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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-05-13 · Heft 20 (13.5.1879) · p. Seite 313

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 20 (13.5.1879)
Date
1879-05-13
Page
Seite 313 (sequence 9)
Language
German
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313 ist abermals ein wichtiger reformatorischer Fortschritt. Der nach den Regeln der Kunst ausgeführte Gesang bildet den Geschmack, und der ästhetisch Gebildete sieht manche religiöse Form ganz anders an als der Ungebildete. Die Reform- und die orthodoxe Partei sind demnach nicht specifisch, sondern nur graduell verschieden. — Umgekehrt aber blieb auch die Reform- Partei nicht ohne Beeinflusiung von Seiten der orthodoxen. Man kann es nicht verkennen, daß die orthodoxe Partei große Opfer bringt, daß ihre Kinder etwas Tüchtiges im Hebräischen erlernen. Eltern und Kinder, Rabbiner und Lehrer sind in dieser Hinsicht allesammt von einem außerordentlichen Wetteifer erfüllt. Dies konnte nicht ohne Reagirung auf die Reform- Partei bleiben, so daß auch diese der Pflege des hebräischen Unterrichts mehr Aufmerksamkeit zuwendet. — Diese gegenseitige Beeinflusiung zweier Neligionsparteien hat sich auch in früheren Jahrhunderten zwischen den Rabbaniten und Caräern gezeigt. Nur ist die jetzige Parteiftellung eine andere. Die Caräer haben in der Theorie des rabbinisch-talmudische Princip negirt. Die jetzige Reformpartei thut dies nicht. Sie will vielmehr den Standpunkt des rabbinisch-talmudischen Judenthums bewahren; jedoch hält sie letzteres ebenso der Fortentwickelung fähig wie bedürftig, und vindicirt sich das Recht, dasselbe wenigstens auf dem Gebiete des öffentlichen Cultus fortzubilden, indem sie es mit den Zeitideen in Harmonie zu bringen sucht. — Diesen beiden Parteien gegenüber steht eine dritte, die in fast allen Stadtgemeinden zahlreich vertreten ist, das sind die Indifferenten, die in ihrem Innern weder von der Orthodoxie noch von der Reform, weder vom Judenthum noch von der Religion überhaupt etwas wissen wollen, deren Wirken in Gemeindeangelegenheiten, weil der innern Wahrheit entbehrend, nur äußerer Schein und für beide Parteien nachtheilig ist. Um nicht in die Hände dieses schädlichen Jndifferentismus zu gerathen, müßten die ehrlichen Orthodoxen und ehrlichen Reformer, die doch beide von der Liebe zum Judenthum durchdrungen sind, ernstlich bestrebt sein, in allen Fragen, die nicht das Princip direct berühren, Hand in Hand zu gehen und in Frieden und Eintracht nebeinander zu leben. — Oesterreich-Ungarn. Bonn, 1. Mai. ^Privatmitt.) Unsren Lesern in allen Ländern ist aus den öffentlichen Blättern die außerordentliche Jubelfeier bekannt, welche die Völker des österreich-ungarischen Staates ihrem Kaiserpaare zu dessen silberner Hochzeit am 24. April bereiteten. Obschon die Israeliten als gleichberechtigte Bürger an der allgemeinen Huldigung, die dem Kaiserpaare dargebracht wurde, ihren vollen Antheil hatten und nahmen, so lag es doch nahe, daß sie, die unter der Negierung Franz Joseph's aus engen, ja sehr engen bürgerlichen und staatsbürgerlichen Schranken in die unbedingte Gleichstellung eintraten, dieser glücklichen Veränderung sich besonders bewußt waren und hierfür ihren Dank öffentlich kund thaten. Also nicht in einem Sondergefühl, sondern gerade in dem Bewußtsein, jetzt der staatlichen und gesellschaftlichen Allgemeinheit voll anzugehörcn, drängte sie, dies vor den Stufen des kaiserlichen Thrones auszusprechen. Wir haben bereits in voriger Nummer die Adresse der galizischen Judenheit wiedergegeben und bringen heute noch zwei uns vorliegende, von denen die eine von den Vertretern der gesammten ungarischen Judenschaft, die andere von der Vertretung der ersten, unter dem jetzigen Kaiser entstandenen Gemeinde Steiermark's ausgegangen. Die Adresse der Versammlung der israelitischen Distrikts- Präsidenten Ungarns lautet (mit Hinweglaffung der Titulaturen) : „Indem wir allerunterthänigst Unterzeichneten, Vertreter der Judenheit Ungarns und Siebenbürgens, am Festtage der fünfundzwanzigsten Jahreswende in dem durch die göttliche Vorsehung gesegneten Ehebunde Ein. Majestäten in der Reihe der Huldigenden erscheinen, werden wir hierbei einerseits von dem Geiste unserer von den Vätern unverändert überkommenen altehrwürdigen Religion geleitet. Welche die treue Anhänglichkeit an das Herrscherhaus als die schönste der Bürgertugenden preiset und als die hervorragendste religiöse Pflicht laut verkündet, andererseits aber von jenem tiefen Dankgefühle, das unser Herz erfüllt, sobald wir nur der fürstlichen Wohlthaten gedenken, mit denen unsere Glaubensgenossenschaft seit der Schließung des glücklichen Familienbundes Ew. Majestäten beglückt wurde. Vor fünfundzwanzig Jahren haben wir als die israelitischen Bewohner des Vaterlandes auf das heilige Bündniß Ew. Majestäten die hinunlischen Segnungen des Ewigen herabgefleht. Heute treten wir bereits als die gleichberechtigten Bürger des Vaterlandes und als autonome Confession vor den ruhmreichen Thron Ew. Majestäten, unsere Dankgebete zum Himmel dafür emporscndend, daß wir das erfüllt sehen, was vor einem Vierteljahrhundert als glühender Wunsch auf unserer Aller Lippe geschwebt hat. Mit freudersülltem Herzen sehen wir: . in ungebrochener Manneskraft unseren allergnädigsten König und Herrn inmitten einer auf die stete Förderung des Wohlergehens seiner geliebten Völker gerichteten väterlichen Fürsorge und Thätigkeit: in jugendfrischer Vlüthe unsere erhabene Königin, unsere allergnädigste Frau; und als theuerstes Geschenk des himmlischen Vaters, den blühenden Familienkranz Ew. Majestäten, und darinnen als schönste Zierde, gesegnet mit den Geistesgaben für seinen heheren Beruf, den erlauchten Thronerben, an dem mit treuer Liebe die Völkerschaften der Monarchie hangen. 20

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