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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-05-13 · Heft 20 (13.5.1879) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 20 (13.5.1879)
Date
1879-05-13
Page
Seite 312 (sequence 8)
Language
German
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der Medicin 105 Mk., ein Schulsemmarist 60 Mk. Die Zeugnisse der Bewerber waren zum größten Theile wieder sehr gut. Möge diese Veröffentlichung dazu beitragen, der Stiftung immer neue und eifrigere Freunde zu erwerben! Darmstndt im April. (Privatmitth.) Es ist eine alte Erfahrung, daß die Orthodoxie, so sehr sie sich auch gegen die Reform abzuschließen sucht, stch dennoch deren Einfluffes nicht zu erwehren vermag. Greifen wir einige von den Reformen heraus. — Die deutsche Predigt. Von glaubwürdiger Seite wurde mir einst Folgendes erzählt. Es war in den zwanziger Jahren. Ein Rabbinatscandidat, der seine Universitätsstudien vollendet hatte, hielt in der hiesigen Synagoge eine deutsche Predigt. Der alte Rabbiner war zugegen. Während der Predigt bemerkte man an ihm ein Ächzen und Krächzen. Tiefe Seufzer entrangen sich seinem Herzen. Nach Beendigung des Gottesdienstes fragte ihn ein dabeistehender Rabbi, warum ächzen und krächzen Sie also? Herr R. N. hat doch in strengorthodoxem Sinne gepredigt! Worauf der ehrliche fromme Rabbi aus der alten Schule, der em DTJ pms war, die kurze aber prägnante Antwort gab: „Deutsch!" Er fühlte und ahnte, daß die deutsche Predigt einen Riß in die Orthodoxie machen müsse, und er hatte vollständig Recht. Denn zunächst gewöhnte die deutsche Predigt die Zuhörer an einen logischen Gedankengang. Das muß Licht in die Geister bringen, und dieses Licht wird allmählig den Nebel verscheuchen, der so manche Observanz durch Einfluß der Mystik umhüllte, und dieselbe in ihrer Leerheit und Hohlheit erkennen lasten. Sodann ist das an sich wohlgemeinte Streben mancher orthodoxen Prediger, den. Ceremonialgesetzen durch Symbolrsirung einen ethischen Inhalt zu geben und dadurch das Jntereffe dafür zu gewinnen, durchaus bis lang nicht mit Erfolg gekrönt worden. In früheren Zeiten war es anders. Die Heiligkeit und Unverbrüchlichkeit der Ceremonialgesetze stand fest. War ein Maggid im Stande, dem einen oder andern Ceremonialgefetz eine ethische Unterlage zu geben und es als Symbol zu deuten, so war dies für den Hörer eine wohlthuende Bestätigung besten, was schon ohnehin bei ihm fest stand. Wie ist es aber jetzt? Wenn Jemand gegenwärtig das Verzehren der Mazzoth am Peßach nicht mehr hält, und er hört einen Prediger das Gebot dadurch motiviren, daß die Mazzah ein Symbol des Lautern und Reinen sei, uns mahne, alles Unlautere, den Sauerteig, die bösen Leidenschaften, aus unseren Herzen zu bannen — würde er darum zu jenem Gesetz zurückkehren? J) Und könnte er ihm nicht erlvidern, daß t) Oehler hat in seiner „Theologie des A. T." einen eirund für das Mazzoth-Gebot angegeben, den man selten erwähnt findet. DaS ungesäuerte Brod sei eine Speise deS Priesters gewesen. Darum hätten Aron und seine Söhne wahrend der sieben Tage, wo sie ihre Weihe empsingen, nur Ungesäuertes essen dürfen, und als das Volk Israel seine Weihe zu einem Priestervolk erhielt, sei ihm ebenfaLs geboten worden, sieben Tage nur ungesäuerte Kuchen zu genießen. Corresp. Unser gesch. Corr. hätte dies« Deutung bereits in unserm es doch wirkungsvoll sein müßte, wenn eine solche Mahnung das Jahr hindurch öfters durch Worte geschähe, als durch das achttägige Mazzothesten? Das Symbol hat seine Kraft verloren, und an seine Stelle ist das Wort getreten; die noch so fein erdachte Symbolik vermag dem Ceremonialgesetz die frühere Glorie nicht wiederzugeben. Hier gilt nur die Alternative: glauben oder nicht glauben.") — Ruhe, Ordnung und Stille beim Gottesdienste sind Errungenschaften der Reform. Dies müssen alle bezeugen, die sich des traurigen Zustandes vor dem Aufblühen der Reform erinnern können. Die orthodoxen Separatgemeinden haben sich dieselben angeeignet. Ein Beispiel soll diese Behauptung illustriren. Im April 1857 wurde Herr Religionslehrer Mannheimer zum Rabbinatsverweser des Rabbinats Dannstadt ernannt. Eine seiner ersten reformatorischen Anordnungen war, daß das bei Begräbniffen übliche Gebet D'ön TOn fortan vom Rabbiner oder dessen Stellvertreter laut vorgetragen und von den übrigen Anwesenden leise nachgebetet werden solle. Wer stch erinnert, wie ftüher dieses Gebet von allen Anwesenden zugleich in allen möglichen Tonarten laut recitirt und dadurch ein so jämmerliches Geschrei und Geplärr entstand, daß man sich vor etwa zufällig anwesenden Christen schämen mußte, kann doch unmöglich anders als solche zur Ehre der jüdischen Religion unternommene Maßregel willkommen heißen. Und dennoch sollte auch diese Reform nicht ohne Kampf und Widerspruch vorübergehen. Eine Anzahl von ungefähr 10 Personen, an deren Spitze Herr S. stand, reichte bei Gr. Kreisamte einen Protest gegen diese Maßregel ein, vorgebend, sie verletze ihr Gewissen. Das Gr. Kreisamt forderte H. M. zur Berichterstattung auf, und, nachdem dieser die Sache ins gehörige Licht gestellt, wurden die Petenten abgewiesen. — Schon seit geraumer Zeit sehen wir, zu unsrer Freude, wenn ein Begräbniß bei der orthodoxen Gemeinde stattfindet, den Rabbiner derselben die Kanzel besteigen — der Vorstand hat nämlich in der Friedhöfshalle eine Kanzel anbringen lassen — hören das Gebet B'ün “riXH laut vortragen und alle Anwesenden dasselbe leise mitbeten. Die orthodoxe Parthei hat sich also sichtbar mit dieser Reform ganz befreundet, und würde man ihr frei stellen, die alte Unordnung wieder einzuführen, so würde sie es sicher ablehnen. — Die hiesige orthodoxe Separatgemeinde hat ferner den Chorgesang eingeführt. Verflossenen Peßach hat sich ein vom Cantor und Lehrer Sondheimer eingeschulter Männerchor zum erstenmale producirt. Das Bibelcommentar, Bd. I. S. 356. 357 (zu 1 Mos. 12; l) genau ausgesprochen finden können. Im Heiligthume durfte nur Ungesäuertes sein und dom Priester gegessen werden, z. B. die Schaubrode. Redaction. 2) Wir können uns dem gesch. Corresp. nicht ganz anschließen. Gewiß wird Den, welcher ein Gesetz schon gänzlich aufgegeben hat, eine symbolische Deutung nicht zurückbringen; aber Diejenigen, welche in Pietät daran halten, werden doch bestärkt, wenn sie mit der Ceremonie sittlich-religiöse Gedanken verbunden finden und verbinden können. Redaction.

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