wucher ist nur, ivenn Jemand mit überlegenen Kenntnissen und Mitteln von der Beschränktheit und Verlegenheit anderer Menschen unbilligen Vortheil zieht, indem er sic für seine Vorschüsse weit mehr zahlen läßt, als sie würden bezahlen müssen, wenn sie sich mit Geschäftskenntniß an den offenen Geldmarkt wendeten. Der Wucherer hat dabei oft noch die Absicht, die Anleiher nach und nach außer Besitz zu setzen, sich schließlich die verpfändeten Güter zu einem Preise übertragen zu lassen, der ihrem Werthe nicht entspricht. Das Heimtückische ist ein wesentliches Merkmal des Wuchers. Dies unehrenhafte Gewerbe ist keineswegs ausschließlich bei den Juden anzulreffen; schon Mancher fand bei einem Juden eine offene Hand, der bei einem Christen vergeblich angeklopft hatte und umgekehrt. Was soll das ewige Schimpfen auf die Juden? Der Wucher — es mag ihn treiben, wer will — ist aber keineswegs eine solche Macht in deutschen Landen, daß „die Bewohner ganzer Landstriche wie Hörige für ihn arbeiten müßten" und jeden Falls dürste es nicht gerechtfertigt sein, zu seiner Befriedigung die anderen Bürger des Staates zu besteuern. llulp yourself!“ Rumänien. Die neuesten Nachrichten aus. Bukarest, vom 23. Mai lauten: Die heute stattgehabten Senatswahlcn sind für die Negierung günstig ausgefallen; die Einberufung der Nevisionskammer soll zum 13. k. M. erfolgen. —. Die neugewählte Deputirtenkammer wird annähernd aus 98 Liberalen und Anhängern der Negierung, aus 19 gemäßigt Liberalen, aus 16 Conservativen oder Mitgliedern der oppositionellen Partei und aus 3 keiner bestimmten Fraction angehörigen Mitgliedern bestehen. Wir stehen also am Vorabend der Entscheidung: die sog. liberale Partei, richtiger gesagt die ministerielle, hat die große Mehrheit. Sie muß nun zeigen was sie will! Um den Standpunkt nochmals darzulegen, geben wir hier eine Kritik, die uns aus Amerika zugckommen, und die wir des beschränkten Raumes wegen nicht ganz wiedergeben zu können, bedauern. Eric, Penfylv., im Mai. Der rumänische Minister-Präsident über die Judcnfrage. * Analyse von Rabbiner M. Flügel. Der „No manul", das bedeutendste Blatt in Bukarest, bringt unterm letzten 12. März die famose Rede des Herrn Bratiano »nt folgender Einleitung: „Dieser Diseurs umfaßt mehrere ganz neue Gesichtspunkte in der allabsorbircnden Judensrage, und ist daher als das wahre Programm der Regierung in den gegenwärtigen Umständen zu betrachten; u. z. am Vorabend der Zusammen- berufung der Ncvistonskammer, welche sich mit der Lösung .oder vielmehr dem Anfang der Lösung dieser Frage befassen; wird . . . dieser Rede überlassen wir heute den ersten Platz, ,als das Manifest der Regierung und der liberalen Partei,