Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
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340 betrachtet, die heilige Stadt und das heilige Grab zu besitzen; er hingegen fand sie dazu viel würdiger, als irgend eine der hineinströmenden europäischen Schaaren; denn nicht nur sei die Stadt und das Grab auch ibnen ehrwürdig gewesen, sondern diese Söhne der Wüste seien weit näher als irgend ein Germane oder Gallier mit Dem verwandt, der im Grabe geweilt hatte. Die Kreuzfahrer hatten den Glauben als Eins und Alles betrachtet; er wußte, wie er es oft bei sich selbst wiederholte, daß die Race Alles sei, daß Alles zuletzt auf die Race ankäme. Er fühlt sich zu Hause in diesem Lande, wo Karavanen von turbanbedeckten Männern geführt wurden; wo der Scheikh, wie vor Jahrtausenden, der Patriarch seines Stammes war und ihn feine Zelte, wie damals, aufschlagen ließ. Er liebte diese Palmen, diese Cedern und Olivenhaine. Und wenn Jerusalem in der Hochsommertagsgluth wie eine Stadt von Stein in einem Lande von Eisen und einem Himmel von Feuer dalag, und wenn der wild strahlende Glanz der umgebenden Landschaft den Beschauer förmlich mit dem Schrecken schlug, geblendet zu werden, wenn Alles so unheimlich hell und flammend klar war, daß der Pilger dastand, wie jene schattenlose Mährchengestalt in einer noch dazu ganz schattenlosen Welt: dam, fühlte sein metallisch harter und glänzender Geist und seine heiß flammende Einbildungskraft sich mit diesem trockenen, glühenden Erdboden verwandt. Auch in seiner Seele war kein schattiger Platz; auch dort fand sich kein Raum für Rast und Ruhe; die Schattenseite des Lebens hatte er immer verachtet und gescheut. Er fühlte sich glücklich in diesem Lande, wo jeder Fußbreit Erde ihn an die Größe Israels erinnerte, am Fuße des Sinai, von welchem das Gesetz Mosis ausgegangen war, um noch heutzutage von jedem civilisirten Kinde gelernt zu werden; bei den Tempelruinen, die den Gedanken hinleiteten zum Könige, dessen Weisheit noch im Sprüchwort lebt, bei Gethsemane, wo der Märtyrer gelitten hatte, dessen einfache und reine Lehre die westliche Welt erobert hat. Er sonderte in seinen Gedanken nicht Jesus von den anderen Sternen des hebräischen Volkes ab. Er bezweifelte nicht, daß Jesus vom edlen Königshause David's abstamme; Bibelkritik gab es damals nicht und selbst als sie aufkam, paßte es nicht in Disraeli's System hinein, die neutestamentliche Stammtafel Jesu zu einer blos tendenziösen Fiction herabsinken zu lassen. Jesus mußte und sollte ein Fürst sein. Es ist für Disraeli's geistigen Habitus tief charakteristisch, daß er Jesus nie, ohne Ausnahme nie, in den zahlreichen Stellen seiner Werke, wo er ihn nennt, anders bezeichnet, als einen hebräischen Fürsten, einen hebräischen Prinzen. Jesus steigt für Disraeli im Werth dadurch, daß er von dem aristokratischen Blut der Race ist, die instinctive Anziehung, die er selbst innner dem Hochadligen, dein ausgesucht Aristokratischen gegenüber fühlte, zwang ihn auch, an Jesus das zu betonen, was am meisten seinem Ideal entsprach. und hierin liegt es, daß das Fürstenblut, die königliche Herkunft ihm weit theurer wird. Daß Disraeli nichtsdestoweniger von dem Augenblicke an, wo er als conservativer Staatsmann auftrat, nicht den Widerspruch gescheut hat, die äußerste Orthodoxie zu behaupten, ist schon daraus erklärlich, daß im neunzehnten Jahrhundert ein Staatsmann, besonders in England, und namentlich ein conservativer, vor Allem orthodoxreligiöse Garantien bieten muß; aber es hat außerdem auf der Furcht davor beruht, daß er, wenn er die übermenschliche Herkunft Jesu fallen ließe, seinen Stamm dessen besten Glanzes beraube, des Nimbus, der über ihm ruhte, als dem Volke, in welchem Gott selbst als Erlöser der Welt sich gebären ließ. Doch seine eigenen stillen Gedanke,: formten sich auf Palästinas Boden anders um die Gestalt Jesu. Er verglich ihn in seinen Träumereien mit Cäsar und Alexander, die Beide nach ihrem Tode für Götter erklärt wurden, und er fand einen neuen Beweis für die Ueberlegenheit seiner Race, indem er den Zeitraum, den ihre Göttermacht gedauert hatte, mit dem verglich, in welchem Jesus für Gott gehalten wurde. Beide wurden sie Götter genannt, aber wer brannte ihnen wohl Weihrauch jetzt, wo waren jetzt ihre Anbeter? Nicht einmal ihre eigenen Völker beteten sie jetzt an, Ivährend diese und Dutzende von anderen Nationen noch immer vor den Altären knieten, die dem Enkel David's errichtet waren. Konnte es einen größeren Triumph für die Race geben, die er in sich personisicirt fühlte? Was war das neue Testament? Nach seinem eigenen Ausspruche nur ein Supplement; Jesus war gekommen, um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen. Es war also bei Weitem nicht genug, das Christenthum als ohne das Judenthunr unverständlich zu bezeichnen. War das Christcnthum nicht supplirtes Judenthum, dann war es Nichts. Was war der Grundunterschied zwischen Jesus und seinen Vorgängern? Es war der, daß durch -ihn „Gottes Wort" zu den Heiden und nicht mehr zu den Juden allein verbreitet wurde. Und Disraeli sammelte seine Auffassung in diesem kurzen und. jüdisch-aristokratischen Satz: „Christenthum ist Judenthum für die Menge" *)' — Auf dein Boden Palästinas concipirte Disraeli seinen Roman: „David Alroy", und begann, ihn niederzuschreiben. Diese Dichtung wird wohl vielen unsrer Leser bekannt sein, da wir sie 1862 durch das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" in einer neuen deutschen Bearbeitung veröffentlichten. Sie bringt die ganze phantastische. Begeisterung Disraeli's für die jüdische Race zum Ausdruck und ist mit echt orientalischem Colorit ausgeschmückt. Und doch dringt auch hier der Grundion der Anschauung Disraeli's durch. Er läßt seinen Helden auf die Politik hinauskommen, statt des Tempels und des jüdischen Staates ein asiatisches Reich!) Christianity is Judaisra for the multitude, but sti|l it iS Judaism. Tancred 427,