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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-05-27 · Heft 22 (27.5.1879) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 22 (27.5.1879)
Date
1879-05-27
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 Daher finden wir in den Schriften Dieraeli's innerhalb aller Extravaganzen der Phantasie stets bestimmte politische Zwecke Verfolgt und mit wenigen Ausnahmen sind sie gegen gewisse Parteien und zeitweise Situationen gerichtet. Dennoch erklärt uns jene Anschauung Vieles schon im Auftreten dieses Mannes. Nachdem er schon als 22jähriger Mann durch mehrere poetische Schriften großes Aussehen erregt hatte, erschien er in der großen Welt zuerst als Dandy, dem Geiste jener Zeit gemäß. Brandes sagt: „Er war hübsch und wußte, daß er es war. Man denke sich ihn, nicht wie der ältliche Mann jetzt aussieht, im Stil der Byronportraits, das dichte, schöne Haar nach der einen Seite gestrichen, so daß die langen gesalbten Locken heruntcrhängen bis zu seiner schwarzen Halsbinde, über welche kein Hemdkragen fällt, in einem mit weißer Seide gefütterten Sammetrock von ungewöhnlichem Schnitt, in einer mit goldenen Blumen gestickten Weste, die Hände von gestickten Manchetten halb verborgen, die Finger mit Ringen bedeckt, die Brust mit endlosen Goldketten gepanzert, und mit zierlichen Tanzschuhen an den Füßen. In der Hand hat er einen elfenbeinernen Stock, dessen Handgriff mit Gold eingelegt ist und der durch eine schwarzseidene Troddel gehoben wird. Voila Thomme, Disraeli der Jüngere genannt, wie er in den geselligen Kreisen Londons, deren jüngster und lebhaftester Schmuck er ist, sich der staunenden und lächelnden Welt zeigt! Er . ist wie eine Frau geputzt, und geputzter als eine Frau von feinem und sicherem Geschmack." — Daß Disraeli in dieser Gestalt einen bedeutenden Erfolg in der großen Welt gehabt habe, bescheinigen viele Berichte aus jener Zeit: er lenkte die.allgemeine Aufmerksamkeit als junger Autor und Weltmann auf sich. In den Jahren 1828 —1831 unternahm Disraeli die große Reise, „welche in England, so zu sagen, für junge Männer der höheren Stände normirt ist und die mit ihren Wanderjahren die Lehrjahre ab schließt und die Thätigkei tsja hre des Mannes einleitet. Es waren nicht die Länder und Städte, welche die gewöhnlichen europäischen Reisenden am häufigsten aufsuchen, weder Paris noch Wien, noch überhaupt irgend welche von den größeren Mittelpunkten der Civilisation, die ihn reizten. Rein, es waren ganz andere Namen, die seit seiner Kindheit vor seinen Ohren gesummt hatten: Syrien, Jerusalem, Spanien, Venedig." Auch hierin also zeigte sich j Disraeli für die damaligen Verhältniffe originell und seinen j eigenthümlichen Neigungen folgend. Brandes sagt: „Alle! Geister haben außer ihrer zufälligen Heimath auf Erden noch eine verwandte, von welcher sie träumen und nach welcher sie sich sehnen. Mit seiner doppelten Nationalität, mit seinem brütenden Verweilen in den Erinnerungen des Geschlechts und der Väter, hatte Disraeli seit seiner frühesten Jugend eine brennende Sehnsucht nach dem Morgenland. Er wollte die Stätten sehen, auf denen die Augen seiner Vorväter geruht^ den Grund betreten, wo ihre Füße gewandert; an diesen Orten, das fühlte er, würde sein frühzeitig gehärtetes Gemüth weich werden und sein verschlossenes Herz sich in Andacht öffnen. Ja, genau dies; denn eine Pilgerfahrt nach jenen Gegenden war ihm früh nicht nur eine Sehnsucht, sondern eine Religion geworden. Aber wie Jedermann nur durch seine Familie seinem Volke gehört, so sind auch die Erinnerungsplätze der Familie dein Einzelnen näher, als die der Race. Er wollte jene Mittelmcerländcr sehen, wo feine Väter fünfzehnhundert Jahre lang gewohnt hatten, jenes Spanien, wo sie, von ihren maurischen Stammesgenossen brüderlich beschützt, eine reiche Cultur und reiche Poesie in der alten Sprache des Stammes entwickelt hatten — und er suchte zwischen den Namen der berühmten Familien Spaniens nach demjenigen,. den wohl sein Geschlecht, ehe es seinen Namen gewechselt, hätte tragen können, und verweilte träumend an dem stolzen und volltönigen alten Namen Sidonia, den er. Jahre später seinen Helden in „Alarcos" und „Coningsby" gab; — aber vor Allem wollte er die Wunderstadt anr adriatischen Meere sehen, deren Schutzpatron St. Marcus, selbst ein Kind Israels, dem vertriebenen Geschlechte Disraeli solch' milder Herr gewesen war." Aber noch tiefere Eindrücke und stärkere Gemüthsbewegungen als in Venedig, am Fuße der Pyramiden und auf der trojanischen Ebene standen Disraeli auf seiner Reise bevor, und da sich hier seine ganze wirkliche Anschauung kundgiebt, verweilen wir etwas länger dabei. Brandes sagt: „Den tiefsten Eindruck empfing er an dein Tage, da er nach einem mehrstündigen Ritt zwischen kahlen und wilden Felsen einen Berg bestieg, erfuhr, daß er auf dem Oelberge stehe und gegenüber auf dem hohen steilen Abhang eine Stadt sah, von einer alten Mauer umringt, die mit ihren Thürmen, Zinnen und Thoren wellenartig mit dem wellenförmigen Terrain sank und stieg. Sein Auge verweilte bei der prachtvollen Moschee, die über der Stadt emporragte, bei den schönen Gärten vor ihr und bei den unzähligen Kuppeln, welche sich über den lichten Steinhäusern erhoben, und er fühlte, daß er Jerusalem gegenüberstand. Kaum hat einer der alten Kreuzfahrer mehr bei dem Anblick gefühlt, wenn sie auch, anders fühlten. Sie liebten die Stadt um des Himmels willen, um der Seligkeit willen, die ihre Eroberung ihnen öffnen sollte; er liebte sie um des Stammes willen, der die Stadt gebaut hatte. Im Stillen verglich er die Stadt der vielen Hügel, die er vor sich sah, mit jener Sieben-Hügel-Stadt in Europa, und dachte mit Stolz, daß Moria, Zion und der Ealvarienberg weit berühmtere Hügel als der Aventiner- und Eapitoliner-Hügel seien, da nicht nur Asien, sondern das christliche Europa jene Namen kannten, während diese im ganzen nmhamedänischen Asien ein todter Laut wären. Jene alten Kreuzfahrer hatten die Sarazenen, gegen welche sie Krieg führten, als unwürdig 22*

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