Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
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sie diese vermindert. Jndeß kann uns dies gleichgültig sein, da zuvor doch erst abzmnessen wäre, wie viel Ehre Herrn Mosle gegenwärtig zuzuschreiben wäre. Uns genügt, daß er sich zu einer Erklärung bewogen fühlte. Uebrigens hat die Fraction der Nationalliberalcn, welcher Mosle bisjetzt angehörte, einen Tadel über diesen wegen seines Benehmens in den gedachten Sitzungen des Reichstages ausgesprochen. Berlin, 14. Mai. (Privatmitth.) Je weiter die Verhandlungen über die Steuerreform und die Zolltarife fortschreiten, desto offenbarer wird es, daß nunmehr die Fraction des Centrums den Ausschlag giebt, so daß Fürst Bismar! seine Steuerreform aus den Händen des Centrmns entgegenzunehmen hat, selbstverständlich in der Verbindung des letzteren mit der konservativen Partei. Vorläufig haben wir jedoch aus dieser Herrschaft des Centrums keine Besorgniß für das Princip der Gleichstellung zu ziehen. Nicht als ob dieses Princip zu den Grundsätzen der katholischen Partei gehöre, sondern tveil diese befürchtet, daß aus der Verletzung oder Beseitigung der Gleichberechtigung später eine Consequenz gegen die Katholiken erfließen könne, welche doch auch eine Minorität im Staate bilden. Hierfür spricht nicht allein, daß Windthorst bereits mehrere Male selbst für die Gleichbehandlung der „jüdischen Geistlichen" u. dgl. eingetreten ist, sondern ich erinnere an die große Rede Reichenspergers in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am 6. März 1956,. in welcher er den damaligen Antrag Wagener's und v. Gerlach's auf Beseitigung der betreffenden Verfassungsbeftimmung bekämpfte. Da liegen die Motive klar ausgesprochen. — Jrn Uebrigen dauert der Kampf der ultramontanen Presse gegen uns, tvenn auch nur mit Kleingewehrfeuer, fort. Da gefällt sich der „Reichsbote" und mit ihm die „Germania", immer noch Wucher-Geschichten zu erzählen, die bald aus diesem, bald aus jenem Lande datirt sind, und in denen ein Jude die Hauptrolle spielt, ohne daß der Name des Ortes, des Wucherers und des Bewucherten angegeben sind. So z. B. wieder in der „Germania" vom 13. Mai „aus Hessen". Uns ist es gestattet, alle diese Geschichten so lange für böswillige Erfindung zu halten, bis Ort und Personen genannt sind. Wir leugnen ja nicht, daß es ebenso gut jüdische, wie christliche Wucherer giebt, und mögen selbst Referate darüber nicht ungerechtfertigt finden. Aber solchem Treiben müssen wir entschieden entgegentreten, da es nur darauf hinausgeht, dem Volke Vorurtheil und Haß einzusiltriren. Und da ich einmal hierbei bin, noch folgende Bemerkung. Die „N. sr. Pr." brachte neulichst eine statistische Mittheilung über die Freimaurerlogen, die am Ende des Jahres 1678 existirten. Es waren zusammen ungefähr 15,000 Logen mit über 5 Millionen Mitglieder. Dies ist immerhin interessant. Warum benennt aber die „Germania" gerade bei dieser Gelegenheit die „N. fr. Pr." den Wiener „Juden-Moniteur", und fügt hinzu: „Wir bedauern nur, daß die Zahl der jüdischen Brüder jeder Loge nicht angegeben ift"?. Natürlich nur, damit sie in ihren Lesern die Meinung wecken möge, die Lögen sind zu einem großen Theile von Juden besucht. Jndeß konnte die „Germania", wenn sie es gewollt, sich darüber beruhigen. Denn abgesehen davon, daß. ein Theil der deutschen Logen das Christenthum für ihre Grundlage erklärt und Juden nicht aufnimmt, existiren, mit Ausnahme Nordamerikas, bei Weitem die meisten Logen in solchen (katholischen) Ländern, in welchen gar keine oder nur sehr wenige Juden wohnen. So giebt es in Irland, wo nicht hundert Juden tvohnen, 330 Logen, in Spanien 300, in Portugal 22, in Italien 110, auf Cuba 30, in Haiti 32, in Brasilien 256, in den südamerikanischen Staaten 179. Dies sind katholische Länder; wohin auch Frankreich zu rechnen ist, wo ungefähr 1 Jude auf 1000 Seelen kommt, wenn man Algerien nicht hinzurechnet, und wo doch 287 Logen bestehen. In Indien, auf den indischen Inseln, in China, Japan, Australien, Neuseeland, im Caplande, in Canada wohnen verschwindend wenige Juden, und doch existiren daselbst zusammen 1058 Logen. Würde also der Wunsch der „Germania" erfüllt, so würde sie sich sehr enttäuscht finden! Berlük, 1H. Mai. (Privatmitth.) Der Abg. Mosle, der in Folge der Rüge die ihm von der national-liberalen Partei geworden, aus derselben getreten ist, kann sich noch nicht beruhigen, und erließ am 15. d. eine Erklärung an seine Wähler, in welcher er sich über die unrichtige Deutung der von ihm gebrauchten Worte beklagt, da er sie doch in der Plenarsitzung vom 10. d. und in einer Fractionssitzung am 13. d. „sachgemäß richtig zu stellen versucht habe." — Unter* deß hat er bereits einen Nachfolger gefunden, denn in der Neichstagssitzung vom 15. d. hat der Abg. Stumm, der bekannte große Eisen-Industrielle und General-Redner für die Eisen- und Schutzzölle überhaupt von dem „Juden" gesprochen, der dem armen Bauer.die letzte Kuh aus dem Stalle holt, um sie zu exportiren. Natürlich sollte hiermit der Exporthandel gebrandmarkt werden, der durch die Zölle geschädigt werden wird. Auch hiergegen hat sich die Fraction, welcher Stumm seit langer Zeit angehört, die Neichspartei (frei-conservativ) erhoben, und soll ihm ein Mißtrauensvotum geben wollen, Eigenthümlicher Weise sind diese Beleidiger der Juden solche, die bei der jetzt ventilirten großen Streitfrage ganz besonders pro domo sprechen und handeln. — Am 14. Mai wurde Dr. Bernhard Wolfs unter großer Theilnahme zu Grabe getragen. Er war Begründer und Eigenthümer der Nationalzeitung, sowie Begründer des ersten Telegraphen-Büreaus, einer Einrichtung, die eine so große Entwicklung genommen. Seinen Namen trägt noch heute diese Anstalt, obgleich sie, längst in eine solide Actiengesellschast umgewandelt ist. An seinem Sarge sprachen der Chefredacteur der „N. Z", F. Dernburg und die Drr. K. Frenzel und Laster. Das Trauergefolge zum jüdischen Friedhofe bestand aus vielen literarischen Notabilitäten.