Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1879)
- Date
- 1879-05-13
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 angegeben Ware. Ein solcher Lehrplan ist dann den einzelnen Gemeinden zuzusenden und diese haben die Pflicht, die genaue Befolgung desselben, natürlich mit Rücksicht auf die Localverhältnisse, zu überwachen. Leider stellt sich auch hier ein Mangel an tüchtig vorgebildeten Lehrern heraus. Für Familienväter, die vereinzelt auf dem Lande oder in kleinen Ortschaften wohnen, wäre ein kleiner Leitfaden für den ersten Religionsunterricht, den sie zur Unterweisung ihrer Kinder benutzen konnten, auszuarbeiten. Die Unterrichts-Commission trägt darauf an, ein einheitliches Religionsbuch zu schaffen und in allen Schulen einzuführen. Wir ziehen die Einheit des Lehrplans vor, weil hierbei die Freiheit der Gemeinden in der Wahl der Lehrbücher gewahrt bleibt. Ein zweiter Punkt, über welchen feste Bestimmungen zu treffen wären, ist die sogenannte Consirmation oder die Einsegnung der aus der Religionsschule zu Entlastenden. Wie wenig Uebereinstimmung hier noch herrscht und wie es häufig noch der Feierlichkeit an einer würdigen und angemessenen Form fehlt, ist bekannt. Fast mehr noch als die Kinder bedürfen leider bei uns die Erwachsenen der Belehrung über ihre Religion. Die Meisten kennen das Judenthum höchstens nur aus der Auffassung und Darstellung der Christen, und wie befangen und vorurtheilsvoll das Urtheil selbst der gebildetsten und freisinnigsten Christen über das Judenthum ist, davon hat uns neulich erst der treffliche offene Brief Cassel's an Virchow einen Beweis geliefert. Leider ist es kein Paradoxon, wenn wir behaupten, daß die Juden in Unkenntniß des Judenthums und in Vorurtheilen gegen dasselbe die Christen noch übertreffen. Die Mehrzahl unserer gebildeten Glaubensgenossen steht in ihrer Ansicht über Religion noch auf dem Voltaire'schen Standpunkte der sogenannten Aufklärung. Ihnen fehlt der historische Sinn, in geschichtlichen Thatsachen und Ueberlieferungen den Kern aus der Hülle herauszuschälen, das Wesentliche von der zufälligen Form, die ihm die Zeit und die Nationalität gegeben, zu unterscheiden. Sie lesen die Bibel — wenn sie sie noch lesen — mit der modernen Brille vor den Augen und beurtheilen sie von ihrem subjectiven Standpunkte aus; sie ist ihnen daher nichts, als ein Buch voll unglaublicher Geschichten, barbarischer Gesetze und Dichtungen einer ungezügelten Phantasie und eines rohen Geschmacks, woran sie nur 'allzu oft Gelegenheit Nehmen, ihren Witz und ihre Weisheit glänzen zu lassen. Sie haben keine Ahnung, daß wir in unserer Bibel einen Literaturschatz besitzen, wie kein anderes Volk. Diesen uns wieder zugänglich zu machen, uns seine Reichthümer wieder zu erschließen, zu zeigen, wie Fremde seine Kostbarkeiten geplündert und sich damit als mit Eigenem geschmückt haben, wie wir selbst sein lauteres Gold, weil das Alter es unscheinbar gemacht, verkennen und ihm allerlei alten und neuen Tand vorziehen: das ist Sache unserer Prediger. In der neuesten Zeit hat die historische Kritik sich auch an die verschiedenen Religionsurkunden, die bisher als unmittelbare Eingebungen Gottes eine Ausnahmestellung für sich in Anspruch nahmen, gewagt und gezeigt, wie sie gleich jedem andem Literaturcrzeugniffe aus ihrer Zeit und deren Tendenzen hervorgegangen sind. Ihr Nimbus ist geschwunden; auch sie müssen sich, wie jedes andere inenschliche Geistesproduct, der menschlichen Beurtheilung unterwerfen. Unsere Bibel ist nicht das Erzeugniß einer einzigen Zeit und einiger tvenigen Individuen, sondern sie umfaßt die Arbeiten von einer mehr als tausendjährigen Thätigkeit der begabtesten Geister eines ganzen Volkes; sie ist eine Sammlung der verschiedensten Leistungen einer Nationalliteratur, in der, wie in jedem andem echten Volksschriftenthum, sich ein selbstständiger, origineller Geist offenbart und eine besondere Saite menschlicher Denk- und Empsindungsweise angeschlagen wird. Daher furchtet unsere Bibel eine gesunde Kritik nicht mir nicht, sondern sie verlangt sie vielmehr, weil sie dadurch nur getvinnen kann, wenn ihr Inhalt um so reiner als die Gottesoffcnbarung durch den Geist des Menschen hervortritt. Sie ist die Quelle, woraus wir unsere Religion schöpfen, die Religion der Erhabenheit, wie sie Hegel nennt, in welcher, das Göttliche als Subject voll Macht und Weisheit angeschaut wird. Und diese Quelle ist ein ewig sprudelnder Born entwicklungsfähiger Gedanken, nicht ein siagnirender Sumpf iodter Glaubenssätze. An die biblische Literatur knüpft sich daher unmittelbar die nachbiblische jüdische Literatur, die, einen Zeitraum von 2000 Jahren umfassend, - bei aller Verschiedenheit der Sprache, Tendenz und Auffassung als Fortentwicklung des biblischen Gottesbegriffes doch immer denselben Geist wiedcrspiegelt in der Form des jedesmaligen Zeitbewußtseins. Mit Freude erkennen wir es an, wie in unserer Zeit ein neues Leben auf dem Gebiete der jüdischen Theologie erwacht ist, wie Männer mit wissenschaftlichem Sinne und echter Begeisterung der Erkenntniß des Judenthums in allen seinen Richtungen sich zugewandt haben. Herrlicher wie einst in Babylon und in Spanien blüht unter uns in Deutschland die jüdische Wissenschaft. Aber was weiß der gebildete Laie davon? Ist ihm doch die Bibel selbst ein verschlossenes Buch. Vor Allem muß also der Jude seine Bibel wieder, wie in früheren Zeiten, liebgewinnen; dann wird auch das Interesse für das Judenthum wieder erwachen und er wird den Leistungen unserer Zeit nicht mehr fernstehen; er tvird immer mehr zu der Einsicht gelangen, daß Alles darauf ankommt, die Differenzen zwischen unserer Religion, die im Orient wurzelt, und unserer sonstigen Bildung, die ein Product abendländischer Culturentwicklung ist, auszugleichen. Dies ist nur möglich, wenn wir erkennen, daß das Gute, Wahre und Schöne überall seinem Wesen nach gleich, nur seiner Form nach verschieden ist. Haben die Völker des Abendlandes den Vorzug, das Schöne und Wahre in Kunst und Wissenschaft am vollkommensten zur Erscheinung gebracht zu haben, so ist 20*