Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1879)
- Date
- 1879-05-20
- Page
- Seite 327 (sequence 7)
- Language
- German
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zahlreiche Familie hat, also gerade dadurch eine geringere Steuerkraft besitzt, muß an indirecten Steuern unverhältnißmäßig mehr zahlen, als der reiche Rentier, deffen Familie nur aus wenigen Personen besteht, denn deffen Mehrzahlen beginnt erst mit den Luxusartikeln. Worauf ich hier hinaus will, ist vielmehr der Hinweis auf die jüdischen Gemeinden, die ihren finanziellen Verbrauch ganz allein aus direct er Besteuerung ziehen, und zwar, in Betracht des beschränkten Gegenstandes, in einer verhältnißmäßig enormen Höhe. Sehen wir z. B. auf die beiden sächsischen Gemeinden. Leipzig hat im Jahre 1878 circa 35,000 Mark aus der direkten Besteuerung von 322 Mitgliedern gezogen — denn die Zahlung für die Betplätze in der Synagoge ist ebenfalls eine directe Steuer, wie etwa die staatliche Gebäudesteuer. Es kommen also durchschnittlich 108 Mark auf ein Mitglied. In Dresden wurden in demselben Jahre circa 30,000 Mark von 401 Mitgliedern beschafft, was 75 Mark auf das Mitglied ausmacht. Und so wird es sich durchschnittlich in allen wohlorganisirten Gemeinden mit bewahrten Einrichtungen Verhalten. Da es nun gegenwärtig in den jüdischen Gemeinden an Gegenständen' zur indirecten Besteuerung gänzlich fehlt, so ist man selbst mit dieser hohen directen Steuer einverstanden, und es weiß wenigstens Jedermann, wie viel ihm seine Cultusgemeinde kostet. Hierbei ist selbstverständlich die freiwillige Theilnahme an den Wohlthätigkeits-Anstalten nicht mit berechnet. Dieses Beispiel enthält den Beweis, daß, wenn der Staat sich auf directe Steuern beschränkte und dies erst zur Gewohnheit geworden wäre, die directe Steuer wesentliche Vorzüge besäße. Cassel, 2. Mai. Die „Germania" läßt sich von hier aus schreiben. „In der hiesigen höheren Töchterschule wird die „Parität" gegen die Katholiken in der Weise gehandhabt, daß für den israelitischen Religionsunterricht jährlich 400 Mark ausgegeben werden, für den katholischen Religionsunterricht dagegen nichts geschieht." Das ultramontane Blatt bemerkt freilich nicht, ob diese Schule auch von katholischen Mädchen oder von einer solchen Zahl besucht wird, daß sie einen Religionsunterricht ermöglichen. Emden, 6. Mai. (Privatmitt.) Im Sommer vorigen Jahres brachte das Lingener Volksblatt einen Artikel des Inhalts, daß der Talmud den Betrug eines Christen durch einen Juden als eine verdienstliche, gottgefällige That hinstelle und selbst den Meineid dem Christen gegenüber erlaube. Der Nedacteur, wegen dieses Artikels angeklagt, berief sich auf das Buch „der Talmudjude" von Rohling wurde aber, in Folge eines Gutachtens des Herrn Landrabbiners I)r. Büchholz in beiden Instanzen verurtheilt. Bei der mündlichen Verhandlung fragte der Vertheidiger des Angeklagten den Landrabbiner, woher es denn käme, daß wenn das Nohling'sche Buch wirklich Fälschungen enthalte, noch Niemand den Preis verdient hätte, den der Verfasser für denjenigen ausgeschrieben habe, der ihm Fälschungen Nachweise. In der Antwort, welche Herr vr. Buchholz gab, glaubte der Angeklagte und sein Vertheidiger eine Handhabe zur Rache an demselben gefunden zu haben und kurz darauf verklagte Rohling den Dr. B. wegen Beleidigung. Im November v. I. mit der Klage abgewiesen und in die Kosten verurtheilt, legte er Berufung beim Obergerichte ein und wurde im gestrigen Termine unter Kostenbelastung abgewiesen. Oesterreich-Ungarn. Pest, l. Mai. ^Privatmitth.) In diesen Tagen erschien der Bericht des Vorstandes israelit. Neligionsgemeinde. von Pest über das Verwaltungsjahr 1878. Der Vorstand hatte in dem abgelaufenen Jahre ganz besondere Schwierigkeiten zu überwinden. Im Jahre 1860 wurde das Schulgebäude vollendet und hierauf machte der Baumeister eine Nachtragsforderung von fast 23,000 sl. Ein hierüber entstandener Proceß wurde im verflossenen Jahre oberstrichterlich zum Nachtheil der Gemeinde entschieden, und war hierdurch die Verpflichtung zur Zahlung von 34,703 fl. entstanden, über welche Terminalzahlungen zu Stande zu bringen dem Vorstande gelang. Ferner, entlief der Jncassator der Cultusbeiträge mit einer Summe von 8392 fl., von denen bei der Jnhaftirung des Flüchtigen nur ein kleiner Theil saisirt wurde. Endlich ist durch das unglückliche Ereigniß im Tempel am letzten Versöhnungstage, dessen Ursache noch heute nicht aufgeklärt ist, ein bedeutender Neubau nothwendig, namentlich um die Wiederholung eines solchen Vorgangs zu verhüten. Den unermüdlichen und einsichtsvollen Anstrengungen des Vorstandes gelang es dennoch, die Finanzlage der Gemeinde in einem günstigen Zustande zu erhalten und allen Gemeindeanstalten die nöthigen Mittel zu ihrem Wachsthum zu gewähren. Besonders thätig war die Schulsection. Die Gemeinde-Schuten wurden von 1044 Zöglingen (8! mehr als im Vorjahre) besucht, von welchen 632 kein Schulgeld bezahlten und 390 Winterkleidung erhielten. Außerdem hatte die Talmüd-Thora 236 Zöglinge. Die größte Aufmerksamkeit wird auf den Religionsunterricht verwendet, und man machte den Versuch, z!vei Fachlehrer für verschiedene Schulen, welche von jüdischen Zöglingen besucht werden, anzustellen. Im Ganzen wurden 6975 Zöglinge in der Religion unterrichtet, von welchen 2782 keine Gebühren bezahlten. Eine eigenthümliche Stelle wollen tvir hier aus dem Berichte wörtlich hervorheben, die ein scharfes Licht auf den Geist eines Theiles der evangelischen Bevölkerung fallen läßt: „Die Schulsection hat sich in jüngster Zeit veranlaßt gefühlt, eine Action , in Betreff des Religionsunterrichtes der jüd. Zöglinge der „deutsch-reformirten" Gemeinde einzuleiten. Seit Jahren verweigert nämlich diese Anstalt den jüdischen Zöglingen den Unterricht in der Religion unserer Confession, ja verhält sie