Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1879)
- Date
- 1879-05-06
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
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293 macht er keine Concessionen, läßt sich nicht zu Transactionen herbei, hier tritt sein national-religiöses Bewußtsein in voller Kraft, in aller Schärfe, ja oft Schroffheit auf, hierin allein will er ganz Jude bleiben, weil er hierin allein seinen Beruf als Jude erkennt. Dieser Geist hat die Kämpfer für die Sache Gottes in allen Zeiten, von den alten Propheten an bis auf die neuesten Sprecher für das Judenthum, beseelt. Ihnen gegenüber gab es jedoch und giebt es auch jetzt noch eine nicht unbeträchtliche Zahl von Juden, die auch diese Grenze nicht innehalten, die auch in der Religion nicht gern als Juden erscheinen wollen. In den ältesten Zeilen haben die Juden fremden Göttern nachgebuhlt; gewiß nicht, weil sie die Götzen für besser hielten, als ihren Gott — denn dazu waren sie doch Wohl als Juden zu gescheidt — sondern weil ihnen der fremde Cultus den Schein gab, als wären sie nicht Juden, sondern Phönicier, Aegypter, Babylonier u. dergl. In der neuesten Zeit giebt sich diese Neigung ähnlich in dem Streben kund, die Cultusformen fremder Religionen nachzuahmen. Diese Nachahmung ist so lange uuschädlich, als der Geist des Judenthums von ihr nicht berührt wird. Besser freilich ist es, wenn ein Organismus sich von Innen aus verjüngt, als daß man ihm äußerlich einen fremden Schmuck umhängt. Mit dem Mangel an Nationalsinn hängt es zusammen, daß die Juden niemals gute Politiker waren. Sie haben es nie verstanden, ein starkes, compactes Reich zu bilden. Immer war ein Theil ihres Landes in der Gewalt ihrer Nachbarvölker; nur während -der Negierung David's hat das Volk eine kurze Glanzperiode politischer Unabhängigkeit gehabt und das Symbol der Volkseinheit war der von Salomon nach dem Willen seines Vaters gebaute Tempel. Nach Salomon's" Tode trat die Spaltung des Volkes ein, welche die endliche Auflösung der Reiche Israel und Juda und die Zerstörung des Tempels zur Folge hatte. Die nach Babylon in die Gefangenschaft geführten Juden thaten Alles für ihre religiöse. Nichts für ihre politische Wiedergeburt; die Rückkehr nach Palästina und den Wiederaufbau des Tempels verdankten sie allein der Gnade des Perserkönigs Cyrus. Nur ein kleiner Theil machte Gebrauch von der Erlaubniß der Heimkehr; der größere und reichere Theil blieb in Babylon. Diese Erlösung aus dem ersten Exil war also durchaus keine politische; denn die Juden standen Jahrhunderte lang unter der Herrschaft der Perser, der Aegypter und Syrer. Ohne einen Versuch der Befreiung zu machen, waren sie vielmehr die treuesten Unterthanen fremder Herrscher. Erst als die syrischen Könige ihre Religion anzulasten wagten, da ergriffen sie für die Sache Gottes ih.re Waffen und erkämpften sich ihre religiöse Freiheit. Nur eine kurze Zeit behaupteten sie unter den Makkabäern auch den Schein einer politischen Unabhängigkeit durch den mächtigen Schutz der Römer. Aber gerade dieser Schutz wurde ihnen, wie allen Völkern, verhängnißvoll; aus Bundesgenossen wurden sie Unterthanen der Römer, an denen diese ihre Nivellirungsversuche, wie an anderen Völkern, machten. Doch die Juden wollten und konnten sich nicht romanisiren lassen, wie die Gallier, Hispanier, Britten und andere Völker; ihre Religion trat hindernd dazwischen. Die Römer vermochten zwar ihr Land zu verwüsten und ihren Tempel zu zerstören; aber besiegt haben sie die Juden nicht: das Römerthüm ist untergegangen, das Judcnthum besteht heute noch. Der Jude weiß es, daß seine Existenz nicht an die Scholle des heiligen Landes und an die todten Mauern des Tempels gebunden ist. Als noch der Tempel stand, gab es schon zahlreiche Colonien von Juden in allen Ländern Europas, Asiens und Afrikas, wo sie freiwillig unter fremder Herrschaft lebten. Nicht nach politischer Unabhängigkeit, sondern immer nur nach religiöser Freiheit haben die Juden gestrebt; ihrer Sehnsucht nach Jerusalem und dem Wiederaufbau des Tempels lag immer nur der Wunsch zu Grunde, Gott nach dem Gesetze zu dienen. Nach dem letzten unglücklichen Aufstande unter Bar Cochba haben sie alle gewaltsamen Versuche der Befreiung für immer aufgegeben. Als der Kaiser Julian ihnen Jerusalem zurückgeben und den Tempel wieder aufbauen wollte, da wollten sie nicht, in der richtigen Erkenntniß, daß eine solche Restauration doch nur von kurzer -Dauer sein würde. Es setzte sich vielmehr die Ueberzeugung fest, daß erst die Gottesidee überall durchgedrungen, Haß und Bosheit gewichen und das Reich des Frevels gestürzt sein müsse, che Jerusalem frei und der Tempel wieder aufgebaut werden könne. Sie machten, mit einfachen Worten, die Wiederherstellung des dem einen und einzigen Gotte geweihten Hauses von dem sittlichen Fortschritte der Menschheit abhängig. Und wer von uns wollte an diesem Fortschritte verzweifeln? Ist es eine Schwärmerei, zu hoffen, daß doch einst die Zeit kommen wird, wo die Völker den Juden die Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen tvcrden, daß sie es waren, die für die höchsten sittlichen Ideen gekämpft und gelitten haben und daß ihnen als Vergeltung für ihre tausendjährigen Leiden wohl der Platz auf Moria zu gönnen wäre, das Heiligthum ihrer Väter wieder aufzurichten? Wäre ein solcher Act der Gerechtigkeit nicht der höchste Triumph für die Menschheit? Legte er nicht Zeugniß ab von dem Siege der Wahrheit, des Rechtes und -der Liebe über das Vorurtheil, die Gewalt und den Haß? Wäre nicht der tviedererstandene Tempel das Symbol der Versöhnung der bisher durch den Glauben getrennten Völker, das Zeichen der Einheit nicht blos Israels, sondern der ganzen Menschheit? In diesem, nicht in dem Sinne, als sollte einst eine Maffeneinwanderung der Juden nach Palästina, eine gewaltsame Wiederherstellung eines jüdischen Reiches stattfinden, haben die Verfasser unserer Gebete die Bitte um den Wiederaufbau des Tempels aufgefaßt, wie ja schon der Prophet verkündet hat, daß Zion erlöst wird durch das Recht und die zu ihr zurückkehren, durch Gerechtigkeit. (Schluß folgt.)