Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
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345 Oesterreich-Ungarn. Wien, 11. Mai. (Privatmitth.) Man braucht es nicht erst zu bemerken, daß den Ultramontanen nichts mehr am Herzen liegt, als der ungetheilte Besitz der Schule. Darum der stärkste Kampf auf der ganzen Linie. Jede liberale Gestaltung des Unterrichtswesens ist ihnen ein starker und spitzer Dorn im Fleische. Darum ertönte auch jüngst im „Linzer Volksblatt" ein Weheruf, daß in Oberösterreich in katholischen Schulen drei jüdische Lehrkräfte thätig seien, und zwar in Hall, Spital und Weyern. Daß es im Unterrichte von Lesen, Schreiben, Rechnen u. dgl. mehr auf Tüchtigkeit der Lehrkraft, als auf den Katechismus, der dem Geistlichen zur Belehrung überlassen bleibt, ankomme, ist freilich ein Grundsatz, den die Ultramontanen ganz wohl begreifen , aber nicht verwirklicht sehen wollen. Die betr. Schulen befinden sich ganz wohl bei den drei jüdischen Lehrkräften, und daß der Kathölicismus und selbst die katholische Kirche dadurch erschüttert worden sei, hat man auch nicht gehört. Lemberg, 12. Mai. Wie wir schon früher angedcutet, gehen jetzt die Polen darauf aus, ihre jüdischen Landsleute bei den bevorstehenden Neichsrathswahlen in ihr Interesse zu ziehen, um die Nuthenen aus dem Felde zu schlagen. So hat das Landes-Central-Comito den Rabbiner Ornstein und den Dr. Emil Byk zu seinen Mitgliedern gewählt. Es hat dabei die beiden religiösen Richtungen unter den galizischen Juden berücksichtigt, denn Ornstein ist orthodox, wenn es die Umstände verlangen auch fanatisch, und Byk gehört dem Vereine Schomcr Israel an. Das ostgalizische Central-Wahl- Comite besteht aus 16 Polen und 4 Juden. . Pcst, 13. Mai. (Privatmitth.) Der verdienstvollen Präsidentin des hiesigen israelitischen Frauenvereins, Frau Johanna Vischitz, wurde als Anerkennung für hervorragende Wirksamkeit, beziehungsweise für bcthätigte Obsorge bei der Unterstützung und Pflege verwundeter und kranker Soldaten, von Sr. Majestät dem Könige das goldene Verdiensikreuz mit der Krone verliehen. Im israelitischen Taubstummen-Jnstitut fand den 11. d. die Prüfung statt, zu welcher sich ein zahlreiches Publicum, darunter Oberbürgermeister Rath und Scctionsrath Bükey, eingesundcn hatte. Es war eine wirklich erhebende Freude, wahrzunehmen, wie die Zöglinge dieser schönen Anstalt sich die Kunst zu sprechen in überraschender Weise aneignen, wie sie bereits einen weilen Kreis von Begriffen beherrschen. Alles fehlerfrei niederschreiben und namentlich mit den Zahlen umzugehen wissen. Die Zöglinge — es sind ihrer im Ganzen 35 — kamen classenweise an die Reihe und während die jüngsten noch mit den ersten Elementen sich abmühen, können die Schüler der dritten Classe schon eine ganze Partie der biblischen Geschichte erzählen, die Hauptmerkmale der Thiergattungen nennen und zusammenhängende Sätze schreiben. Mehrere Zöglinge dieser obersten Classe sprechen so deutlich und geläufig, daß sie kaum den Eindruck von Taubstummen machen. Dazu blicken sie alle mit hellen Augen froh in die Welt hinein und strahlen vor Freude, wenn sie aus den Mienen der Zuhörer deren Zufriedenheit und Beifall lesen. Belgien. Brüssel, 8. Mai. (Privatmitth.) Alle Welt weiß, wie heftig jetzt der Culturkampfin Belgien wie in Frankreich, insbesondere auf dem Gebiete des Unterrichts entbrannt ist. Die Majorität, wenn auch keine große, steht auf Seiten der Liberalen hierzulande, in Frankreich die größere Mehrheit. Dagegen findet sich unleugbar auf der clericalen Seite die größere Energie, eine bewunderungswürdige Wählerkraft und die Unverfrorenheit, jedes Mittel, ohne Berücksichtigung seines sittlichen Werthes zu verwenden. Es ist natürlich bedauerlich, daß die staatliche Gesellschaft solchen Conflicten aüsgesetzt ist. Denn einerseits wird das gesammte Volk dadurch gespalten und gegeneinander erbittert, andrerseits verbraucht dieser Kampf eine große Masse von Kraft, welche zum Heile der Gesellschaft ganz anders verwendet werden könnte. Demungeachtet ist es für die menschliche Fortentwickelung von Segen, daß alle diese mittelalterlichen Gewalten im offenen Kampfe zum Vorschein kommen, .sie, die doch latent vorhanden waren und sich dadurch nährten und fortpflanzten. Ich meine durchaus nicht allein die kirchlichen. So drängt es zu endlicher Entscheidung, um den Weg für die Zukunft völlig offen zu machen. Haben wir, das gegenwärtige Geschlecht, die Opfer zu tragen, so mögen unsere Enkel uns.dafür danken. — Was sagen denn aber nun die Deutschen Ultramontanen dazu? Sie, die vom Anfang des Culturkampfes in Deutschland an, die Juden in Mitleidenschaft gezogen und in frechster Weise unermüdlich behaupteten, die Juden seien die Urheber und Pfleger des Culturkampfes, und sie, die Ultramontanen hätten darum das Recht, die Juden in jeder Weise anzugreifen. Weder in Belgien, noch in Frankreich können sie diese absurde Anschuldigung erheben, da in beiden Ländern die Juden in so verschwindender Minderheit existiren und int öffentlichen Leben so wenig wiegen, das selbst der schlechteste Wille nicht auf sie recurriren kann. Wenn in Paris wirklich ein Theil, aber nur ein kleinerer — der Finanztvelt in den Händen von Juden ist, so ist bekanntlich diese solchen inneren Conflicten sehr abhold und es kommt ihr bei ihren Operationen auf die Freisinnigkcit wenig an. Dies liegt auch in der Natur der Sache, denn Handel, Industrie, alle Ockonomie kann auf politische Parteien nicht rücksichtigen. Allerdings haben die Clericalien in Belgien und Frankreich einen anderen Sündenbock: die „Gottlosen Freimaurer. Und 22