Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1879)
- Date
- 1879-06-03
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
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354 im Reichstage für uns haben. Zunächst sucht daher das Centrum immer mehr Fühlung mit den Conservativen zu gewinnen, und eines der nächsten Mittel hierzu ist der beiden Parteien gemeinsame Judenhaß. Den Beweis hierfür liefert uns ein Leitartikel der „Germania" vom 23. d. Derselbe lautet: „Wir haben wiederholt auf die ungeheure und unverhältnißmäßige Betheiligung des jüdischen Elementes im Parlamente, in Amt und Würden, sowie namentlich auch auf die starke Zifferzahl der jüdischen Schüler höherer Lehranstalten hingewiesen. Und diese starke Vertretung der Juden bei den Studien ist in fortwährendem Steigen begriffen. Die Zahl der studirenden Katholiken ist seit 1875 wohl.nicht zum kleinsten Theil in Folge des,Culturkainpfes" von 33 Procent (soll heißen: der Bevölkerung! auf 16% Procent herabgesunken, während die Zahl der studirenden Juden von 1 % Procent (soll abermals heißen: der Bevölkerung. Red. d. A. Z. d. I.) auf 10 Procent gestiegen ist, so daß auf 10,000 Juden 350 Schüler höherer Lehranstalten kommen, während auf 10,000 Protestanten nur 51 und auf 10,000 Katholiken nur 22 Schüler höherer Lehranstalten fallen. Damit ist der ungeheuer hervorrageude sociale ) Aufschwung des Judenthums über die christlichen Confessionen in den letzten Jahren statistisch nachgewiesen. Erklärlich wird das, wenn man die Concentration des Geldes in den Händen der Juden bedenkt und auch die Solidarität in Rechnung zieht, welche es ermöglicht, daß der ärmere Jude beim bemittelteren reichliche Unterstützung findet. Geht das in derselben Progression so weiter, dann läßt sich unschwer der Zeitpunkt berechnen, wo die Juden alle einflußreichen Aemter in ihren Händen concentriren und die Christen zu Parias geworden sein werden. Wir constatiren es mit Genugthuung, daß auch die conservativen Blätter die Eventualität im Auge behalten. So publicirte der gestrige ,Reichsbote^ über das vergangene Studienjahr in Preußen nachstehende höchst instructive Daten." Hierauf folgt das Citat des „Reichsboten", das ähnliche Angaben enthält, die sich jedoch auf die statistischen Zahlen beschränken und nicht wie der Paffus der Germania Raisonnements daran knüpfen. Man bemerke wohl, wie das ultramontane Blatt hier der conservativen Preffe dieselbe Tendenz insinuirt, während sie in dem angezogenen Artikel gar nicht auszusinden ist. Jndeß wird die Voraussetzung der Germania gerade kein Fehlschluß sein. Das Hauptgewicht für uns liegt in den Worten: „Geht das so weiter ff." Das heißt doch nichts Anderes, als man muß die Juden von dem Besuche der Gymnasien rc. excludiren, oder doch wesentlich darin beschränken, und weiter hinauf, man muß sie zur Bekleidung von Staatsämtern unfähig machen! Niemand wird dies für Neuigkeiten aus dem Schooße der ultramontanen Partei halten. Aber dadurch, daß es von den Wortführern der nunmehr im Reichstage Ausschlag gebenden Partei und mit Hinblick auf die mit ihr verbundenen conservativen Fractionen schon jetzt eingeleitet wird, fordert es unsre ganze Aufincrksamkeit heraus. So klein der Artikel der „Germania" ist, so enthält er doch alle die falschen Behauptungen und Uebertreibungen, welche sich die ganze reactionäre Preffe seit Jahren zur Gewohnheit gemacht hat, trotz aller Widerlegungen, die ihnen zu Theil geworden. „Die unverhältnißmäßige Betheiligung des jüdischen Elementes im Parlamente" — die Zahl der jüdischen Abgeordneten ist weder im Reichstage, noch in den parlamentarischen Körperschaften der Einzelstaaten eine unverhältnißmäßige, die etwa das Bevölkerungsverhältniß der Juden im deutschen Reiche wesentlich überschritte. Dabei ist auch in keinem einzigen Falle nachzuweisen , daß einer dieser jüdischen Abgeordneten durch jüdischen Einfluß gewählt worden; denn die meisten der jüdischen Abgeordneten sind in Kreisen gewählt, wo nur eine geringe jüdische Bevölkerung vorhanden, und selbst in Frankfurt a. M. haben wohl mehr Juden gegen Sonnemann gestimmt als für ihn. Das christliche Volk also hat diese Juden zu seinen Vertretern gewählt. Dies kann darum nur durch die hervorragenden Eigenschaften der Gewählten erklärt werden, und daraus geht folgerichtig hervor, daß mehrere dieser jüdischen Abgeordneten einen parlamentarisch ehrenvollen Platz einnehmen. Wollten daher die reactionären Parteien diese Männer aus dem Parlamente beseitigen, so müßten sie das active Wahlrecht des Volkes confessionell beschränken. „Im Amte" — Jedermann weiß, daß es bis jetzt nur sehr wenige Juden in Staatsämtern giebt. In der ganzen Verwaltungsbehörde nehmen höchstens zwei oder drei Juden geringfügige Subalternposten ein; in der Justiz ist außer Professor Goldschmidt, der längst zurückgetreten ist, bis jetzt kein Jude über den Kreisrichter hinausgekommen. Im Schulfache kommen sie mit einigen äußerst wenigen Ausnahmen nicht vor. Die Behauptung der Germania ist also gänzlich falsch, und wenn sie hinzufügt „in Würden", so könnte sie doch getrost den „Sanitätsrath, geheimer Sanitätsrath, Commerzienrath" u. dgl. einer Anzahl Juden gönnen, ohne dadurch das christliche Volk benachtheiligt zu glauben. Was nun den eigentlichen Gegenstand betrifft, den hohen Procentsatz der jüdischen Schüler in den höheren Lehranstalten, so macht sich die „Germania" sofort wieder der Escamotage schuldig, diese Schüler zu Studenten zu machen. Dies ist aber ein großer Unterschied, denn selbst von den Schülern der Gymnasien geht ein großer Theil nicht zur Universität über, sondern zu anderen Lebensberufen, und ein besonders in's Gewicht fallendes Motiv bildet das Recht der Gynmasialschüler auf den einjährigen Militärdienst. Es müßte also erst nachgewiesen werden, daß ein annähernd gleicher Procentsatz der jüdischen Studirenden zu ihren christlichen Confratres stattfände. Und dies ist es, was wir auf Grund unsrer Sachkenntniß entschieden verneinen. So befinden sich z. B. unter den 1050 Studirenden in Bonn