Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1879)
- Date
- 1879-04-29
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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279 Wien, 16. April. (Privatmitth.) Wie ich Ihnen aus guter Quelle berichten kann, wird das Cultusministerium demnächst das Musterstatut für die jüdischen Gemeinden in Oesterreich veröffentlichen. Es wird dadurch einem wahrhaft dringenden Bedürfnisse abgeholfen werden, denn die meisten Gemeinden besitzen entweder gar kein Statut, oder daffelbe stammt aus einer Zeit, die mit den jetzigen Verhältniffen außer Zusammenhang steht. Wie ich höre, wurde bei einzelnen Fragen Herr Profeffor G. Wolf hier zu Rathe gezogen. Nach dem Statute wird die Autonomie der Gemeinde gewahrt, den berechtigten Wünschen der Parteien, wo solche bestehen, Rechnung getragen, hingegen etwaigen Fraktionen die Möglichkeit entzogen, sich an die Stelle der Gemeinde, resp. Stelle des Vorstandes zu setzen. Bei Gelegenheit der bevorstehenden silbernen Hochzeitsfeier des Kaiserpaares wird auch der Vorstand der israel. Cultusgemeinde hier eine Glückwunschadreffe an den Stufen des Thrones niederlegen. Hervorgehoben mag "werden, daß der Verfaffer der diesfallsigen Adreffe der Gemeinderath der Residenzstadt, Herr Di-. Leopold Kompert, ist. Herr Prediger Dr. Jellinek benutzte diesen Anlaß zu einer Predigt am siebenten Tage des eben verfloffenen Pasiasestes. In geistreicher, höchst anregender Weise verband er mit dem bevorstehenden patriotischen Feste das Hohe Lied, welches am siebenten Paffafeste an der Tagesordnung ist. Pest, 10. April. (Privatmitth.) Der k. ungar. Unterrichtsminister hat in einer jüngst erlaffenen Verordnung ausgesprochen, daß die Schüler der Mittelschulen (Gymnasien und Realschulen) um aus der Religionslehre eine gültige Claffe erhalten zu können, verpflichtet seien, an dem Unterrichte des von der Confession bestellten Religionslehrers theilzunehmen. Wer daran nicht theilnimmt und kein auf diese Weise erworbenes Fortgangszeugniß aufzuweisen vermag, kann in die nächsthöhere Claffe nicht aufsteigen. Den 8. d. M. starb der Oberrabbiner I. A. Landesburg in Großwardein im Alter von 75 Jahren. Landesburg, eine talmudische Capacität, tvar, obgleich der orthodoxen Richtung angehörend, ein entschiedener Gegner der Schomre- Hadath-Partei. Lemberg, 12. April. Ueber die eigcnthümliche Gestaltung der politischen Verhältniffe in Galizien, wo sich die Polen, Ruthenen und Juden in ihren politischen Tendenzen so oft gegenüberstehen, enthält die N. Fr. Pr. folgende Correspondenz: Die Verständigung der Polen mit den Juden bei den kommenden Reichsraths-Neuwahlen dürfte viel leichter von statten gehen, als dies nach den früheren Vorfällen zu erwarten gestaltung ihres Cultus deren Beschlüsse nicht beachtet, und dadurch sich einem einheitlichen Gang entzogen haben. Hierin können wir dem Berl. Corr. nur Recht geben. Redaetion. war. Man weiß, daß die galizifchen Juden im Jahre 1873 durch das wenig urbane Vorgehen des polnischen Central-Wahlcomitos oder vielmehr deffen Obmannes, Dr. v. Grocholski, förmlich. dazu gezwungen wurden, sich den Ruthenen anzuschließen und mit diesen vereint den Polenführern eine Reihe von Niederlagen zu bereiten, von denen sich die Letzteren — wie der erst neulich vom Abgeordneten Kozlowski erstattete Bericht deutlich beweist — noch lange nicht erholt haben. Aus der nur gering respectirten Abgeordneten-Trias (Janowski, Bodnar und Wlodek), welche die ruthenische Bevölkerung Galiziens in dem von den Landtagen beschickten Reichsräthe vertreten hatte, ist nun in der gegenwärtigen Legislatur-Periode, Dank der energischen Haltung der israelitischen Wählerein eigener Club von nahezu zwanzig Mitgliedern entstanden, deffen Beschlüffe den übennüthigen Polen so manche bittere Demüthigung und Kränkung eintrugen. Da also die Matadore der polnischen Partei zur Einsicht gelangt sind, daß sie einzig und allein durch ihren Mangel an politischem Tact die sonst nicht besonders kampfeslüsternen Juden in die Opposition gedrängt haben, so kann es Niemanden befremden, wenn sie jetzt alles Mögliche aufbieten, um den früher begangenen Fehler, soweit es eben geht, wieder gutzumachen; in ihren Relationen an die Wähler weisen sie zu ihrer Beschämung offen darauf hin, daß sich die Jungruthenen, welche doch den polnischen Zwecken dienstbar gemacht werden sollten, als unverläßliche Bundesgenossen erwiesen haben, weshalb es nun dringend geboten sei, wenigstens mit den argverhetzten Juden baldmöglichst Frieden zu schließen. Im Sinne dieser reumüthigen Gesinnung der Alten geberden sich diesmal auch die Jungen — Allen voran Herr Jan Dobrzanski, der sich bekanntlich seinerzeit durch seinen politischwirthschaftlichen Feldzug gegen die Juden einen Ruf zu erwerben verstand. Wir wissen nicht, ob dieser moderne Haman sich damals grimmiger stellte, als dies nach seiner zartangelegten Natur begründet war, oder ob er sich dadurch, daß ihm die jüdischen Wähler zwischen Lipp' und Kelchesrand ein Reichsrathsmandat entrissen, wirklich zu einer andern Ansicht über die „Landplage Galiziens" bekehrt hat; Thatsache ist aber, daß er seit einiger Zeit bereits gelindere Saiten aufzuziehen beginnt und sich sogar rttil jüdischen Rathgebern umgiebt, die ihre Ehre darein setzen, den zahm gewordenen Judenfeind als ihren Freund und Protektor laut zu preisen. Um seine Versöhnlichkeit noch auffälliger zu documentiren, verfiel Herr Dobrzanski jüngsthin auf ein curioscs Auskunftsmittel, das hier gegenwärtig fast den ausschließlichen Gegenstand des Stadtgespräches bildet; in seiner Eigenschaft als Theater-Director ließ er an sämmtlichen Straßenecken eine in deutsch-jüdischer Sprache abgefaßte'Proklamation affichiren, worin das schmollende jüdische Publicum zum Theaterbesuch ganz ergebenst eingeladen wird. Die Lage, in der sich der genannte Herausgeber der Gazeta Narodowa befindet, vermag man vielleicht besser zu würdigen,