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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-06-03 · Heft 23 (3.6.1879) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 23 (3.6.1879)
Date
1879-06-03
Page
Seite 355 (sequence 3)
Language
German
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355 If:! V'-1 V ' s 1 •!i;j ■i': i;ri f DÜ! gegenwärtig ungefähr nur 10 Juden. Allerdings findet bei den Juden ein außerordentlicher rühmenswerther Drang statt, ihren Kindern zu besseren Lebensstellungen zu verhelfen, wozu eine höhere Schulbildung unumgänglich nöthwendig ist. Aber zum Universitätsstudium drängen sie sich nicht. Sie sind diel zu practifch, um auf den Staatsdienst zu reflectiren. Sie wissen recht Wohl, daß sie darin als Juden nicht vorwärts kommen, und daß der Staat in seinen Carrioren Opfer verlangt, welche sie zu tragen nicht vermögen, nämlich die lange Zeit, in welcher der Staat die Amtscandidaten unbesoldet läßt. Auch haben die jüdischen Eltern nur in geringer Zahl die Mittel, ihre Kinder auf der Universität zu erhalten, und die Stipendien, welche von Seiten jüdischer Wohlthäter für das Studium ihrer Glaubensgenossen geboten werden, sind noch sehr gering. Wir richten natürlich diese Widerlegungen nicht an die Adresse der „Germania", denn da ihr alle diese Behauptungen nur Mittel zum Zwecke sind, und sie sich um den Charakter der Mittel nachdem bekannten Grundsatz nicht kümmert, wird sie morgen und übermorgen dieselben Behauptungen aufstellen. Wir halten uns überzeugt, daß sie über den Schluß, die 42 Millionen Deutsche würden durch die halbe Million Juden zu Parias werden, selbst herzlich lacht. Aber es soll dem Volke Furcht eingejagt werden und das genügt ihr. Freilich, wenn sich das Volk selbst Umsicht, gewahrt es keinerlei Herrschaft der Juden, weder in Staats-, noch in Communal-Aemtern, weder im Wehr-, Lehr- und Nährfach eine irgend bedeutende Zahl von Juden um sich her. Jndeß die Reaction rechnet darauf, daß das Volk auch glaubt, was es nicht sieht. Hierzu hat die Reaction Jahrelang den Boden vorbereitet. Sie hat ihn unermüdlich beackert und besäet, und glaubt nun die Zeit gekommen, wo die Saat aufschicße. Es ist jedoch gut, daß sie alle ihre Pläne aufdeckt — um so kräftiger tvird die Gegenwehr sein! — Der jüdische Wucherer. Vorbemerkung der Redaction. Der jüdische Wucher ist nachgerade von der Reaction zu einem Feldgeschrei erhoben worden, dem das alte Dorurtheil zu einem lauten Echo verhilft. Diesmal hat er nicht blos den Zweck, die Juden verhaßt zu machen, sondern auch zu bestimmten gesetzgeberischen Handlungen zu verhelfen. Wir brauchen unsrerseits nicht erst zu versichern, daß wir den Wucher als eins der schändlichsten Gewerbe verurtheilen, wo wir ihn betrieben finden; auch halten tvir uns Gesetzen gegen den Wucher gegenüber völlig neutral, wenn wir auch nicht viel von deren Wirksamkeit erwarten. Allein ein Anderes ist es, tvenn die Beschuldigung des vorhandenen Wuchers allein auf die Schultern von Juden gewälztund" diese'nochdazuso gefaßt tvird, als ob alle Juden ihres Zeichens Wucherer wären. Um so erfreulicher war uns der folgende Artikel der „Ostfriesischen Zeitung" vom 21. Mai. Der Verfasser hat sich durch eine Reihe von volkswirthschaftlichen Artikeln als ein durchaus sachkundiger und urtheilsfähiger Mann erwiesen. Er ist Christ, ein begüterter, unabhängiger und hochangesehener Mann: der Consul und Senator Herr Bernhard Brons jr. in Emden. Der Artikel lautet: „Der jüdische Wucherer ist wie der Polichinell nachgerade eine typische Figur geworden, den näher zu betrachten tvichtig genug ist, tvei l er mit zu den hauptsächlichsten Ursachen gehört, welche es, wie man behauptet, erforderlich machen, der Landwirthschaft oder eigentlich dem ländlichen Grundbesitze, den er bedrängt, einerseits durch Vertheuerung des Getreides und des Viehs vermittelst Schutzzölle, andererseits durch gänzliche oder thcilweise Abschaffung der bisher von dem Grundbesitzer gehobenen Steuern beizuspringen. Durch die so geschaffene Mehreinnahme und Minderausgabe, welche die übrigen deutschen Staatsbürger dem Grundbesitzer zu zahlen resp. für ihn zu decken veranlaßt werden, wird er dann in. den Stand gesetzt, den jüdischen Wucherer zu befriedigen, für den, wie uns gelehrt wird, die Bevölkerung ganzer Landstriche wie Hörige arbeitet und der sie vonHaus unlnHof vertreibt, wenn ihm der günstige Zeitpunkt gekommen erscheint. (Schreiben des Herrn v. Thüngen). Man wird durch diese Schilderungen und Maßregeln unwillkürlich versucht, an ein dämonisches Wesen zu denken, das zu besänftigen am ' gerathensten ist. In einem rohen Lande, bei heidnischen Völkern,! würde man ihm Altäre errichten und durch Anbetung und Opfergerüche diese Besänftigung herbeizuführen suchen; wir greifen für unsere bedrängten Mitbürger in die Taschen. Hoffentlich gelingt es uns, sie zu retten! Suchen wir der Sachlage, die uns wegen der Betheiligung, die uns zugemuthet wird, nahe angeht, einmal im Ernst auf den Grund zu kommen. Der Grundbesitz hat sich in fast allen preußischen Provinzen mit Hülfe der Negierung zu Verbänden geeinigt, die stets bereit und im Stande sind, ihren Theilhabern Darlehn auf Hypothek zu geben; dazu sind in den letzten Jahren zahlreiche mit mächtigen Kapitalien ausgestattete Actiengesellschaften entstanden, deren specieller Zweck es ist, die enormen Geldmassen, welche sie auf ihre Obligationen vom Publicum anlcihen, dauernd in Hypotheken anzulegen; außerdem sind ländliche Hypotheken eine beliebte Kapitalanlage für Privatleute. Das Gesetz hat dann noch durch die neue Form der Grundschuldbriefe sowohl die Kosten erheblich vermindert, als auch die Aufnahme von Anlehn auf sehr kurze Zeit und ohne jeglichen Zeitverlust ermöglicht. Der Credit ist also dem Grundbesitze nach allen Richtungen hin möglich und leicht gemacht. Wenn uns nun bei obigen Schilderungen noch gelehrt wird, „daß die sichersten Hypotheken beim Verkaufe nicht gedeckt werden", so wird diese Behauptung durch die Thatsache wider-

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