Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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347 — Das 4. Bulletin ber All. i«r. univ. berichtet: Das gehässige und traurige Vorurtheil, das den Israeliten die Sitte des Gebrauchs von christlichem Blute zu ihren Osterkuchen zuschreibt, kam soeben noch in Vurla, Kleinasien, zum Vorschein. Ein griechischer Knabe, Lehrling bei einem Tischler Namens Demetri, war am 1. April mit einem andern Lehrlinge desselben Meisters verschwunden. Die Israeliten, die von den Griechen beschuldigt wurden, denselben gestohlen zu haben, sahen sich bald mit Steinwürfen in den Straßen verfolgt, und ohne die von der ottomanischen Behörden entfaltete Energie wäre wahrscheinlich Blut geflossen. Der Consularagent für Griechenland, Herr Haralambo, schrieb an demselben Tage wiederholt an den Civilgouverneur von Vurla, um Haussuchen bei den Juden zu beantragen, „da es sich um Thatsachen handelt, sagte er, welche sich bei den Israeliten oft wiederholen." Auf die Nachricht hiervon begab sich das Comit6 von Smyrna sofort zu dem Generalgouverneur des Vilayet, Se. H. Hamid Pascha, der auf der Stelle telegraphisch anordnete, daß für die Sicherheit der Israeliten Vorsorge getroffen und eine Untersuchung der Sache eingeleitet werde. Sodann ging er zu dem griechischen Bischof, Herrn Meletios und dem Generalconsul von Griechenland, Herrn Pharmacopulos, und beide versprachen, ihrerseits ihren Beanüen Ordre zu ertheilen, allen neuen Unruhen vorzubeugen. Fast gleichzeitig wurde der verlorene Knabe in Smyrna in Gesellschaft des mit ihm verschwundenen Lehrlings wiedergefunden. Das Comitck von Smyrna lobt den Eifer, den es bei den ottomanischen Behörden, dem griechischen Generalconsul und den Archimandriten von Vurla, sowie bei den Consuln von Frankreich und England gefunden, welche Letztere selbst zum Schutze der Israeliten Schrittegethan haben. — Auch in Magnesia gab es in Folge einer ähnlichen Anklage einen Moment des Aufruhrs, aber die Ortsbehörde hat die Unruhestifter sofort zur Strafe gezogen. Man ersieht hieraus abermals, wie derartige Excesse stets vom griechischen Pöbel ausgehen, und wie nachdrücklich sich ihnen gegenüber die türkischen Behörden benehmen. Amerika. New-Aork, im April. Nach der neuesten Schätzung besitzen die verschiedenen religiösen Gemeinden New-Zorks als steuerfreies Grundeigenthum zusanunen einen Werth von ettva 32 Millionen Dollars, darunter die israelitischen l,702,000 Dollars. Da nun unter den 1,800,000 Einwohnern New-Zorks kaum der 36. Theil auf die jüdische Bevölkerung, ein noch, geringerer Theil auf die den Gemeinden ungehörigen Juden,! durch welche allein dieses Grundeigenthum erworben ist, fällt, so ist dies ein Zeugniß für die Opferwilligkeit der Juden zu religiösen Zwecken, wie er nicht glänzender gegeben werden kann. Bonn, 18. Mai. (Notizen). Die Köln. Z. schreibt unter dem 12. d.: „Gestern Vormittag würde Herr Milius Goldstein, welcher länger als zwanzig Jahre der Druckerei unsres Verlegers als Factor vorgestanden.hat, unter großer Beteiligung seiner Freundeund Fachgenoffen auf dem israelitischen Kirchhofe zu Deutz zur Ruhe bestattet. Der Verstorbene war ein vortrefflicher Mann und höchst chrenwerther Charakter. Für die gründliche Kenntniß seines Faches zeugen die vielen Werke, welche unter seiner Leitung aus der Ofsicin hervorgegangen sind. Mit energischer Geschäftsführung verband, er Milde und Wohlwollen gegen die Gehülfen, deren Interesse ihm eben so am Herzen lag, wie das seiner Vorgesetzten. Sämmtliche Mitglieder des umfangreichen Instituts des Hauses M. Du Mont-Schallberg sahen ihn mit Schmerzen aus diesem Leben scheiden und das ganze Trauergefolge mit den warmen Worten, die der Rabbiner I)r. Frank in einer trefflichen Grabrede dem Verstorbenen widmete, aus innerstem Herzen zugestimmt haben. — In L es kau bei Weseritz (im nordwestlichen Böhmen) wurden bei den letzten Gemeindewahlen auch zwei Israeliten in den Gelneinde-Ausschuß und von diesem wieder als Gemeinderäthe gewählt. Als Gemeinderäthe betheiligten sich die beiden Israeliten auch an der kirchlichen Feierlichkeit anläßlich der silbernen Hochzeitsfeier des Kaiserpaares und begaben sich demgemäß in die Pfarrkirche von Leskau. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes schickte der Pfarrer den Kirchendiener und ließ dem versammelten Publicum sagen, daß er die Messe nicht früher beginnen werde, bis nicht die zwei Juden sich aus der Kirche entfernt haben. Die beiden Gemeinderäthe verließen sofort das Gotteshaus, brachten aber den andern Tag gegen den unduldsamen Pfarrer ihre Beschwerde bei der Bezirkshauptmannschaft in Plan vor. — Am 20. -Oktober v. I. hat sich zu Rhina (Hessen) das seltene Vorkommniß ereignet, daß neun Juden in Streit geriethen, mit Biergläsern, Messern und Revolvern auf einander losgingen und sich gegenseitig verwundeten. Sie wurden vor die Strafkammer gezogen und am 6. Mai verurtheilt. Dies machte in der Gegend großes Aufsehen und die bekannten Judenfreunde benannten den Vorgang „die Judenschlacht zu Rhina." Unwillkürlich gaben diese Leute hiermit den Juden ein treffliches Zeugniß. Denn dergleichen Dinge kommen bekanntlich bei der nichtjüdischen Bevölkerung an jedem Sonn- und Festtage fast in jedem Dorfe vor, aber — bei den Juden? Sehr schlimm kann die Sache übrigens nicht gewesen sein, denn das Urtheil lautete auf 31/, Monate Gefängnis; für einen, auf 2 Atonale für einen anderen, auf 5 Wochen für je zwei, auf 3 Wochen für je drei und auf 50 Mk. Geldstrafe für je zwei der Angeklagten. — Nach dem Jew. Chr. hat ein Herr A. S. Palmer von Exeter, der jüngst verstarb, ein Legat von 10l>0 L. St. dem Jows’ College und 1ÖOO L. für jährliche Ausstattung einer jüdischen Braut hinterlassen. 22*