Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1879)
- Date
- 1879-05-13
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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806 Strafe handelt, vorzulesen. Freilich werden hier diese Laster in unverschleierter Weise namhaft gemacht. Die Bibel weiß überhaupt nichts von moderner Prüderie, sondern stellt die geschlechtlichen Verhältnisse mit naiver, doch keuscher, von aller lüsternen Ausmalung ferner Offenheit dar. Auch hier bezeichnet sie die Frevel, vor denen sie warnt, unzweideutig und bestimmt und verhüllt sie nicht in vieldeutige Phrasen, die leicht dem Mißverständnis; unterworfen sind. Daß gerade am hochheiligen Tage der Versöhnung vor solchen Sünden, die im Finstern schleichen und die der Grund des physischen und moralischen Untergangs der Völker sind, weil, wie es in jener Stelle heißt, durch sie das Land verunreinigt wird, so daß cs das Volk ausspeit, gewarnt wird, dem dürfen wir es wohl mit zuschreiben, daß solche Verirrungen unter dem Deckmantel der Religion, wie sie die Seelenbräute von Dixon schildern, oder solche Greuel, wie sie in der neuesten Zeit in Berlin von Personen, welche auch die Religion zur Schau trugen, verübt worden sind, unter uns, Gott sei Dank, nicht Vorkommen. Die Gemeinde besteht nicht aus unmündigen Schulkindern, denen man aus pädagogischen Gründen Manches vorenthalten muß; sie hat das Recht, zu verlangen, daß ihr die Entstehungsgeschichte und die Gesetze ihrer Religion ganz und unverfälscht vorgelegt werden. Darum soll der Pentateuch vollständig zur Vorlesung kommen; ob in einem einjährigen oder dreijährigen Cyclus, das muß, nach unserer Ansicht, den einzelnen Gemeinden überlassen bleiben. Herr Joel spricht sich für den einjährigen Cyclus aus, doch so, daß jeder Wochenabschnitt auf die drei Tage der Woche, an welchen Vorlesungen aus der Thora stattsinden,' vertheilt werde. Wir haben uns einmal in den einjährigen Cyclus eingelebt; daher würde auch ich ihn vorziehen. Die vielen Segenssprüche für die zur Thora Gerufenen sind ein Mißbrauch, gegen dessen Abschaffung sich nichts ein wenden läßt. Herr Lehmann will aber nicht blos diese, sondern auch alle Gebete, die nicht die Gemeinde überhaupt, sondern nur einzelne Mitglieder bei Gelegenheit gewisser Familienereignisse betreffen, abschaffen, weil Familiensachen nicht in die Synagoge gehören. Er ist auch hier wieder zu radical. Warum soll die Gemeinde nicht theilnehmen dürfen an den freudigen oder trau'igen Ereignissen einzelner ihrer Mitglieder? Gerade das schließt das Band der Eintracht um so fester, wenn sich die ganze Gemeinde als eine große Familie betrachtet, welcher das, was die Einzelnen unter ihnen betrifft, nicht gleichgültig ist. Auch noch viele andere, selbst biblisch begründete Gebräuche finden keine Gnade vor Herrn Lehmann. So will er das Schofar-Blasen an den Neujahrstagen abschaffen, weil die Töne dieses Instrumentes sein feines Ohr beleidigen. Nicht blos die Trauerseier des 9. Ab will er beseitigen, sondern auch das fröhliche Purimsest, weil seine historische Bedeutung auf einer Dichtung beruhe. Die Gebete unterzieht er einer modern ästhetischen Kritik und macht davon ihre Beibehaltung oder Verwerfung abhängig. So eifert er gegen den Kadisch, weil ihm nicht blos die öftere Wiederholung desselben, sondern auch die Häufung synonymer Ausdrücke für die Lobpreisung Gottes mißfällt. Er übersieht, daß der Kadisch eine doxologische Formel ist, dazu bestimmt, den Anfang und den Schluß der liturgischen Theile zu bezeichnen, und daß, wenn in Doxologien der Mund überströmt von dem Preise Gottes, das eben in ihrer Art liegt. Wo soll es hinführen, wenn wir die Verbesserung unseres Gottesdienstes von der oberflächlichen Auffassung und dem subjectiven Geschmack Einzelner, oft Unberufener, abhängig machen wollen? Unser Cultus würde dann bald ein chaotisches Allerlei und ein buntscheckiger, charakterloser Mischmasch von Antikem und Modernem, von Eigenem und Fremdem sein, der einen wahrhaft gebildeten Geschmack nur anwidern müßte. Hier ist die Aufgabe der Synode, ordnend einzugreifen, indem sie feste Grundsätze aufstellt und die Grenzen genau bestimmt, innerhalb welcher Aenderungen zulässig sind. Keine biblische Bestimmung darf beseitigt und das durch Jahrhunderte langen Gebrauch Geheiligte muß möglichst geschont werden. Für eine dem Geiste und der Sitte des Judenthums widersprechende Neuerung halten Viele die Einführung der Orgel. Herr Joel hat indeß trefflich nachgelviesen, wie die Orgel weder ein specifisch christliches Instrument, noch ihr Gebrauch in der Synagoge ein bisher Unerhörtes ist. Ein religiöses Verbot der Instrumental-Musik beim Gottesdienste existirt, so viel ich weiß, nicht; also steht der Einführung der Orgel, sobald die Gemeinde sie verlangt, nichts im Wege. Doch wird die Orgel immer nur ein Luxus größerer und reicher Gemeinden sein; kleinere Gemeinden sind auf den bloßen Gesang angewiesen und da stellt sich, wie wir leider selbst die Erfahrung gemacht haben, ein großer Mangel an tüchtigen, musikalisch gebildeten Cantoren heraus. Die Synode wird auf diesen Uebelstand ihr Augenmerk richten, denn ohne dessen Abhülfe ist die Einführung eines geordneten Gottesdienstes unmöglich. Wir gehen zu den Angelegenheiten des Religionsunterrichres über. In den größeren Städten ist größtentheils schon das Unterrichtswesen geordnet, weil es hier an pecuniären Mitteln und an tüchtigen Lehrkräften nicht fehlt. Uebler sind die Genreinden kleinerer Städte und die Familienväter auf dem Lande daran: in jenen übernimmt nur noch allzu häufig ein ungebildeter Schächter den Religionsunterricht und diese müssen ihre Kinder oft ganz ohne Unterricht lassen. Im Allgemeinen fehlt die Einheit im Unterricht. Es Ware zu wünschen, daß , die Synode einer Commission von Fachmännern den Auftrag gebe, einen allgemeinen Lehrplan auszuarbeiten, worin der i Lehrstoff genau begrenzt und vertheilt und die Lehrmethode