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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-05-06 · Heft 19 (6.5.1879) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 19 (6.5.1879)
Date
1879-05-06
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
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299 sich der ironischen, bisweilen auch der derben Sprache nicht zu enthalten, die der Gegenstand selbst herausfordert. Daß es schon in frühen Zeiten Beispiele von Juden gab, welche die Geldspenden der Proselytenjäger ausbeuteten, zeigt der Verfasser aus Histörchen, welche die Kirchenväter selbst erzählen. Es ergiebt sich aus dem Vortrage, daß die Methode der heutigen Missionäre sammt der Bekehrungssucht, welche ein Charaktersticum aller christlichen Kirchen und Seelen ist, schon von der Apostelzeit her existirte, ohne daß sie in irgend welcher Zeit eines nennenswerthen und so vielen Opfern entsprechenden Erfolges sich erfreute. — Zur Erinnerung an die Generalversammlung des Vereins für fromme und wohlthätige Werke: „Chewra-Kadischa". Am 2. März 1879. Wien, 1879. Im Selbstverläge des Vereins. Wir haben bereits berichtet, daß der Schluß der bisherigen jüdischen Friedhöfe in Wien und die Eröffnung der betreffenden Abtheilung des Centralfriedhofes die Chewra-Kadischa veranlaßte, eine ^außerordentliche Feier zu veranstalten, zu welchem Feste auch Dr. G. Wolf seine Schrift: „Die jüdischen Friedhöfe", die wir besprochen haben, abfaßte. Die vorliegende Schrift bringt uns eine nähere Beschreibung der Generalversammlung und des Festmahles. Außer dem Berichte über die letzten drei Jahre werden unter Anderem die Tischreden und Toaste mitgetheilt. Wir brauchen nur zu bemerken, daß unter den Tischrednern Kuranda, Jellinek, Güdemann, Kompert, Wolf u. A. sich befanden, um voraussetzen zu lassen, daß die Toaste des Aufbewahrens Werth waren. Wir erfahren aus dem Berichte, daß die Zahl der Mitglieder sich gegenwärtig auf 847 beläuft, daß in den' letzten drei Jahren 3,354 Personen mit 29,874 fl. unterstützt und 4,359 Individuen begraben wurden, und daß das Vermögen des Vereins 88,429 fl. in Effecten und 3,98! fl. baar beträgt. Der fromme und mildthätige Geist, der durch das ganze Schriftchen weht, wird jeden Leser ansprechen und ihm die Ueberzeugung schaffen, daß die wahre Religiosität in Israel noch nicht geschwunden ist. — Wir gestatten uns, an dieser Stelle eines Werkes zu erwähnen, welches nach Umfang und Inhalt an einer anderen besprochen zu werden verdiente, wenn wir näher auf dasselbe einzugehen die Pflicht und die Absia: hätten. Es ist dies: „Die Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins von Eduard v. Hart mann. Berlin, Duncker, 1879." Der Verfasser unterzieht alle bisherigen Moralprincipien einer Kritik, und zwar auf inductivem Wege, wie er dies versteht, d. h. thcils aus der Erfahrung, wie er diese auffaßt, und theils auf dem Wege des Raisonnements. Es wird da allerdings einem geistreichen Schriftsteller nicht allzuschwer, allen Moralprincipien, sowohl der Philosopheme als der Religionen, Mangelhaftigkeit nachzuweisen. Dasselbe ist aber auch für das von Hartmann als höchstes und letztes aufgestellte nicht schwer, nämlich die „Wesenidentität" welcher Name doch nur bereits vorhandene Moralprincipien verhüllt. Die Grundirrthümer Hartmann's scheinen uns zwei zu sein, zuerst seine Feindschaft gegen die heteronome Moral. Es ist durchaus falsch, anzunehmen, daß der Mensch zur absoluten Autonomie bestimmt und befähigt sei, und daß darum der Hingabe an einen Einfluß von außen, der Befolgung eines Gesetzes eines Dritten das sittliche Moment fehlt, Ivahrend doch gerade in solchen Acten bisweilen die höchste sittliche Kraft entfaltet und bethätigt wird. Nicht blos die Erziehung^, sondern auch die Natur selbst setzt den Menschen vom ersten Augenblick an den vielfältigsten Einflüssen und Gesetzen aus, in deren rechten Aufnahme und Erfüllung die sittliche Kraft ersteht und sich ausbildet. Von einer absoluten Autonomie ist daher beim Menschen kaum jemals die Rede. Der zweite Jrrthum besteht darin, daß Princip und Motive nicht auseinander gehalten werden. Der Mensch handelt viel öfter aus sittlichen Motiven als aus einem bewußten Moralprincip heraus. Dieser sittlichen Motive giebt es viele und sehr verschiedene, ohne daß ihnen eben der sittliche Gehalt abzusprechen wäre. Es liegt dies auch nothlvendig in der Verschiedenheit der sittlichen Cultur und im Wechsel der sittlichen Seelenstimmung bei jedem Jndividuurn. Gerade deshalb ist es immer mißlungen, ein einfaches, einheitliches Moralprincip aufzustellen, aus welchem alle sittlichen Strömungen, wie aus einem alleinigen Quell erflössen. Ein solches Moralprincip endlich zu finden und von ihm aus die völlige Versittlichung der Menschen zu erwarten, ist ein Wahn, welchem auch v. Hartmann sich hingiebt. Glücklicherweise hat die Kunst nicht erst darauf zu warten gehabt, bis die Philosophen sich über das höchste Kunftgesetz geeinigt haben, und ebenso handelten und handeln die Menschen sittlich, ehe die Philosophen ein unbestrittenes Moralprincip aufgedeckt haben. Der Verfasser wird dies alsbald an seinen vielen Kritikern und Gegnern gewahren. Trotz vieler geistreichen Bemerkungen und wahren Beobachtungen wird das dickleibige Buch als verfehlt erachtet werden müssen. Wir unsrerseits wurden von Herrn v. Hartmann nicht überzeugt, daß das wahre Moralprincip allein nicht in Gott als dem sittlichen Ideale liege, und daß nicht von der reinen Gvtteserkenntniß aus allein die steigende Entwicklung der Sittlichkeit im Menschengeschlechte ausgehe. .19*

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