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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-29 · Heft 18 (29.4.1879) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 18 (29.4.1879)
Date
1879-04-29
Page
Seite 281 (sequence 9)
Language
German
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281 orientalische Schlauheit, der selbst die europäische Diplomatie nicht gewachsen ist! Rumänien. Bukarest, 9. April. Die Zeit der Wahlbewegung für die Constituante ist von ebenso vielem Interesse wie von Bedeutung für die Zukunft Rumäniens. Es wird daher eine kurze Schilderung am Platze sein. Die Gegner des Ministeriums bieten alle ihre Kräfte auf, um bei den Wahlen den Sieg davonzutragen und dadurch die gegenwärtige Regierung zu stürzen. Nicht allein die conservative (Bojaren-) Partei macht, wie ich Ihnen bereits geschrieben habe, die größten Anstrengungen, um die Wahlen in ihrem Sinne durch die reichlich zu Gebote stehenden Mittel zu beeinflussen, sondern auch die Moldauer Fraktion, welche die eigentlichen Judenfeinde in Rumänien repräsentirr, hat in den letzten Tagen Versammlungen abgehalten und Comitvs gewählt. Dieser für sich allein höchst gefährlichen Partei hat sich der ehemalige Minister des Auswärtigen, Herr Kogalniceano, angcschloffen und wird jetzt den Einfluß, welchen er als Mitglied des Cabinets Bratiano erworben hat, dazu benützen, um dasselbe Cabinet mit Hülfe der Fraktion, welche bis dahin seine bittersten Gegner umschloß, zu stürzen. Tie beiden Oppositions-Parteien haben, wie aus der Haltung ihrer Partciblätter deutlich hervor geht, den Widerstand gegen die Emancipation der Israeliten auf ihre Fahnen geschrieben, um damit einen Eindruck auf die leicht bethörte Masie des Volkes zu machen und die Wahlen zu ihren Gunsten zu lenken?) Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur darin, daß bei der Bojarenpartei die Agitation gegen die Emancipation der Israeliten Mittel zum Zweck ist, und daß sie, falls sie diesen Zweck erreichen und die Erecutivgewalt in die Hand bekommen sollte, sich wahrscheinsich bemühen würde, die Bedingungen, welche der Berliner Congreß Rumänien auferlegte, zu erfüllen. Die Fraktion dagegen, mit welcher sich Kogalniceano fusionirt hat, ist cntschlosten, sich der Emancipation der Juden unter allen Umständen zu widerfctzen und die Beschlüste des Berliner Congrefses, welche sich auf die Gleichstellung aller Eulte in Rumänien beziehen, bis aufs Mester zu bekämpfen; sie stützt sich dabei auf Rußland, von dem sie das Versprechen hat, daß die Beschlüste des Congrestcs dem Lande nicht mit Gewalt ausgezwungen werden würden. So gewaltige Anstrengungen die Gegner der Regierung jedoch auch machen, um das Ministerium Bratiano durch die Wahlen zu stürzen, so ist die Zahl seiner Anhänger irn Lande, die sich nach dem Kriege noch bedeutend vermehrt hat, immerhin viel größer als die Zahl seiner Feinde. Es ist daher ge- 1) Hierin hat ihr eben Bratiano das Beispiel gegeben! DUfcaction. gründete Aussicht vorhanden, daß es bei den Wahlen den Sieg davontragen und in der Lage sein wird, die Emancipation der Israeliten in Rumänien durchzuführen, indem es sich auf die große Mehrheit der! Bevölkerung stützt. . > X Rußland. Petersburg, 10. April. Wo selbst von den Gerichtshöfen aus der Aberglaube und der Religionshaß genährt wird, da bleiben die Folgen auch im Volke nicht aus. Die russische Petersburger Zeitung schreibt: „Einige Unbekannte haben in Moskau das Gerücht circulircn lasten, daß ein Polizcisoldat jüdischer Confession einen Knaben in seinem Wächterhäuschen, nahe an der Krim'schen Brücke, umgebracht habe, indem er ihm den Hals aufschnitt, das Blut in einem messingenen Keffel aussing und dieses den Juden zur Celebrirung des Pastah- Festes verkaufte. Das Gerücht fügt hinzu, daß der Soldat bereits sieben, anderen Versionen nach — zwölf Christenknaben auf dieselbe Weise und zu demselben Zwecke geschlachtet habe, und daß die Polizei, die bei dieser Gräuelthat betheiligt sei, sowohl den Mord als den Mörder verhehle und auch dem Arme der Gerechtigkeit entziehen werde. . Man ging sogar weiter: zum 20. März (!. April) war die Erschießung des Mörders angesagt, und als am genannten Tage ganze Volksmengen sowohl aus der Stadt als aus deren Umgegend auf das „Jttngfernfeld" pilgerten, um der Execution beizuwohnen, war der Auflauf so stark und das alberne, boshafte Gerücht so fest eingewurzelt, daß einige besonders vorlaute Pilgersleute zur Beruhigung und Abkühlung ihres eigenen Blutes einstweilen in Polizei-Arrest wandern mußten. Wenn dergleichen in Moskau passiren konnte, wer. kann dafür einstehen, daß ein eben solches Ercigniß wo nicht in diesem, so doch int nächsten Jahre in unserem Westen geschieht, und zwar dann mit weit ernsteren Folgen als hier?" Petersburg, 13. April. (Privatmitth.) Nach mehreren früheren, nach einiger Zeit immer wieder aufgegebenen Versuchen haben wir jetzt die Aussicht, ein russisches Blatt für die Interessen des Judenthums zu erhalten, das, wie wir hoffen, eines dauernden Bestandes sich erfreuen werde. Es ist ja nicht zu verkennen, daß die Zeit dafür reifer geworden: die russische Sprache hat unter den Juden rasch eine ausgedehnte Verbreitung gefunden, und sie haben ein größeres Verständniß für das öffentliche Leben gewonnen, so daß sie wissen, wie viel eine energische Vertretung in der Oeffentlichkeit Werth ist. Die kaiserliche Negierung hat dem Schuldirector Laser Behrmann die Erlaubniß zur Herausgabe eines solchen Blattes ertheilt, und dieser bereits namhafte Kräfte gewonnen. Das Blatt wird den Titel führen: „Der russische Jude" und die erste Nummer im Mai d. I. erscheinen. Vorläufig wird es als Wochenschrift herausgegeben. Von vornherein ist mit der 18

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