Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1879)
- Date
- 1879-05-20
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 | Verwandten vorzunehmen, im Thore erscheint, sich zehn von den Aeltesten der Stadt als Zeugen des Actes auswählt; bald aber sind alle Aeltesten und viele Bewohner der Stadt zugegen und constatiren die gerichtliche Zeugenschaft. — Aber auch während der ganzen monarchischen Zeit, und später sowohl im Reiche Israel als Juda blieb das Institut der Aeltesten bestehen, sowohl in der Gesammtheit als in den einzelnen Städten und Ortschaften. Bei der wirklichen Wahl und Salbung David's zum Könige waren die Aeltesten Jsrael's thätig; 2 Sam. 3, 17 empfiehlt ihnen Abner David zum Könige und 5, 3. 1 Chron. 11, 3 schließen sie in Hebron mit ihm einen Bund und salben ihn zum Könige. Als David die Bundeslade nach Jerusalem bringt, find sie gegenwärtig (1 Chron. 15, 25). Doch erscheinen sie auch bei der Berathung Absalom's gegen David (2 Sam. 17, 4. 15) und werden nach des letzteren Fall ermahnt, zu David zurückzukehren, 19, 12. Auch in der Zeit der Pest find fie bei David (1 Chron. 21, 16). Salomon versammelt alle Aeltesten Israels zu der Einweihung des Tempels (1 Kön. 8, 1; 2 Chron. 5, 2). In der Kriegsgefahr durch den Syrerkönig Benhadad beruft Ahab die „Aeltesten des Landes" (1 Kön. 20, 7). Als der König Josia das Gesetzbuch in den Höfen des Tempels vorlesen will, beruft er alle Aeltesten Judas und Jerusalems (2 Kön. 23, 1; 2 Chron. 34, 29). Ebenso hören wir von den Aeltesten der Städte. Hier spielen die der Stadt Jesreel unter der Tyrannei Ahab's und Jsebel's eine schlechte Rolle, denn an sie richtet die Königin den Befehl, Naboth preiszugeben und sie stellen Fasttag und Voltsgericht her, um Naboth durch meineidige Schurken verurtheilen zu lassen (2 Kön. 21, 8. 11). Dieselben Leute gaben aber auch die Söhne Ahab's nach dessen Fall dem Jehu preis (10, 1. 5). Wir finden auch die Aeltesten der Stadt Samarien bei Elisa, als ihn Ahab mit dem Tode bedrohte (2 Kön. 6,32). Der Prophet Joel ruft die Aeltesten zusammen, um für alle Bewohner des Landes einen Fasttag anzuberaumen und abzuhalten (1, 2. 14). Jeremias nimmt Einige von den Aeltesten des Volkes mit sich in das Thal Hinnom, um dem Volke eine Strafrede zu halten (19, 1). Ihn vertheidigen „Aelteste des Landes", als man ihn züchtigen will (26, 17). In den Klageliedern sehen wir einen Theil der Aeltesten hingeschieden, einen andern in Sack und Asche (I, 19; 2, 10). Dennoch wanderte das Institut der Aeltesten mit in das Exil. Jeremias richtet ein Sendschreiben an „die übriggebliebenen Aeltesten der Weggeführten" (29, 1); Ezechiel sicht wiederholt Aelteste Israels bei sich in seinem Hause, da sie kamen, „den Ewigen zu befragen" (8, 1; 14, 1; 20, 1); in seiner Vision sah er 70 von den Aeltesten Israels in den Bildcrkammern Götzen räuchern (8, 11. 12). Um so weniger ist es zu verwundern, daß auch nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil die Aeltesten Israels sowohl in der Allgemeinheit, als in den Städten beschließend und ausführend auftreten (Esra 10, 8. 14). — Mögen nun alle diese Angaben im Detail nicht immer ganz auf historischer Treue beruhen, so bezeugen sie doch die Anschauung der Schriftsteller und das, was diese vor Augen gehabt. So heißt eS auch Spr. Sal., also aus dem wirklichen Leben heraus: „Der Mann ist anerkannt in den Thoren bei den Aeltesten des Landes" (31, 23). Eigenthümlich sind noch zwei Stellen bei Jesaias. Zuerst 3, 13—15 geht er „mit den Aeltesten seines Volkes und dessen Fürsten" in's Gericht, die „den Weinberg abgeweidet, den Raub des Armen in den Hausern haben". Daß also auch das demokratische Institut der Aeltesten der allgemeinen Corruption nicht alle Zeit entging, ist einsichtlich. Aber 21, 23, nachdem das Strafgericht vollzogen ist, „regiert der Ewige auf dem Berge Zion, vor seinen Aeltesten ist Herrlichkeit" — unter der dereinstigen alleinigen Regierung Gottes wird die demokratische Verfassung in Ehren und Festigkeit bestehen! — Die unangetastete Anerkennung einer solchen Institution durch das gesammte Schriftthum ist in der That ein glänzendes Zeugniß für dessen Einheit. — Wir brauchen nicht zu bemerken, daß das Institut der Aeltesten alsbald überall in der Zerstreuung, wo sich eine Gemeinde bildete, wieder erstand. Allerdings. hatte sich schon früher die Gerichtsbarkeit von der Verwaltung getrennt, jene war dem großen und den kleinen Sanhedrin überwiesen, die Verwaltung gehörte den Aeltesten. So waren es auch in den Gemeinden der Diaspora die Nabbinen, in den größeren Gemeinden ein Collegium derselben (fH D',2)> welche als Richter fungirten, während die von der Gemeinde gewählten Aeltesten die Verwaltung ausübten, wobei hervorzuheben, daß stets die letzteren von einer entschiedenen Eifersucht gegen die Rabbinen beseelt waren und etwaigen hierarchischen Uebergriffen entgegentraten. Dies ward ihnen um so leichter, als die' Rabbinen von ihnen gewählt, angeftellt und besoldet wurden, während sie, die Aeltesten, ihr Amt als unbesoldetes Ehrenamt verwalteten. Jndeß dies gehört nicht zu unsrem Gegenstände, da es außerhalb des biblischen Schriftthums liegt. Gerade diesem demokratischen, alle Zeiten des jüdischen Stammes überdauernden Institute der vom. Volke gewählten Aeltesten gegenüber ist die Existenz der aristokratischen D-'tfW höchst bezeichnend. Allerdings deutet schön der Name auf eine weniger aristokratische Färbung als bei Griechen und Römern, wo bei den ersteren die vermeintliche höhere Begabung, bei den letzteren (Patricier) die Abstammung von den Ahnen im Namen hervortritt, während das hebräische Wort den „Emporgehobenen, Höhergestellten" bekunden will. Gebrauchen wir dafür den gewöhnlichen Titel „Fürst". Auch diese Fürsten waren in Israel vor der mosaischen Gesetzgebung vorhanden. Zunächst und zumeist bedeutet der Titel das Haupt eines Stammes, und so hatte sich dieses Institut auf natürlichem Wege gebildet, als die Stammesbildung vor sich ging. Es tverden schon im 21*