Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1879)
- Date
- 1879-05-06
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227231-3227251--37123-3256511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
292 Wir kommen jetzt zur Cultusfrage. Hierüber hat neuerdings Herr Rabbiner Joel in Breslau in einer Broschüre, „Zur Orientirung in der Cultusfrage", ein vermittelndes Wort vernehmen lassen. Wir werden auf diese Schrift Bezug nehmen. Daß die Form unseres bisherigen Gottesdienstes noch mancher zeitgemäßen Verbesserungen bedarf, darüber sind wohl Alle einig. Einiges ist schon geschehen. Vieles ist noch urnzugestalten. Im Allgemeinen können wir den Grundsatz aufstellen: Der Gottesdienst muß vereinfacht und veredelt werden, doch so, daß er seinen specisisch jüdischen Charakter nicht einbüße. Die hebräische Sprache muß beibehalten werden; sie ist noch das einzige Band, das das zerstreute Israel vereinigt. Daraus folgt aber nicht, daß deutsche Gebete ganz auszuschließen seien; wo sie ihre passende Stelle finden, da gönne man ihnen einen Platz. Herr Joel verlangt mit Recht, daß die alte liturgische Form in hebräischer Sprache beibehalten und aus den späteren Zusätzen eine Auswahl getroffen werde. In dem liturgischen Text schlägt er auch einige Aenderungen vor als zeitgemäß, ist aber hierin weit conservativer als Andere. Eine bekannte Autorität hat alle Stellen streichen oder ändern wollen, in welchen Israel als das auserwählte Volk Gottes bezeichnet wird, wohl meist in Rücksicht auf Andersgläubige, die hierin den jüdischen Hochmuth erblicken.. Herr Joel spricht sich dagegen aus und ich stimme ihm vollkommen bei. Daß Israel zum Bewahrer und Träger der Idee des einen und einzigen Gottes von seinem ersten geschichtlichen Auftreten an durch alle Zeiten bestimmt war, ist eine ebenso wenig wegzuleugnende historische Thatsache, wie die, daß es diese - seine Mission bis auf den heutigen Tag treu erfüllt hat, daß es wie kein anderes Volk der Märtyrer dieser höchsten Idee der Menschheit war und noch ist. Warum sollen wir uns dessen nicht rühmen? Erkennen wir diesen unseren Vorzug nicht an, wozu lohnte es sich, noch länger Jude zu bleiben? In dem Bekenntniß dieses Vorzugs spricht sich nur das Bewußtsein unseres von Gott gegebenen geschichtlichen Berufes aus, und damit ist durchaus keine Verachtung anderer Nationen, keine Verkennung ihrer Verdienste um die Menschheit, keine Ansprüche auf irgend eine Bevorzugung oder gar auf eine Herrschaft über die Völker verbunden. Wir Juden würden getviß nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, wenn etwa die Griechen zu Perikles' Zeiten also gebetet hätten: „Wir danken Euch, Ihr Götter, daß Ihr uns aus allen Völkern erwählt und uns das Gesetz der Schönheit und der Kunst gegeben habt." Die heutigen Griechen können freilich nicht mehr so beten; sie haben ihre Mission vergessen. Sie, die früher den Barbaren gegenüber sich als Hellenen fühlten, sind jetzt selbst Barbaren. Mit uns ist es anders. Die Idee eines einigen Gottes, einer sittlichen Weltordnung, eines Fortschreitens der Menschheit zum Besseren ist unter uns entstanden, wir haben sie Jahrtausende lang bewahrt unter Kämpfen und Stürmen, haben für sie unser Blut und Gut geopfert und verwenden jetzt, in ruhigeren Zeiten, für sie unsere geistige Kraft, sie der Welt immer reiner zum Bewußtsein zu bringen. Roch ist diese Idee nicht Gemeingut der Menschheit, noch ist sie vielfach verkannt und getrübt; daher dauert auch bis zu dem Tage, wo der Herr sein wird Einer und sein Name Einer, unsere Aufgabe noch fort, und so lange wollen wir uns unserer Erwählung rühmen. Man hat ferner alle diejenigen Stellen aus unseren Gebeten streichen wollen, die von der einstigen Erlösung Israels handeln, die die Bitte enthalten um die Rückkehr nach Jerusalem und den Wiederaufbau des Tempels. Unsere Gegner haben darin den Grund der Beschuldigung gefunden, daß der Jude bei der Sehnsucht nach seinem früheren Vaterlande nirgends ein guter Bürger sein könne, während man umgekehrt von Juden häufig die Aeußerung hört: „Wir würden, selbst wenn es uns gestattet wäre, wieder nach Jerusalem zu kommen und dort ein selbstständiges.Volk zu bilden, doch nicht hingehen." Beide sind in d§m Wahne, als handle es sich in diesen Gebetsstellen um den Wunsch nach politischer Selbstständigkeit, nach der Restauration des Reiches Israel. Es giebt vielleicht kein Volk, in welchem der Nationalsinn so wenig ausgebildet''ist, wie bei den Juden, keine Nation, die so wenig von sich hält, wie die Juden. Von jeher haben sie das Eigene verachtet und das Fremde geliebt, nicht immer, weil es besser, sondern weil es eben fremd war und dazu diente, ihre Nationalität zu verdecken. Kein Volk hat in fremdem Lande so schnell die fremde Sprache, die fremden Sitten und Anschauungsweisen angenommen, keines'sich so willig in die oft drückenden Gesetze fremder Herren gefügt, als die Juden. Weit entfernt, diesen Mangel an Nationalsinn zu beklagen, halten wir ihn vielmehr für ein Glück. Nur durch ihn war es möglich, daß die Juden als Volk im politischen Sinne untergingen, um als Neligionsgesellschaft fortzudauern, daß sie als wahre Kosmopoliten mit allen Culturvölkern alle Phasen der Culturentwicklung durchmachen und sich mit ihnen an dem großen Werke der Civilisation betheiligen konnten, das im Alterthum die Griechen, im Mittelalter die Araber und in der neueren Zeit die romanischen und germanischen Völker förderten, daß sie endlich, nachdem die politische und.sociale Scheidewand, die sie früher von der anderen Bevölkerung getrennt, gefallen ist, als treue Bürger für das Wohl ihres Vaterlandes in allen Richtungen redlich mitzuwirken im Stande sind. Dies? Schmiegsamkeit und Elasticität hat jedoch, wenigstens bei dem besseren Juden, ihre bestimmte Grenze. In allen anderen Dingen läßt er sich gern von dem Fremden beeinflussen, geht er ohne Widerstreben in die Nationalität des Volkes, unter dem er lebt, völlig auf, nur nicht in seiner Religion. Hier zeigt er einen unerschütterlich festen Charakter, den unsere Gegner freilich' Hartnäckigkeit genannt haben; hier