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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-29 · Heft 18 (29.4.1879) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 18 (29.4.1879)
Date
1879-04-29
Page
Seite 280 (sequence 8)
Language
German
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280 wenn man erfährt, daß in der Theaterkasse seit einiger Leit eine bedenkliche Ebbe eingetreten ist. Was nun die Juden betrifft, so verhalten sich diese vorläufig abwartend; es ist indeß als bestimmt anzunehmcn, daß sie den verlockenden Sirenenrufen der Polen nicht so ohneweiteres Gehör schenken werden. Die von gewisser Seite ausgesprochene Vermuthung, daß sich die jüdische Bevölkerung diesmal von der Wahlaction gänzlich fernhalten werde, hat, wie wir versichern können, nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich. Frankreich. Paris, 16. April. (Privatmitth.) Man sollte doch denken, daß die ultramontane Presse in Frankreich und Belgien gegenwärtig alle Hände voll zu thun habe mit ihrer eigenen Sache. Denn wenn die den Kammern beider Staaten jetzt vorliegenden Gesetzentwürfe angenommen Werder:, so ist es mit der Herrschaft der Geistlichen in der Schule, und zwar von der Volksschule bis zur Universität, aus. Man ist daher von ultramontaner Seite auf's Energischeste in den Kamps eingetreten. Aber es hat sich bei diesen Herren so viel Galle aufgehäuft, daß. immer noch ein gut Theil davon auch für andere Kreise übrig bleibt, So hat die hiesige.ultramontane „Union" noch Leit und Lust, eine Seeschlange der Judenfeinde einmal wieder auf der Oberfläche erscheinen zu lassen. Die Engländer, versichert sie, haben entdeckt, „daß die Juden massenhaft nach Palästina auswandern". Und die englischen Staatsmänner (soll Wohl Lord Beaconsfield heißen) beschäftigen sich schon mit einem Project, das ihnen von einer Anzahl jüdischer Finanzleute aufgetischt wird: es handle sich dabei um nichts weniger, als das gelobte Land den geldarmen Türken abzukaufen; die Kaufsumme würde fixirt, in Actien getheilt und dadurch auch den Christen die Möglichkeit gegeben, sich durch massenhafte Betheiligung die Juden vom Halse zu schaffen; als Haupthinderniß dieses hochherzigen Unternehmens gelte bis jetzt die Abneigung der Türken, sich von ihrer Omar-Moschee in Jerusalem zu trennen! — So weit die „Union" Es ist selbstverständlich Alles aus der Luft gegriffen. Wahr ist, daß sich die jüdische Bevölkerung zu Jerusalem im letzten Jahrzehnt verdoppelt hat. Was wollen aber 7- oder 8000 Juden in der alten Stadt unsrer Väter bedeuten? In jeder europäischen und amerikanischen Großstadt befinden sich vier oder fünf Mal so viele. Auch ist bereits der Zufluß zum Stehen gekommen, da bei einer größeren Vennehrung die Noch unerträglich würde. Daß sich die „Union" zuletzt über die Türken und ihre Omar-Moschee lustig macht, ist ein schlechter Spaß; diese steht doch wenigstens sicher auf der alten Tempelstätte, während die christlichen Heiligthümer zu Jerusalem bekanntlich nicht die geringste geschichtliche und topographische Kritik aushalten, und doch die blutigsten Kämpfe um ihren Besitz sahen und noch jetzt jährlich Schlägereien der christlichen Secten um sich entbrennen sehen! Belgien. Brüssel, 16. April. Kaum ist die jüdische Friedhofsfrage Hierselbst geordnet, so beginnt sie in Antwerpen eine brennende zu werden. Vor einigen Monaten untersagte der Communalrath dort die Beerdigungen nach jüdischem Ritus und gebot die Vornahme derselben auf dem konfessionslosen Kirchhofe. Die Juden erhielten aber vom Communalrath zu Nivelles, wo noch eine besondere Abtheilung für jüdische Gräber existirt, die Erlaubniß, die Todten nach jüdischem Ritus beizusetzen. Wegen dieses Actes der Toleranz haben nun die „Liberalen" von Antwerpen den Communalrath von Nivelles beim Minister des Jnnem denuncirt, auf dessen Entscheidung man gespannt ist. — Schweden. Gothenburg, im April. Der vor Kurzem hier verstorbene Herr Ed. Magnus, dessen Nekrolog wir in Nr. 9 gebracht, hat nach Mittheilung in den öffentlichen Blättern 200,000 Rthlr. zur Begründung einer freien Universität in Gothenburg legirt. Serbien. Belgrad, 12. April. Nachdem die Gleichstellung aller Culte decretirt, und die europäischen Großmächte bewogen wurden, die Unabhängigkeit Serbiens durch Ernennung von Geschäftsträgern anzuerkennen, scheint den Machthabern in Serbien die Zeit gekommen, Rückschritte zu machen und Beschränkungen wieder eintreten zu lassen. Man telegraphirt von Belgrad unter dem 12. April: „Um nach Gleichstellung der Juden eine eventuelle starke Einwanderung rumänischer Israeliten zu verhüten, will die Negierung der Skupstina Vorschlägen, daß die Etablirung von Geschäften nur nach vorausgängiger Erlaubniß der kommerziellen Korporationen und der Gemeindebehörden zulässig sein solle. Diese „vorausgängige Erlaubniß" gleicht einem Niederlassungsverbote auf's Haar. Denn die „kommerziellen Korporationen" werden keine Konkurrenz zulassen. Auch ist die Einwanderung rumänischer Juden nur ein Vorwand, da zunächst die serbischen Israeliten selbst das Bedürfniß fühlen möchten, sich im Lande an allen den Orten wieder niederzulassen, von wo sie in der Periode der Intoleranz vertrieben worden. Ein Gesetz, wie das beabsichtigte, vermeidet jede Bezeichnung eines Cultus; man erkennt aber leicht, wohin dessen Spitze gerichtet ist. DaS ist —

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