Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1879)
- Date
- 1879-05-20
- Page
- Seite 328 (sequence 8)
- Language
- German
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328 sogar, dem Unterrichte in der Religion der Kirche anzuwohnen, von welcher jene confessionelle Volksschule erhalten wird. Trotzdem seit einer Reihe von Jahren wiederholt Versuche gemacht worden sind, in dieser Richtung den moralischen.Interessen unserer Gemeinde Geltung zu verschaffen, wird heute, ebenso wie vordem, in jener Schule zum Principe erhoben und praktisch bethätigt, daß die jüdischen Zöglinge derselben, weil sie eben Missionszwecke verfolgt, vom Unterrichte in der Religion ihrer Ahnen fern zu halten sind, und wird dieses Princip von Seiten der Leitung jener Schule festgehalten, trotzdem es sowohl gegen den Geist, als auch den Wortlaut unseres Landes-Volksschulgesetzes vom Jahre 1868 verstößt. Auf dieses Gesetz nun gestützt und unter Berufung auf dasselbe hat unsere Schulsection an den königl. Schulinspector, der unserem Schulwesen das sympathischste Jntereffe entgegenbringt, im Monat Januar d. I. eine schriftliche Repräsentation gerichtet, von der wir hoffen wollen, daß ein günstiger Erfolg derselben nicht ausbleiben werde." — Die Armenpflege giebt leider Zeugniß von dem wachsenden Pauperismus in der jüdischen Bevölkerung, da namentlich die Monats-Unterstützungen erheblich vermehrt werden mußten. Das Waisenknabenhaus erzieht jetzt 50 Waisenknaben, das ungarisch-israelitische Landes - Taubstummen - Institut enthält 17 Knaben und 18 Mädchen. Geburten fanden 1837, Trauungen 344 und Todesfälle 1426 statt. Die beiden ersteren je 31, die Todesfälle 74 mehr als im Vorjahre. — Es ist gewiß ein schönes Product unsrer Zeit, diese Veröffentlichung der Jahresberichte, die nun bereits in allen größeren jüdischen Gemeinden, zum Gesetz sich erhoben hat. Von der einen Seite wird dadurch die Theilnahme der Gemeindemitglieder in pasiver und activer Richtung bedeutend gehoben, von der anderen wird' die Verwaltung zu immer strengerer Ordnung genöthigt. Ofen, im April. Es wurde bekanntlich beim Magistrat Uni die Hebci'lüffung eines Terrains in Ofen zur Anlage eines separaten jüdischen Friedhofes angesucht. Der Magistrat hat in dieser Angelegenheit das Gutachten des hauptstädtischen Ober- Fiskals eingeholt, der sich nun dahin äußerte, daß die Stadtbehörde nach dem Gesetze nicht verpflichtet sei, irgend einer Cultusgemeinde einen Grund zur Anlage eines separaten Friedhofes zu überlaffen. Wien, 2. Mai. (Privatmitth.) Ich halte es für Pflicht, auch meinrrscits in diesem Blatte des Festes zu gedenken, welches jüngst in den weiten Gauen Oesterreichs gefeiert wurde, ich meine die silberne Hochzeit unseres Kaiserpaares. Von 'unserem Kaiser gilt das' Wort Goethes: „Es bildet sich ein Charakter in dem Strom der Welt." Er hat bittere Erfahrungen gemacht, die er sich im vollsten Maße zu Nutze machte. Das Fest hatte daher nicht blos einen officiellen Grundton, es war nicht ein „gemachtes", sondern ein gefühltes, tief empfundenes. Es kann hier nicht der Ort sein, die Wirksamkeit des Kaisers Franz Josef im Allgemeinen zu schildern, wohl aber darf darauf hingewiesen werden, daß die den Confessionen gewährte Gleichberechtigung nicht blos auf dem Papiere steht, sondern in der Wirklichkeit' vorhanden ist. Ich gedachte jüngst der ordentlichen Profefforen jüdischer Confession an der hiesigen Universität, noch bedeutungsvoller erscheint es mir, daß zahlreiche jüdische Lehrer und Lehrerinnen in Volksschulen wirken. Wie übrigens bekannt, ist der Bücher unseres Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, Herr von Doczi, ein Jude. Es mag auch hervorgehoben werden, daß speciell hier in Wien das „Rischuß", wie man es noch in den Großstädten Norddeutschlands kennt, nicht vorhanden ist. In gesellschaftlichen Kreisen kennt man ebenfalls keine confessionellen Unterschiede. Der Wiener macht seinen Witz über Juden, wie über Ungarn und Czechen, ja auf den Kaiser selbst; aber der Witz ist in der Art der „Fliegenden Blätter", nämlich harmlos und man fühlt sich durch denselben nicht verletzt. Unter den massenhaften Deputationen, die jüngst bei Gelegenheit des Kaiserfefles an den Stufen des Thrones erschienen, waren/ etwa mit Ausnahme der Bischöfe rc., stets Juden mit dabei. Es ist selbstverständlich, daß am 24. April, am Vcrmählungstage des Kaiserpaares, in allen jüdischen Gotteshäusern Festgottesdienste stattfanden.. Im alten Vethause hier in der Stadt hielt Herr Dr. Jellinek eine begeisterte Festrede, im neuen Bethause in der Leopoldstadt sprach Herr Dr. Güdemann ein erhebendes Gebet. Hier hielt auch bei gedrängt vollem Hause Nachmittags die Festrede an die .Jugend Herr vr. G. Wolf.. . Ich habe heute aber den Lesern Ihres Blattes nicht blos eine freudige, sondern auch eine tieftraurige Nachricht mitzutheilen. Herr Michael Etienne, Chefredacteur der „Neuen Freien Presse", ist am 29. April gestorben. Man kennt die Bedeutung dieser österreichischen Times weit und breit; und dieses Blatt unter der Leitung Etiennes', früher in Verbindung mit seinem ihm vorangegangenen College» vr. Max Friedländer, hat am nachhaltigsten und am eifrigsten für den Rechtsstaat und daher auch für die Gleichberechtigung der verschiedenen Glaubensbekenntnisse in Oesterreich gewirkt und gekämpft. Judenfeindliche Journale meinten, die „Neue Freie Presse" zu beschimpfen, indem sie dieselbe ein Jüdenblatt nannten, doch Etienne, in welchem kein Tropfen jüdischen Blutes vorhanden war, der jedoch unablässig für Freiheit und Recht kämpfte, stand nach wie vor für die Juden aller Orten ein, da, wo man ihnen ihr Recht vorenthielt oder es Verkümmerte und erinnere ich. in dieser Beziehung nur daran, in welcher Weise dieses machtvolle Journal für die Juden in Rumänien einstand. Wahrlich, es haben die Juden aller Orten Grund, den Tod dieses Freiheitskämpfers zu beklagen. Möge ihm die Erde leicht sein!