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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-05-27 · Heft 22 (27.5.1879) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 22 (27.5.1879)
Date
1879-05-27
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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341 gründen, woran er freilich zu Grunde geht, da ihm die genügenden Mittel hierzu fehlen. So läuft bei Disraeli die religiöse Beeiferung doch nur auf die Politik hinaus; er verläßt Jerusalem und kehrt nach England zurück, um eine politische Rolle zu spielen. Weder für Judenthum, noch für Christenthum hat er etwas geleistet, was irgend von Bedeutung wäre. Seine Religion ist nur ein Kind seiner Phantasie, nicht seines Herzens. 6it<x^tlc6lea. Deutschland. Berlin, 7. Mai. (Privatmitth.) Vor Kurzem hat der berufene Otto G lag a u wieder ein ziemlich dickes Buch vom Stapel laufen lassen: „Des Reiches Roth und der neue Culturkampf". Daß in demselben auch die Juden wieder eine Rolle spielen und die „Judensrage" eine „brennende" genannt wird, setzt man wohl bei diesem Pamphletisten voraus. Jndeß haben dergleichen Sächelchen ihren Reiz verloren, und man thut am besten, sie sich selbst zu überlassen. Die schwierigen Fragen, welche jetzt das deutsche Reich bewegen, namentlich die Steuer- und Zollfrage, beweisen, daß die Juden in allen wirklichen Confliktcn des politischen, sozialen und ökonomischen Lebens von gar keiner Bedeutung sind, da selbst ihre verbittertsten Feinde sie nicht hereinzuziehen vermögen. Oder ist dies nicht auch bei dem jetzt fertig gestellten Gesetze gegen die Lebensmittel-Verfälschung der Fall? Hier kann man dreist behaupten, das; kein Jude seine Hand bei derartigen Verfälschungen im Spiele hat, denn weder sind Jude» mit der Production und Fabrikation noch mit dein Handel von Lebensmitteln thätig. Und doch ist diese Art Betruges die schädlichste und schändlichster Denn außer dem Geldgewinn handelt es sich dabei um die Gesundheit der Menschen. Darum suchen auch unsre Gegner die Wucherfrage zu einer solchen aufzubauschen, an der die Juden am meisten betheiligt seien, weil ihnen hier das alte Vorurtheil zu Hülfe kommt. Aber auch hier bringen die wirklichen Verhältnisse nach und nach eine, richtige Erkenntniß herein, und so wird auch dieses mit der Zeit'schwinden. — In jüngster Zeit hat sich der und jener jüngere Rabbiner wieder einmal als xcrc i'goxtjV (alias X221N2) Reformer aufspielen wollen. Ist dies nun, nachdem die Reform seit sechzig Jahren discutirt worden und dieselbe nach den verschiedenen Oertlichkeiten leicht und begünstigt ist, an sich keine Heldenthat und erfordert tveder Muth noch Anstrengung, so kann man ihnen nicht einmal die Opportunität zugestehen. In der Masse unsrer Glaubensgenossen haben die Gegensätze der beiden Richtungen an ihrer Schroffheit verloren. Die Reformer sehen, nicht mehr alle Orthodoxen für Heuchler oder Schwachköpfe an und die letzteren nicht mehr alle Reformer als Sünder und Verbrecher. Der gesellige Verkehr und die Verquickung der Familie haben bie ’ Ausgleichung und gegenseitige Duldung herbeigeführt, und es, wird nicht lange mehr dauern und die Schreier von beiden Seiten werden nur taube Ohren finden. Die Entwicklung aber wird nur um so sicherer vorwärts schreiten. Lassen Sie mich nur noch eine Bemerkung hinzufügen. Ein junger aus dem Osten gekommener Novellist, der, nachdem er seine östlichen Glaubensgenossen hinlänglich aus die Bildfläche gebracht hat, und nun auch allzulaut in den Angelegenheiten der westeuropäischen Juden mitsprechen will, glaubt den Ausspruch erfunden zu haben: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient". Der Spruch ist aber durchaus nicht neu; der Gedanke wurde schon von den ersten Vertheidigern der Judenemancipation geltend gemacht. Dabei ist er aber nicht einmal richtig. Die thatsächliche Erfahrung hat oft das Gegentheil erwiesen. Selbst unter den drückendsten Verhältnissen hatten sich die Juden so entwickelt und vorgebildet, daß mit dem Augenblicke, wo die Schranken fielen, sie nicht allein sofort dem staatsbürgerlichen und kommunalen Leben sich einordneten, sondern zahlreiche Individuen aus ihrer Mitte in allen Lebensstellungen sich hervorthaten. Als Beispiel wollen wir nur Italien anführen, wo, sobald Italien frei geworden und alle seine Bürger gleich stellte, nicht allein ungefähr 12 Israeliten in das italienische Parlament gewählt wurden, eine Zahl, die weit über das Bevölkcrungsvcrhältniß der Israeliten in Italien hinausgeht, sondern in allen Verwaltungszweigen, selbst in den höchsten Dikasterien, auf Lehrstühlen, in der Armee, in Advokatenstande nahmen Juden ehrenvolle Stellungen ein. Das noch geknechtete Italien hatte also Juden, wie es sie nicht verdiente. Dieses Beispiel hat sich schon früher in allen Culturländern tviederholt. Berlin. 12. Mai. (Privatmitth.) In der Sitzung des Reichstags vom 10. Mai bei der Verhandlung über die Betheiligung an der Ausstellung in Sidney nahm der Abg. Mosle die Gelegenheit wahr, zu erklären, „daß er durch seinen neulichen Ausdruck über den „semitischen" Charakter des deutschen Handels keine Beleidigung oder die Herabsetzung einer Religionsgemeinschaft beabsichtigt habe. Seine Aeußerung sei lediglich eine Mahnung an den deutschen Handel und die deutsche Industrie gewesen, auf ihre Ehre zu halten." Wir wissen nicht, ob diese Wiedergabe dem Wortlaut nach richtig ist, denn der stenographische Bericht liegt uns nicht vor, und wir entnehmen die Notiz einem judenfeindlichen Blatte. Wie sie oben lautet, vermehrt sie eher die Beleidigung, als

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