Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 moslimitischen Osten sich befinden; denn angenommen, daß von sechs Millionen Juden der Erde eine Million auf das islamitische Asien fällt, so kann man auf die Türkei mindestens 900,000 rechnen. Sehr bemerkenswerth sind die Ausführungen Vambbry's über die Leiden der Juden im Oriente in den verschiedensten Zeitaltern und bei verschiedenen Völkern: „In Bezug auf den Nationalitätsunterschied ihrer Unterdrücker machen wir die sonderbare-Erfahrung, daß Araber und Perser von einem mehr unerbittlichen Haß und größerer Gtüufamkeii erfüllt waren, als die Turanier, namentlich die Türken und Mongolen. Die Geschichte -der Vergangenheit und Gegenwart zeigt viele Beispiele von Judenmassacres und Verfolgungen in Städten und Orten von vorwiegend arabischer und persischer Bevölkerung und fast kein einziges Beispiel von solchen Orten, die von Türken bewohnt sind. Selbst bei den in Europa Ivohnenden Turaniern, bei den Magyaren nämlich, läßt sich dieselbe Wahrnehmung machen; denn während Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien sich früher an den abscheulichsten Judenhetzen delectirten, weiß die Geschichte Ungarns kein einziges Beispiel von Judenverfolgungen aufzuweiscn und hatten solche an einigen Orten in Ungarn nur dann statt, wenn sie von der slavischen oder einer anderen europäischen Nasse in Scene gesetzt wurden. Dem Leser mag diese Behauptung Wohl sonderbar erscheinen, doch sei hier nur vorübergehend bemerkt, daß die bei uns in Europa verschrieenen Horden Wohl wild und unbändig, doch selten grausam und tyrannisch waren, da- Grausamkeit bekanntermaßen nur mit Feigheit sich paart und feig waren die Turanier nie." Vanrböry führt alsdann aus, daß die Juden im Orient am meisten von ihren christlichen Leidensgefährten zu ertragen hatten: „Der christliche Najagefährte zürnte km Volke Israels erstens, weil es den Heiland gekreuzigt (haben soll) und da der christliche Fanatismus viel stärker ist und war, als der moslimitischeso hat dieser Groll gegen die Juden mit einer unglaublich heftigen Wuth sich geäußert. Besonders aber wollen wir bei dieser Gelegenheit hervorheben, daß das berüchtigte Opferblut, das den Juden auf lange Zeit in Europa in die Schuhe geschoben wurde, eine Erfindung der Christen Asiens äst, woher auch die Kreuzzügler diese sonderbare Blume im Knopfloche nach Europa brachten. Zweitens hatten die Juden für die von den Moslimcn an Christen verübten Gewaltthaten zu büßen und so oft ein Grieche oder Armenier, cs sei im Bazargedränge oder bei öffentlichen Belustigungen, von dem nruthtvilligen Mohammedaner einen Puff erhält, tvird dieser sicherlich mit dreifach verstärktem Echo an dem Buckel des armen Jahudi wideryallen. Drittens ist der Jude der gefährliche Concurrent in Ausbeutung der indolenten und trägen muhammedanischen Bevölkerung und steht dem Christen in Handelssachen häufig im Wege." Ob nun diese Gründe wahre oder nur Scheingründe sind, ob berechtigt oder unberechtigt — das ist dem orientalischen Christen einerlei; denn gegen ihn kämpfen Wahrheit und Vernunft selbst vergebens. Deshalb schließt auch Vamböry seine Studie mit den höchst beachtenswerthen Sätzen: „Mit der Vernichtung der moslimitischen, Willkür tritt die christliche Willkür auf und zwar die orientalisch-christliche Willkür, von deren Velleitäten und Tendenzen sich nur Der einen Begriff machen kann, der diese in schwarzer Ignoranz und Aberglauben, in knechtischer Verkommenheit und Bosheit ausgewachsene Gesellschaft kennt, die sich nun gleich einer freigelaffenen Sclavenhorde gerirt. Europa hat es vermocht, den orientalischen Christen des Abendlandes Freiheit zu geben, ihnen sogar materielle Macht zu gewähren, doch Europa hat es bis jetzt nicht vermocht, den orientalischen Gläubigen in Christum auch christliche Sanftmuth und Geduld und die Bildung des Abendlandes zu verleihen; Beweise dessen sind die Kämpfe unserer eigenen Cabinete gegen Rumänien und Serbien, Kämpfe, die nun bei den Bulgaren in neuer Auflage zum Vorschein kommen werden." Im Uebrigen verweisen wir auf die Studie selbst, die noch viel des Wiffenswerthen birgt und dem Herrn Verfasser zur größten Ehre gereicht. L. Levi. Bonn, 21. Mai. V. Die Jugendzeit Benjamin Disraeli's. II. *) Die Persönlichkeit Benjamin Disraeli's in ihrer Eigenart ist so außergewöhnlich und wird schwerlich jemals auch nur annähernd sich wiederholen, daß wir unter der Führung des Herrn Georg Brandes in der „Deutschen Rundschau" noch einige Blicke in die Seelenbewegung und Geistesrichtung des englischen Dichters und Staatsmannes während seiner Jugendzeit werfen müssen. Am lebhaftesten unter den Geisteskräften war bei Disraeli die Phantasie, und wie es bei großen Geistern zu geschehen pflegt, wirkte dieses Vorherrschen des einen geistigen Vermögens auch auf die principielle Grundanschauung des Mannes. Disraeli glaubte Zeit seines Lebens, daß auch in der Politik und Geschichte der Völker die Phantasie die nachhaltigste Nolle spiele und die eigentliche bewegende Kraft sei. Nicht die Interessen, nicht das Utilitätsmotiv wirke so stark auf die Völker, wie die Phantasie, und, meinte er, eine Revolution entstehe nur, wenn die Phantasie des Landes sich gegen die Negierung erhebt. Dieser eigenthümlichen Ansicht huldigt er in seinen Schriften und in seiner Action. Brandes weist dies des Weiteren nach. Wir unsrerseits meinen indeß, daß auch Disraeli dies nicht anders verstand, als daß hierbei die Phantasie genau bewußten politischen Zwecken, also durch den Verstand gefaßten und berechneten Zielen dienen müsse. i) S. Nr. is.